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2013-01-04

Hotel Rimbaud

Hotel Rimbaud – The Bill

Bei meiner Ankunft in Aden bezog ich das falsche Hotel. Hohe Zimmerdecken, ein andalusischer Patio mit Glasdach und die Spuren einer verlorenen Zeit hatten mich auf den ersten Blick begeistern können. Das Personal schien total entspannt zu sein. Qat kauend kauerte man im Stile des Novecento auf Staubfängern im Foyer. Selbst wenn der Untergang der Titanic vor der Tür gestanden wäre, hätte das keinen der Anwesenden aus der Ruhe gebracht. Gut gelaunt zahlte ich im Voraus und trat hinaus ins Freie. Nach einem pfiffigen Spaziergang in kompletter Windstille kehrte ich auf mein Zimmer zurück. Kleine Kakerlaken kamen die Tapeten runtergekrabbelt und nahmen Kurs auf meine Reisetasche. Ich verliess das Haus noch vor Anbruch der Nacht. Schade eigentlich, der Name hatte mir so gefallen: "Hotel Rambo". 
Von meinem Bruder erfuhