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2013-01-27

Satori in L.A.




Satori in L.A.

Von den einundzwanzig Tagen in L.A. landete jeder erster Morgenblick von mir auf der Leinwand neben meinem Bett: Ein Münchner im Himmel. Den Titel hätte ich niemals erraten. Im Halbdunkel von Hanks Atelier glaubte ich in dem abstrakten Liniennetz immer eine Weltkarte sämtlicher Munitions- und Waffendepots samt Lieferantenrouten zu erkennen, so sehr glich das Bild einem Geheimplan, und hinter einem Geheimplan steckt immer die Logik des Militärs. Wir ziehen in den Wirrwar wäre mir als Bildunterschrift und Persiflage auf solch eine Kartographie ganz plausibel erschienen. Aber Hank sagte "Nee, kuck doch...", und führte mir die Verwandlung von Truppenbewegungen zu Wolken und von Brennpunkten zu Bierkrügen und rings durch den Raum seine anderen Bilder vor, frisch  aufgestaffelt noch das blaue
Poolposter nach David Hockney. Blau in blauem Löschwasser
stand es hier bereit, im Schindler House in West Hollywood,
als löschendes Element für LA is on Fire; eine Gruppen-ausstellung, die in wenigen Tagen in der David Lawrence
Gallery, drüben in Beverly Hills, auf die Feuerwalze vom 
letzten Spätsommer anspielen sollte. Als die hungrigen Flammen von den Hügeln bis nach Santa Monica runtergezüngelt waren. Aloisius Hingerl, der Engel aus Ein Münchner im Himmel, er hätte das Feuer sicher mit Bier gelöscht.

Kraulte ich vormittags den Kopf im Nacken in den ozeanischen Himmel getauchte Palmen und Orchideen im Blick durch die Vorgartenlagune der Cochran Avenue runter bis zum Pico Boulevard, krochen mir nach wenigen Schritten beissende Brandbilder in die Nase. Von einem inneren Warnsystem kuratierte Bilder, einem Meister des Realismus, der die prächtigsten Villen binnen Sekundenbruchteilen entwerfen, bauen und abrauchen lassen kann. Kopfkino, immer der Lunte nach. Dann war es nur der Ruß, der noch roch, als das italienisch angehauchte Schlösschen vor mir auftauchte. Am Tag vor meiner Ankunft soll es ein einzelgängerisches Feuer in einen sorrentinischen Holzofen verwandelt haben. Jetzt sah es aus wie ein verbranntes Capriccio, und machte nicht den Eindruck auf mich, jemals richtig real existiert zu haben. "Warmer Abriss", raunte Brandherdexperte Roberto Ohrt. Der Phantomforscher kennt sich aus mit Rauchzeichen – in seinem Badezimmer umspannt ein mit Worten ausgestanzter Lampenschirm eine Glühbirne, die, einmal angeknipst, als Laterna Magica ringsherum die Wortlichter in girum imus nocte et consumimur igni kreisen lässt. Das Anagram von Heraklit. Guy Debord hatte es einst wiederbelebt. Vorwärts wie rückwärts dreht es sich nun in Robertos Bad, Heraklits und Debords "Nachts gehen wir im Kreis und werden vom Feuer verspeist". Bei unserer ersten Begegnung in St. Pauli, unweit von dem lateinisch lichten Wortbad, wollte ich von ihm wissen, was eigentlich aus der situationistischen Internationale geworden sei. "Die ist gerade unterwegs", antwortete Roberto.
Und jetzt saß er da, in Hanks weißem Haus in West Hollywood, ganz Albert Finney in seiner Verkörperung des Konsuls in John Hustons Unter dem Vulkan–Verfilmung, mit dem Unterschied dass Robertos Sonnenbrille weiß gerändert ist. Saß da und teilte mir bei einer Partie Herz ist Trumpf einen Rat aus: "Du darfst nicht vergessen Abzuheben." Und genau das schätze ich mal ist mit dem LAND passiert, das einst hinter den Lettern von HOLLYWOOD stand. Vier Buchstaben, die nun fehlen wie die Filmrollen von Four Devils, Murnaus verschollenem Trapezfilm – abgehoben und in die Lüfte entschwunden.

Und ich denke an den Landeanflug zur Stadt der Engel, und an den Himmel über Berlin, in dem ja auch zwei Engel hocken, Bruno Ganz und Otto Sander. Der Wunsch, am Leben der Sterblichen teilzuhaben, wird bei Damiel alias Bruno Ganz so groß, dass er dafür bereit ist, auf seine Unsterblichkeit zu verzichten. Er lässt sich in die Welt hineinwerfen und verliebt sich in die Trapezkünstlerin Marion alias Solveig Dommartin, die sich nichts mehr wünscht, als sich von der Erdschwere lösen zu können. 
Neben mir, auf dem Flug von München nach Los Angeles, sitzt vielleicht kein Engel, aber eine Exil-Berlinerin. Ich mag diese Frau, die mir ihre ganze Geschichte erzählt. Die davon handelt, wie sie es geschafft hat, sich von der Berliner Erdschwere zu lösen. Von ihrer Flucht über die Ost-West-Grenze, im Kofferraum eines Diplomatenautos. 1977 war das, zehn Jahre bevor Wim Wenders nach Berlin kam, um den Himmel zu filmen. Mit ihrem ersten Mann, einem Physiker, zog sie zunächst nach Boston, und nun lebt sie getrennt und glücklich in Naples, Floridas Neapel. 
In diesem Moment öffne ich wieder meine Fluglektüre, starre sprachlos auf den Satz, auf den mein Blick im Buch von Enrique Vila-Matas fällt, falle wie aus allen Wolken. Der flüchtige Doktor Pasavento hat beschlossen zu verschwinden und verrät an dieser Stelle endlich dem Leser, also mir, wo er sich momentan aufhält: In Neapel.

Nicht ganz vierzehn Jahre zurückgeblättert. Im Sommer 1994 kaufte ich mir unterwegs nach Neapel an einer Tankstelle ein Tape, ein Album von David Bowie. Das 1977 mit Tony Visconti in Berlin – Hansa by the Wall steht als Studioname im Booklet – aufgenommene Heroes. Natürlich werden wir bei Heroes immer an die fünfzehnjährige Christiane F. denken. Wir, denen uns als Fünfzehnjährige der Bahnhof Zoo von Uli Edel in der Schule gezeigt wurde. Denken an die Szene, da Christiane und Detlef vor den Bullen aufs Dach vom Europa-Center flüchten und von dort oben unter dem blauweiß leuchtenden, und bis in alle Ewigkeit rotierenden Mercedes-Stern über die Brüstung wie zwei Engel ohne Flügel auf Berlin blicken, während Bowie, Eno und Fripp mit dem flirrenden Brandungsrauschen von Heroes unten im Parterre die Zeit in Schach halten. Nur wenige Monate vor meiner Reise nach L.A. war der Mercedes-Stern mit seinen zehn Metern Durchmesser und den 680 Leuchtstoffröhren erstmalig zum Stillstand gekommen. Man hatte die Motorik unter Hubschraubereinsatz im April 2007 reparieren lassen. Und ich denke an dieser Stelle an ein anderes Buch von Vila-Matas, das irgendwo im Kofferraum der Zeit zwischen 1977 und 2007 seinen Platz findet – Dada aus dem Koffer, ein dünnes Buch, in welchem ein Unterseeboot namens Bahnhof Zoo auftaucht. Vila-Matas schreibt, er wisse nicht, weshalb er es so nannte, aber nun ergibt sein Einfall Sinn.

Damals, 1994 unterwegs nach Neapel, war ich eigentlich gerade in einer Phase, da ich Platten von Black Flag aus L.A. zu hören und straight edge sein zu verstehen versuchte. Meinen eigenen Verbrennungsmotor pflegte ich allenfalls hochtourig und sportiv anzufeuern, und so kam es, dass ich nun gerade auf der Höhe jener Tankstelle, die Bowie im Kassetten–Drehständer führte, mit einer Überdosis Guarana zu kämpfen hatte. Herzrasen. Puls im Kopf. Panik. Heroes im Walkman beruhigte daraufhin die Nerven wie eine Boje inmitten turbulenten Fahrwassers, eine rettende Leitplanke für die Ohren. 
Bowie soll sich damals die Klangvorstellungen von Conny Plank gewünscht haben, und so soll der Titel auch als Referenz an das Stück Hero von Neu! verstanden werden dürfen. Plank habe aber abgewunken, für ein Popalbum wäre ihm seine Zeit zu schade. Und dann, dank Brian Eno, klangen Low, Heroes und Lodger doch noch nach Plank. Egal ob sich Bowie mal flennend fallen lässt, mal ausgenüchterte Traumbilder evoziert, ich höre das Album heute noch mit den Bildern von Amalfi im Kopf, mit neapolitanischen Treppen rauf und runter, mit Lust auf eine Pizza in Sorrent. Bowies Neuköln hat nur ein "L". Ein Neuköln, das streng genommen geographisch gar nicht verortbar ist, und so höre ich es und bin wieder im Gestrüpp von Capri, laufe den Berg von Capri rauf und runter, erinnere mich an eine Anekdote aus dem Doktor Pasavento, in der Vila-Matas schildert, wie er mit einer Gruppe spanischer Schriftsteller einen Nachmittag auf Capri verbringt, Bernardo Atxaga auf mysteriöse Weise mitten auf der kleinen Insel verschwindet, und erst, als alle nervös geworden sind, wieder auftaucht und erklärt, er habe sich nur unter eine Hochzeitsgesellschaft in der Villa Tiberius gemischt, und Pedro Zarraluki auf der Rückfahrt nach Neapel sauer ist, weil er lieber eine Exkursion nach Pompeji unternommen hätte, und V-2 Schneider höre ich und blicke in den Krater vom Vesuv. 
Zur selben Zeit, 1994, während einer Recherche über die Reise von Malcolm Lowry nach Pompeji, traf Roberto Ohrt die Vulkanologin Charlet Kugel in Neapel, aber damals hatte das noch nichts mit meiner Geschichte zu tun.

Kugels Bild von einem zerstörten Los Angeles hing nun im Januar 2008 gleich links neben Hanks Hockney in der David Lawrence Gallery. Gegenüber die schwarzen Messerschnitte, die Roberto aus Hamburg mitgebracht hatte, und die wir alle gemeinsam ein paar Tage vor der Eröffnung mit dem von Raymond Pettibon geborgten Projektor als Murals hingepinselt hatten. Hinter der Wand wiederum, an der Hank und Kugel hingen, fand sich das kleine Archivzimmer mit den zwei Kippenberg-Skulpturen – zig gerauchte Zigarettenstummel zu supersize-ashtrays geleimt, ein Abgeseng auf smoking times.
Daran musste ich denken, als ich an meinem letzten L.A.–Abend im Capri für einen Moment allein am Tisch zurückblieb, da die Anderen zum Rauchen rausgegangen waren. Daran, und wie ich in jenem kleinen Archiv das Buch Helter Skelter aus dem Regal gezogen hatte, und mir daraus ein böser Fluch von Charles Manson entgegengesprungen kam: "My thoughts will bring fire to your cities". Huch, schnell wieder zugeklappt und nicht dran denken! Daran dachte ich, und was Veronique Bourgoins Video Now I Wanna Be Your Horse wohl bedeutet haben mochte, das ebenfalls durch jenes kleine Archiv galoppiert war, und fragte mich, ob ich noch weiter auf mein Satori warten sollte, oder ob ich es schon gefunden hatte, nur noch erkennen musste.
Daran also, und wie stimmig vom ersten Moment an alles gewesen war, als ich am Morgen meiner Abreise in Richtung Franz-Josef-Strauss Flughafen in den Bus gestiegen war, und der Bus in meiner Straße schon die Richtung gewiesen hatte: US-Ostbahnhof. "Na klar", hatte ich gedacht, "von den USA aus betrachtet ist jeder europäische Bahnhof ein Ostbahnhof, ein US-Ostbahnhof". 

Das Capri ist ein von Martin Kippenberger gegründetes Lokal in Venice, dem Venedig von Los Angeles. Es ist Teil einer sehr gesättigten aber niemals befriedigten Welt, dachte ich, als ich Raymond Pettibon und seine Sorgenfalten wieder neben mir Platz nehmen sah. Das ist der Mann mit dem chronischsten Stirnrunzeln der Welt, dachte ich, und auch an die Cover von Black Flag, die er gemalt hatte. Deren Abschiedsalbum In My Head mich immer noch wegen der Raumaufteilung im Mix beeindruckt, wegen der Stimmen im Hintergrund und dem Hall, dem nach hinten gedrehten Henry Rollins. Wahrscheinlich hat ihn Raymonds Bruder so leise gedreht, denn im Vordergrund stehen Variationen vom immer gleichen Gitarren-Pattern von Greg Ginn, und Raymond Pettibons bürgerlicher Name ist Raymond Ginn. 
Ihm gegenüber, am Tischkopf, Roberto mit sonnenverbranntem Gesicht. Den Sonnenbrand hatte er vom Skifahren irgendwo in den Bergen, dem Mount San Antonio oder dem Mount Baldy, Raymonds Projektor hatte er im Kofferraum. Apropos Projektor – eine der interessantesten Veröffentlichungen des Jahres 2007 war Rise Above von den Dirty Projectors. Erst beim vierten Hörversuch dieser überdreht beboppten Musik fiel mir auf, was sich David Longstreth da zusammengereimt hatte, was den ganzen Clou bei der Sache ausmachte: Alle zehn Songs stammen aus der Feder von Greg Ginn, aus dem Black Flag Album Damaged. Mit einem völlig konträren Ansatz, der die Texte umso verstörender kommen lässt. Trällernde Stimmen mäandern durch die Depression, die Police Story mit Streichquartett und Querflöte arrangiert, die Originale ganz subversiv in ein farbenfrohes Licht gehängt.

Viele Türen hatten dieser Tage aufgehen müssen. Roberto hatte noch mit einem nicht anwesenden Andy Hope die Phantom Gallery am Sunset Boulevard eröffnet, und Daniel Richter war gelandet und hatte in Begleitung von Ted Gaier und Melissa Logan Rock und Polizei in den Regen Projects am Santa Monica Boulevard eingeweiht. Wir tranken auf die schwere Tür der David Lawrence Gallery, die wir gemeinsam fluchend die drei Stockwerke runter bis zu Lucys Bus geschleift hatten, damit Lucy Dodd zuhause ihr Rauchbild an die Tür qualmen konnte. Ein offenes Feuer in der Galerie hatte David verboten.
Lucy Dodd und ihr Rauchbild waren schon vormittags in der Erinnerung an das Konzert von White Williams im Echo wiedergekommen, unterwegs mit Hank in die Wüste, nach Joshua Tree. Hank legte die CD von White Williams ein, das Album heisst Smoke, es zündete sofort. Da kam natürlich das Rauchbild wieder, und Lucy, wie sie sich auf dem Konzert im Echo in eine Säule verliebt zu haben schien.

Joe "White" Williams erinnerte mich ein bisschen an den jungen Marc Almond, und zählte mir nach dem Auftritt seine Vorbilder auf: Cluster, Faust, Popol Vuh, Neu! – Krauts eben, während der Gitarrist mich an Robert Fripp erinnerte. Smoke sprach zu uns wie das Werk eines jungen Phoenix aus der Asche der Götter des Glampop, des New Wave und des DjuDju und aller Jugendträume dieser Welt, deren Zukunft irgendwann von einem Feuer verschlungen worden war. Auf der Höhe von Palm Springs hörten wir die Worte von Route to Palm, dem letzten Song des Albums: Once we found ice inside the flame, as inside I’m behind the flame, und We know we know we know we know the shadow. Ein Wind fegt die Wüste.

Zuerst veröffentlicht in IN München 07/2008 / revisited und überarbeitet 01 /2013.











2013-01-04

Hotel Rimbaud

Hotel Rimbaud – The Bill

Bei meiner Ankunft in Aden bezog ich das falsche Hotel. Hohe Zimmerdecken, ein andalusischer Patio mit Glasdach und die Spuren einer verlorenen Zeit hatten mich auf den ersten Blick begeistern können. Das Personal schien total entspannt zu sein. Qat kauend kauerte man im Stile des Novecento auf Staubfängern im Foyer. Selbst wenn der Untergang der Titanic vor der Tür gestanden wäre, hätte das keinen der Anwesenden aus der Ruhe gebracht. Gut gelaunt zahlte ich im Voraus und trat hinaus ins Freie. Nach einem pfiffigen Spaziergang in kompletter Windstille kehrte ich auf mein Zimmer zurück. Kleine Kakerlaken kamen die Tapeten runtergekrabbelt und nahmen Kurs auf meine Reisetasche. Ich verliess das Haus noch vor Anbruch der Nacht. Schade eigentlich, der Name hatte mir so gefallen: "Hotel Rambo". 
Von meinem Bruder erfuhr ich, dass Rambo gar nicht auf den Hollywoodkrieger bezogen war, sondern auf Arthur Rimbaud – die Betreiber hatten es nur nicht so mit der Rechtschreibung. Rimbaud war jahrelang in Aden festgesessen. Er hatte dort zwischen 1880 und 1891 in einer Kaffeerösterei gearbeitet, verdiente aber anscheinend nicht genügend Geld um weiterzukommen. Der ex-Dichter und Autor von "Das trunkene Schiff" muss Aden gehasst haben. Diese, in einen Vulkankrater gebaute, höllisch heisse Stadt, in der kein Baum wächst, bezeichnete er in seinen Briefen als den "furchtbarsten Ort auf der ganzen Welt". Aden heisst ursprünglich eigentlich „Paradies“.

Im Februar 2006, während meinem ersten Aufenthalt in Aden, bekam ich eine Einladung aus Berlin, mit einem künstlerischen Beitrag ein Gast der Galeri Baberton zu werden. Catriona Shaw, die man als Musikerin und Künstlerin auch unter dem Namen Miss Le Bomb kennt, hatte diesen Ort erfunden. Eine fiktive Galerie, die nur im virtuellen Raum besuchbar sein sollte, und exklusiv "Kritzeleien" ausstellte. Der Name Baberton war eine Anspielung auf eine gleichnamige Siedlung, die 1962 von der Firma George Wimpey als Satellitenort vor Edinburgh errichtet worden war. Ein künstlich erschaffener Ort, eine Schlafstadt. Catriona ist gebürtige Edinburgherin, und damit ist der Beweggrund, Baberton karikieren zu wollen, gefunden. Ich fragte Catriona, ob es in Ordnung ginge, wenn ich ihr ein paar Fotos von objets trouvés aus dem Jemen schickte, und sie sagte: Ja.
Umso mehr in Ordnung ging mein Konzept, da die Fotos eine Sammlung gefundener Kritzeleien darstellten. Nachdem ich diese abfotografiert hatte, arrangierte ich lediglich die Ausschnitte und die Zusammenstellung und gab den Bildern Namen. Zu sehen waren auf diesen Fotos ausschließlich Geldscheine. Mir war aufgefallen, dass im Jemen kaum Scheine kursierten, die nicht bekritzelt waren. Statt von objets trouvés zu sprechen, müsste man hier eigentlich den Begriff Ausgehändigte Kunst erfinden. Schaut man sich nun diese Bilder, die von Hand zu Hand wandern, an, so scheinen es tatsächlich kleine Motive zu sein. Oftmals handelt es sich auch einfach um Rechnungen, die direkt auf dem Schein notiert worden waren. Der Titel meiner Ausstellung, "Hotel Rimbaud – The Bill", bezog sich zum Einen direkt auf diese Rechenspiele, zum Anderen auf Dinge, die ich im Gegenzug für den Wert eines solchen Geldscheines erhalten haben mochte. Nicht zuletzt eben ein Hotelzimmer. Die Einzeltitel der Bilder zitierten nebenbei noch ganz leise die Arbeit "Casio, Seiko, Sheraton, Toyota, Mars" des US-amerikanischen Künstlers Sean Snyder aus dem Jahr 2005.


In der Galeri Baberton stellten über die Dauer ihrer Existenz zwischen 2004 und 2006 desweiteren Anna Duffy, Fred Bigot, Eva Revox, Isabel Reiß, David Sandreuter, Hank Schmidt in der Beek, Niklas Schechinger, Mie Nielson, Midori Harata, Robert Burghardt, Doreen Kirchner und Jo Zimmermann aus.
Catriona schreibt, sie habe damals auch versucht, diese virtuelle Galerie in einem realen Raum zu verankern. Es gab "Eröffnungen" in einer Bar in der Friedelstraße, Neukölln, dem "Heroes". Erst vor Kurzem sah ich am Eingang neben der Tür im Vorbeigehen das Foto der gleichnamigen LP von David Bowie hängen. Dem zweiten Album seiner Berlin-Trilogie. Ein Titel darauf heisst "The Secret Life of Arabia".



2012-12-27

Meine Platte: Der Lunsen-Ring

Herrscherzeiten – der Tanz um den „Lunsen-Ring“


Die Kamele sind nun im Corte Inglés von Badajoz geparkt, meldet das kaufmännische Portal Bedin. Vom sechsundzwanzigsten Dezember bis fünften Januar gebe es dort, im größten Kaufhaus jener spanischen Provinzstadt, die Möglichkeit, jene Tiere zu bestaunen, die am sechsten Januar die Heiligen drei Könige durch Madrid tragen sollen.
Die Parade der Reyes Magos, der "Zauberkönige", wie sie in Spanien weniger amtlich tituliert werden, ist dort der festliche Höhepunkt der Weihnachtszeit. 

Es ist weniger die göttliche Geburt, denn deren Anerkennung durch die weltlichen Kräfte, die den Spaniern Anlass zur Freude gibt. Sogar die allgemeine große Bescherung erfolgt dort erst an dem Datum, da dem Säugling die weit hergebrachten Geschenke in die Krippe gelegt worden sein sollen. Eine Identität stiftende Parallelhandlung, die Kindern die Möglichkeit eröffnet, von kleinauf ein kumpelhaft kollegiales Verhältnis zu Jesus zu pflegen. Du kriegst Geschenke? Ich auch! Jedenfalls wird in Madrid der hohe Besuch der Magier aus dem Osten, der persischen Sterndeuter, der zoroastrischen Priester oder eben Königsleute von Gottes Gnaden sehr ernst genommen und jubelnd Willkommen geheissen. 

Wochenlang werden alljährlich vorher die bunten Stoffe für die Entourage der Könige genäht, Mond und Sterne geklebt, Kostüme geschneidert. Das Morgenland grüßt mit einer Farbenpracht, die im schwarzweißen Outland niemals gesehen ward, eher in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Oder auf dem Cover von "Their Satanic Majesties Request". Denn nicht viel anders sieht er aus, der weihnachtliche Hofstaat von Madrid. Sieht man die Zauberkönige Kaspar, Melchior und Balthasar den Paseo de la Castellana hinabreiten, so sieht man die satanischen Majestäten Keith, Mick, Brian, Charlie und Bill vor ihrer kunterbunten Kirche kauern, und umgekehrt. Natürlich ist auf dem Cover auch ein Kamel abgebildet. Und John, Paul, George und Ringo, als Blumen. Ein satirischer Reigen, East meets West als satanische Ökumene, ein abendländischer Scherz. Die Rolling Stones klingen auf dieser für nie ganz voll genommenen, arabesken Platte, als wollten sie nicht irgendeinen Kindergeburtstag, sondern den Highland persönlich feiern. Ich denke, es ist nicht ganz richtig, das Album nur als ironische Replik auf "Sgt. Pepper" zu interpretieren. Am 8ten Dezember 1967 erschienen, kam es exakt am selben Tag wie "Magical Mystery Tour" auf die Welt, und auch ästhetisch laufen diese beiden Scheiben viel eher parallel als "Majesties" und "Sgt. Pepper". In gelben Bussen oder per autostop zogen die jungen Gammler und Hippies damals gen Osten. Nach Istanbul, Beirut, Iran, Indien und Afghanistan.

Anno 2011 kam nun ganz nebenbei ein Werk auf die Welt, welches den Hörer aus der Zeit fallen, und an die Rockopern jener Tage denken lässt. Der "Lunsen-Ring" zieht fast gänzlich unbemerkt seine schlafwandelnden Kreise auf dem endlosen Rillenmeer der unerhörten Schallwellen. Als wäre er ein fliegender Holländer aus dem Jahre 1967.
Der Kreuzberger Künstler und Dichter Hank Schmidt in der Beek lässt darauf dem Schlaf eine noch größere Bedeutung beikommen, als es annodazumal die Surrealisten taten. Der Schlaf ist hier Leitmotiv und Menschheitsrecht – vor dem Schlaf sind alle Menschen gleich. Tatsächlich haben wir es hier mit einem Plädoyer für die Völkerverständigung zu tun: "Pantalon sagt der Franzose, ich selber sage Hose. Und was ich den Tragkorb nenn', bezeichnet er als benne. Doch was tatsächlich uns vernabelt, mich und den Franzosen, ist nicht der Zauber der Vokabeln, noch sind es uns're Hosen. Warum der Vers uns zwei vereint, zu raten keine Kunst: Uns beide drückt es tief hinein, tief in uns're Luns."

Um der Einfachheit halber bei kulturellen Klischees zu bleiben, könnten wir uns nun auch ausmalen, wie die Darsteller der Reyes Magos vor ihrem abendlichen Ritt durch Madrid genüsslich auf dem Sofa dösend die landesübliche Siesta, das Nachmittagsschläfchen, pflegen. Oder wir hören noch einmal in "Their Satanic Majesties Request" hinein, in den Song "In Another Land"; und hören dort Bill Wyman unverschämt laut schnarchen. Das kommt davon, wenn man zur ausgemachten Uhrzeit ins Studio geht – keine Sau da, also erstmal ein Nickerchen. Und prompt wurden Bill's Träumchen mitgeschnitten... 

Nun denn, die Musik vom "Lunsen-Ring" zu beschreiben wäre gewiss schnell ermüdend. Ich will dafür in einem Dreischritt probieren, die Bahnen der drei Verursacher Hank Schmidt in der Beek, Nick McCarthy und Sebastian Kellig einzukreisen.
Die Vokabel „Luns“ findet sich übrigens im Manischen, einem im Hessischen beheimateten Soziolekt. Und bedeutet Bett, oder einfach Schlafplatz. Soweit wären wir also.
Beginnen wir nun unseren Rundlauf. Zum Beispiel mit dem "Watusi":
Irgendwann im Jahr 2008 schickt Hank einen offenen Brief an die Obamas, in welchem er ihnen einen guten Kunstgeschmack attestiert, und ihnen zu ihrer Entscheidung gratuliert, die Cowboy- und Kakteenbilder der Bushs aus dem Weißen Haus verbannt zu haben, um statt ihrer eine wohldosierte Auswahl von Meistern der abstrakten Moderne nebst Popkünstlern aufzuhängen. Kernstück der Sammlung sei der Watusi. Das Werk der afroamerikanischen Malerin Alma Thomas datiert auf das Jahr 1963 und zitiert einen Matisse von 1953 namens "Snail". 

Watusi bedeutet dreierlei: Ein in Afrika beheimatetes Tier – ein Stier mit ganz dicken Hörnern, verwandt mit dem Auerochsen, aber viel imposanter, was die Hörner anbetrifft. Ferner wird die Bezeichnung "Watusi" zuweilen den Mitgliedern der Volksgruppe der Tutsi untergeschoben. Und nicht zuletzt steht Watusi für einen Modetanz aus der Ära, als die amerikanischen Teenager den Tanzschritten von "American Bandstand" aus Philadelphia und der "Buddy Deane Show" aus Baltimore folgten: "The Wah-Watusi" war zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes ein populärer Tanzbodenschwinger. Im Song selber werden andere Tänze jener Zeit zitiert, etwa der "Fly" oder der "Pony", von denen die Lyrics aber behaupten, dass sie nicht so toll seien wie eben der Watusi. Von den vielen Tänzen hatte ein Jeder seine eigene Grammatik, und in vielen Fällen sollten die Tanzschritte als bildhafte Korrelate zu archetypischen Bewegungsmustern bestimmter Vertreter aus dem Reich der Tiere verstanden werden. Wer "Hairspray" von John Waters gesehen hat, weiß Bescheid.

"Watusi". Alma Thomas, 1963
"Children Dance Children Dance".
William H. Johnson, ca 1944
Hängt auch bei den Obamas.


Eine Kopie des Obama-Briefes ereichte mich jedenfalls just in dem Moment, da ich gerade beschlossen hatte, den Song "Land of 1000 Dances" als Ausgangspunkt für eine kleine Textarbeit über den Jemen zu verwenden. Der Watusi spielt in "Land of 1000 Dances" eine nicht unwesentliche Rolle.
 
Ein Jahr zuvor war ich mit Sebastian Kellig, Sebastian Meyhöfer und Daniel Murena unter dem Namen Kamerakino in musikalischer Mission im Jemen gewesen. Seb Kellig, in London lebender Musiker, Therapeut und Produzent der Seifenoper "Videodrama" – er wird die folgende Szene aus unserer Zeit in Sanaa bezeugen können:
Am Abend der dritten Nacht haben wir eine Audienz beim Minister. Beim Minister für Sport und Tourismus sitzen wir mit verschränkten Beinen in seiner Polstergallerie und sehen einen Tanzfilm. Der Minister gibt uns eine Unterrichtsstunde in jemenitischer Kultur, zeigt uns, wie man das Qat kaut und wie der Bara getanzt wird. Der Jemen verfügt über genau einen Traditionstanz, den Bara, und dieser hat etwas außerirdisch Roboterhaftes. Mich erinnern die gleichförmigen Schritte an einen gothic Wavetanz oder an Fliegen, die minutenlang in der Luft eine Bahn nachziehen. Man liegt in einem Hotelzimmer im August auf der faulen Haut und beobachtet diese zwanghaften Fliegen. Als würden sie einem Bann unterliegen, drehen sie ihre Achter oder Unendlichkeitszeichen durch die Raummitte.
Der Jemen ist eine Monokulturlandschaft, denke ich beim Betrachten des Baras, und träume mich unwillkürlich in ein anderes Tanzvideo hinein, in "Land of the 1000 Dances" von Danny & The Memories – ein Scopitonevideo von 1964, und eine Variation des Wah-Watusi-Motivs der Orlons mit Ray Barettos "El Watusi" gekreuzt. Eine erneute Auflistung aller aktuellen Modetänze in einen neuen Song verpackt. Während im Jemen, im Land von Tausendundeiner Nacht, also immerzu der Bara getanzt wird, drängt sich mir als Traumutopie das Land der 1000 Tänze durch den Kopf. 

Danny & The Memories spielen noch heute zusammen, wenn auch ohne Danny Whitten. Man kennt sie unter dem Namen Crazy Horse – der Backingband von Neil Young. Seb und ich waren uns über die Dauer unseres Aufenthaltes im Jemen einig, dass die übersteuerte Sturheit von Crazy Horse das wildwesterne Straßenbild dort perfekt zu untermalen vermag.
Nun hatten wir eine gemeinsame Begleitlektüre in Sanaa dabei – "Nah Inverness" von Michael Roes. Darin wird der Versuch geschildert, Shakespeare's Königsdrama "Macbeth" im Jemen mit Laiendarstellern vor Ort zu verfilmen. Natürlich wird in "Nah Inverness" auch der Bara getanzt. Eine schöne Bettlektüre.
Ungefähr zeitgleich, möglicherweise etwas eher, arbeiten Hank und Nick McCarthy, in London lebender Popstar, an einer Inszenierung von Shakespeare's "Tempest" – mit Auswirkung auf das dritte Franz Ferdinand Album, und auf die Sinnfälligkeit dieses Textes: 
Nick bediente sich im "Sturm" beim Monolog der Figur des Caliban für ein hübsches Wiegenlied, das am Ende von "Tonight" steht – "Dream Again". 
Franz Ferdinand gaben übrigens im Juni 2008 einen Secret Gig vor 150 Fans in einem Londoner Pub namens "The Macbeth". Wenige Wochen, bevor sich das Appartement von Seb in eine Schlafhöhle für die (diesmal echte) Münchener Band Kamerakino verwandeln sollte. Die ihr erstes Londoner Konzert ebendort spielen durften, im "The Macbeth". 

Als Seb und Nick im Frühjahr 2010 schließlich die Londoner Sausage Studios betreten, um sich an Hanks "Lunsen-Ring" zu wagen, wird die Freude über die von Hank verordnete literarische Bettruhe als willkommene Medizin gegen Alltagsstress und Tourleben spürbar und hörbar.

Und so stehen wir vor dem eingangs genannten Genrebegriff Rockoper wie in einem Spiegelkabinett, in dem wir über die Landung der Zauberkönige, das Kauern der satanischen Majestäten, die Tanzkreisbilder des weltlichen Herrschers Obama, die Tanzlektionen des jemenitischen Sportministers Fakih, und schließlich die Traumtänze des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand einzig und allein aus dem Grunde stolpern, um am Ende bei Shakespeare's Königsdramen rauszukommen. „I’ll cry to dream again – I'll live to dream again". 

Die Abwesenheit der Träume, ja, das ist es, worum es nicht zuletzt auch bei den frugalen Bettgeschichten des Lunsen-Rings geht. Eine nachtschwarze Platte voller angelsächsischer Cheerleaderchoräle, jemenitischer Folklore, Pubrock bis Progrock und Betthupferl aus dem höfischen Bauernbarock, gespannt wie ein Spannbettbezug. Und aufgeschlagen, als möglichen Kommentar auf die Lage der Welt, finden wir eine Seite in einem Buch von Hülsenbeq, mit der lapidaren Frage: „Vielleicht will der Westen ja gar nicht leben?“ Nun denn, vielleicht will er ja schlafen. Mit dem Sonnenaufgang im Osten schlafen gehen. 
In Hanks Libretto ruht ein Humor, mit dem manch täglich mit sich selbst ringender Feierabendathlet ruhig einmal ins Bett gehen sollte. Am Ende drückt es alle in die Luns. Oder, um den gerne bettlägrigen Werner Enke zu bemühen - es wird müde enden.


Luns Records, 2011 / 300 Stück

2012-12-25

Das poetische Geheimnis von "Tabu"


TABU
Das Krokodil im Pool schläft nicht. Es beobachtet alles, blickt stoisch hinein ins Herz der schwarzweißen Sprachlosigkeit. Drunten im alten Afrika, am Fuße des Monte Tabu. Eines Tages wird es als Erinnerung wiederkehren. Dann wird es beissen. Und es wird ein Fressen für Cinephile sein. Als Erinnerung von Aurora und Ventura, spielsüchtige Abenteurer und Wilderer. Portugiesische Jeunesse dorée in Mosambik, 1961, kurz vor dem portugiesischen Kolonialkrieg. Sie liebten und sie verleugneten sich. Zugunsten der Unantastbarkeit des Ehemannes von Aurora. Der einst Mario das Leben gerettet hatte. Und Mario ist Ventura's bester Freund. Sturmfreie Probleme im „Paradiso“, in der zweiten Hälfte des Films. Stumm und stillschweigend wie ein Tabu per definitionem nun einmal ist, oder wie der gleichnamige Film von F.W. Murnau aus dem Jahr 1931. Aber der Blick, der die Kultivierung vom imperialen Elternhaus hier reflektiert, könnte auch der von Guy Maddin sein. In den Formalismen von Anstand und Würde entdeckt Miguel Gomes das Groteske. Die Rechnung, die nicht aufgehen, beziehungsweise nicht ohne moralischem Bankrott ausgehen wird. Er enttarnt sie, Les Européens sauvage, oder eben Os europeus selvagem. Wenn beiläufig erzählt wird, dass Mario als Kartograph wunderschöne Pläne entwirft, die aber jeglicher Wissenschaftlichkeit entbehren, dann ist in diesem Detail eine ganze Klasse von reichen Kindern und Hochstaplern karikiert. Die Guttenbergs vom Monte Tabu. Ironischerweise kommen dem Zuschauer in einer Einstellung, wenn man genau hinsieht, afrikanische Kinder mit Obama T-Shirts entgegen. Vorgefundene Reality, die Gomes als Hintertür zur Jetztzeit intakt liess. Technischer Geniestreich in Tabu: Die Dialoge sind nicht zu hören, wohl aber alle anderen Geräusche – Türen schlagen, Motoren brummen, Schüsse fallen. Die Schauspieler sollen bei den Dreharbeiten die Dialogsequenzen mit spontanen Einfällen gefüllt haben. Ein hochinteressanter Film für gehörlose Lippenleser. Möglicherweise entstehen bei der Lektüre nochmal ganz drastische Tabubrüche.
                         TABU                    
Portugal/Deutschland/Brasilien/Frankreich 2012
Regie: Miguel Gomes
mit Teresa Madruga, Laura Soveral, Ana Moreira, Carlotto Cotta, Ivo Müller u.a.
Miguel Gomes liebt die Vielschichtigkeit, die weit verzweigte Geschichte. Das Motiv der portugiesischen Kolonialverbrechen wird dem mittlerweile greisen Ventura im Tonfall einer romantischen, äußerst fein ausfabulierten Sprache, in den Mund gelegt. Was ist kitschiger, die schulisch gelehrte Landesgeschichte, oder die radikal subjektive Geschichte von Ventura? Zwischen diesen Kontrasten verrät uns Gomes das poetische Geheimnis von Tabu.   
Die erste Hälfte von Tabu, „Paradise Lost“, spielt im heutigen Lissabon, dehnt die existenzielle Sinnlosigkeit der sterbenden Aurora, der "Morgenröte", zu einer Bonnuit Tristesse. Deren Trägheit erschliesst sich umso nachsichtiger, als der Film sich zu erinnern beginnt, jugendlich und campy wird, und die Ramones und die Ronettes den Dschungel Tränen kosten. 
Les Surfs aus Madagascar singen
 "Tú serás mi Baby" von den Ronettes
Veronica "Ronnie" Spector
1 ESCUELA DE LOS RAMONES. 2 LOS PERTEGACES. 3 LA TOSCA Y FÁBRICA DE LANAS.




2012-12-23

Auslaufrille für Karl Denver


Auslaufrille für Karl Denver

Am 16.Dezember hörte Anna McCarthy via BBC im Sunday Service von Jarvis Cocker den Song „Lazyitis“ von den Happy Mondays, und machte mich darauf aufmerksam. Der Song erinnerte sie an Das Weiße Pferd. Great. Im Folgenden wollen nun keine Parallelen zwischen diesen Bands gezogen werden, nur ein paar lines für Shaun und eine Rille für Karl.
Jarvis brachte den Song zu Ehren von Karl Denver, der am 16. Dezember 1931 seinen Geburtstag gehabt hatte. Karl Denver war ein schottischer Populärmusiker gewesen, der die Kunst beherrschte, seine Stimme jodelnd bis ins Falsett hochzuschrauben. Auf diesem Wege war Karl mit seinem „Wimoweh“ 1962 bis in die Top Ten der britischen Charts geklettert. „Wimoweh“ würde heute vielleicht als Ethno etikettiert werden, und war nichts weiter als eine Variation eines damals sehr populären Themas, welches in Südafrika als Folklore der Zulu von Solomon Linda unter dem Titel „Mbube“ kanonisiert worden war. Durch die Feldaufnahmen von Alan Lomax war das Stück nach Amerika gekommen, wo die Autorenschaft Solomon Linda entrissen und Paul Campbell zugeschrieben wurde. Als Nächstes trat Folk-Pionier Pete Seeger auf den Plan und ersetzte „Mbube“, was „Löwe“ bedeutet, durch ein lautmalerisches „Wimoweh“. Ende der Fünfziger verwandelte sich in der Aufnahme mit seinen Weavers der Löwe prompt in einen Ohrwurm.
Yodeling, wie man es damals aus der Cowboymusik kannte, vermochte auf diesem Weg ein afrikanisches Thema in die Populärmusik der weißen amerikanischen Hörer zu integrieren, und auf Augen- und Ohrenhöhe mit Bossa Nova oder Calypso als „Exotica“ zu subsumieren.
Ein paar Jahre später war in der Version der Tokens der König der Tiere in den Song zurückgekehrt: „The Lion Sleeps Tonight“ drang Weihnachten 1961 bis ins United Kingdom vor, und führte dort die Hitparade an. Karl Denver mag wie beim Domino mit seinem „Wimoweh“ wiederum ein paar Wochen später einen Spielstein an die Tokens angebaut haben; Allerdings existieren Demoaufnahmen, die belegen, dass Karl sich schon in den Fünfzigern an „Wimoweh“ versucht hatte. 

Wie die Happy Mondays rund dreissig Jahre später dem fast in Vergessenheit geratenen Mann mitten im Madchester Fieber begegnet waren, weiß auch Jarvis nicht zu berichten, aber es ist anzunehmen, dass es damit zu tun hat, dass Karl von Glasgow nach Manchester umgezogen war. War „Wimoweh“ Popmusik im besten Sinne, nämlich ein Song, der von verschiedenen Autoren im Lauf der Zeit weitergeschrieben worden war, so führt auch „Lazyitis“ eine ganze Liste an Urhebern auf; Zunächst einmal ist es ein Song, den es auch in verschiedenen Versionen gibt. Erst in der Albumversion von 1988, auf der Platte „Bummed“, dann im Mai '89 als Remix mit Karl Denver im Duett und dem „One Armed Boxer“ als Untertitel. Was man da zu hören kriegt, ist die Synthese aus mehreren Songs, eine Collage. Aber ganz unmerklich, das Stück gleitet einfach so vorbei, rauscht auf einer Ebene. Am Deutlichsten bleibt das Zitat von „Ticket To Ride“, mit einem wirren Text, in dem eine grundsätzliche Verweigerung und der Mythos vom gefallenen Popstar eine Rolle spielen. Der britische working-class-Glamstar David Essex findet da mit seinem „Gonna Make You A Star“ ebenso Eingang wie Sly Stone und die Wombles. Sicher mag das primäre Interesse von writer/rider Shaun Ryder auch Lennon/McCartney's Sex&Drugs-message mit den Tickets gegolten haben. Shaun Ryder, der ewige Druffi. Fast möchte er zu einem „Wimoweh“ abheben, aber er parodiert nur das Gejodel mit einem „wawawawawa“. Und dann steht da im Videoclip Karl Denver neben Shaun. Der Song also so ein mehrarmiger aber einarmiger Fluss, stehen da Alt und Jung wie unter einem Wasserfall im Regen.

http://www.youtube.com/watch?v=9-Zn3U7Vv9U

Der Videodreh war im Grunde genommen ein Anschlag auf das Leben von Karl Denver. Nach vier Stunden unter der Regenmaschine war er fertig, die Folge war eine Lungenentzündung. Angeblich fuhr er zum Auskurieren erstmal nach Spanien.
Factory Records veröffentlichte wenig später dafür von seinem „Wimoweh“ eine Hazienda Rave Version, und als Karl Denver am 21. Dezember 1998 in Manchester starb, war er zuletzt mit seinen 67 Jahren immer noch jünger gewesen, als Shaun Ryder damals mit 37. Der hatte zu dem Zeitpunkt gerade seine Mondays-Nachfolgeband „Black Grape“ aufgelöst und war unglaublich drastisch gealtert. Als ich zum ersten Mal die Bonus DVD von „24 Hour Party People“ mit den Interviews sah, war ich entsetzt. Der Film ist von 2002, und Shaun Ryder sitzt da mit knapp vierzig Jahren am Tisch wie ein Zombie, jemand der weit über die siebzig hinaus ist. Kokssyndrom, das an Parkinson denken lässt, Stottern, aufgedunsene Backen, weiße Haut, verquollene Augen, Glatze. Rennies, Valium, Temazepam. Madchester-Inszenierer Tony Wilson beschreibt ihn als den Typ mit der unglaublichsten Streetcredibility, die man sich vorstellen kann. Jemand, der von einem millionenschweren Vertragsdeal aufspringt, um sich ein KFC zu besorgen. Und dann war das Kentucky Fried Chicken ein Päckchen Heroin.

Man kann das „Lazyitis“ Video auch parallel zu Shaun's Teilnahme in „I'm A Celebrity...Get Me Out of Here!“ im Jahr 2010 schauen.
Karl Denver heisst hier Gillian McKeith. Zumindest sehen sich die Beiden ähnlich. Nun denn, Shaun Ryder sitzt im australischen Dschungelcamp an der Seite von Gillian McKeith wie auf der Strafbank und frisst Krokodilaugen, Krokodilpenis, faulige Eier, Küchenschaben, Würmer und eine Bullenzunge. Ohne, dass ihm das größere Probleme bereiten würde. Gillian McKeith – Autorin von Ernährungsratgebern mit Titeln wie „You Are What You Eat“– rührt nichts davon an und fürchtet wahrscheinlich, Shaun könne sich gemäß ihrem Buchtitel vor ihren Augen endgültig in ein urzeitliches Tier verwandeln. Shaun's Magen hält das aus. Auch als er im Verlauf einer anderen Prüfung von einer Schlange in die Hand gebissen wird, juckt ihn das kaum. Shaun, der völlig desensibilisierte Alles-Schlucker, kassiert hier nicht zuletzt eine Retourkutsche von Karl Denver; Das Dschungelcamp als in Szene gesetztes Echo auf den Jodler von Karl Denver. War „Wimoweh“ nicht Dschungelmusik? Oder ist das ein Klischee? Ob Karl Denver wusste, dass Südafrika, der Kongo, oder eben der australische TV-Dschungel ganz unterschiedliche Welten sind – unerheblich. Damals sagte man dazu: Dschungelmusik. Und eine Musik, die wenig später auf den Madchester Hype folgte, labelte sich selbst ganz tricky als "Jungle". Festzuhalten bleibt: Der Videodreh für „Lazyitis“ muss für Karl Denver mit Blick auf seine Karriere Erniedrigung und Katharsis in einem Aufwasch bedeutet haben. Erniedrigung und Katharsis, wie sie zwanzig Jahre später Shaun Ryder im Dschungelcamp widerfahren sollte. Die Rache des Dschungels. Shaun Ryder schluckt sie runter.
Kleine Randnotiz: Ein Schatten von „Ticket To Ride“ ist am Ende von „The Dark Side of The Moon“ von Pink Floyd zu hören, kurz vor der Auslaufrille. Man muss nur ganz laut aufdrehen. Möglicherweise schwirrte zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch ein Geist von dem Song durch die Abbey Road Studios. Eine Spur von einer Spur. Als Geisterforscher halte ich das für absolut plausibel.




2012-12-18

Underground

Underground

(Das Tape dreht durch, die ganze Nacht. Musik ist im Kasten... wird über die Erde gebracht)    
Als ich fünf war, hatte ich mein erstes Undergrounderlebnis. Ich begegnete in meinem Viertel einem gleichaltrigen Jungen, der behauptete, seine Großeltern seien gestorben und unterirdisch zum Friedhof gebracht worden. Durch Stollen getragen, wie beim Untertagebau. Ganz beschwerlich, mühsam und langwierig soll das für alle Angehörigen gewesen sein. Da ich ihm keinen Glauben schenkte, zeigte er mir die Nahtstellen auf dem Teer. Rechthaberisch deutete er auf all die Ausbesserungsarbeiten darauf, fragte mich, ob ich denn einen besseren Grund wüsste, weshalb unsere Straße wie ein Fleckerlteppich aussähe. Wir bückten uns und fuhren mit den Fingern die Schlangenlinien entlang. Je näher wir dem kleinen Friedhof kamen, desto siegessicherer wurde der Junge in seinen Anmerkungen. Er machte das sehr eloquent, wie ein Touristenführer. Ganz anschaulich zeigte er mir, an welchen Stellen die Trauergesellschaft zum Luftschnappen nach oben gekommen war. Klar, sie hatten Sauerstoff dabei, dort, im Untergrund, aber Tante Katja habe Probleme mit ihrer Flasche bekommen, und so sei das Luftschnappen unausweichlich gewesen. Was für eine seltsame Maulwurffamilie. Aber mich wunderte das damals gar nicht so sehr. Ich stellte mir das alles einfach genau so vor, wie der Junge es schilderte und fand die Idee fantastisch. Wenn ich ihm auch nicht glaubte, so hatte ich doch Respekt vor seinen Ausführungen, und er schien mir eine sehr verrückte Erklärung für die Schnittstellen, die Totenstille und die Friedhofsstimmung auf den Straßen abzuliefern. Was die Sache umso respektabler machte. 
Auf halber Strecke sahen wir den olivgrünen Militärbus seine tägliche Route abklappern. Ich sah ihn jeden Nachmittag junge amerikanische Rekruten daheim absetzen. Der Fahrer war immer derselbe, und mein neuer Freund behauptete, er sei sein Cousin. Dann wurden wir von einem Flieger im Landeanflug Riem abgelenkt, und wir kugelten uns auf einen Rasen und feuerten eine ordentliche Salve imaginäres Schießpulver gen Himmel, quasi aus Luftgewehren. Beim letzten Mal habe das Flugzeug klein beigegeben und eine ganze Ladung Gummibärchen, weiße Mäuse und Luftschlangen abgeworfen – ein Angeber hoch Tausend! Aber mit der poetischen Dichte, in der er seine Lügenmärchen strickte, war er sicher gut bewaffnet, um der öden Spießerwelt, in der wir aufwuchsen, Paroli bieten zu können. 
Eine Sache hatten wir Kinder damals nämlich schon begriffen, oder durch das Kabelfernsehen gesehen, das damals in den Straßen verlegt wurde und uns „Western von Gestern“, einen „Colt für alle Fälle“, dem Asphalt ein Narbengesicht und die Großeltern unter die Erde brachte: In der Welt ging es nicht friedlich zu. Die Ordnung, in der wir aufwuchsen, war eine scheinheilige, auf Waffengewalt beruhende. Auch wenn die Waffen unsichtbar blieben. Die verordnete Ruhe war faul und musste korrumpiert werden.
Dabei fällt mir Ralfi ein, unser Nachbar, Sohn eines Polizisten. Der unterrichtete mich im Modellieren anhand seiner ordentlichen Kriegsschauplätze. Ganz malerische Landschaften hatte er da geleimt, und er zeigte mir auch wie man die Plastiksoldaten von Revel mit einem simplen Trick bei den Schätzlingers, unseren Schreibwarenhändlern, klauen konnte. Man musste nur kurz zwischen den Regalen umherschleichen, eine ganze Rippe mit Soldaten dran aus der Schachtel ziehen und die leere wieder ganz akkurat ins Regal legen. Daraufhin stolz mit der gerippten Beute nachhause gehuscht und sich Mamas Schelte anhören, mit dem Befehl, die Soldaten sofort wieder in den Laden zurückzubringen. Dort stand ich dann mit reumütiger Miene ganz scheinheilig vor Frau Schätzlingers Ladentheke. Fast so klein wie die Figuren, so dass sie mir diese mit einer großherzigen Geste überliess. „Darfst sie behalten. Weil du so ehrlich bist.“ 
Der Welt eine eigene Version von ihrer Realität aufzutischen war jedenfalls wichtig, um sich die Zeit zu vertreiben. Darin sind sich der Angeber und ich noch heute einig. Ich weiß nur nicht, was aus ihm geworden ist, vielleicht Versicherungsvertreter.
Wenn ich damals spätnachmittags die bekümmerten Gesichter der Autofahrer sah, wie sie alle mit ihren fünfzig Litertanks auf irgendeiner Mission im steten Fluss der Hauptstraße unterwegs waren, dann wusste ich manchmal nicht so recht, ob es sich lohnen würde, dort hinaus zu fahren. Aber man musste es probieren. Und es war gut, an der Oberfläche zu sein. Der Sauerstoff und die Hochspannung waren auch oben. Alles, was darunter lag, hatte Zeit.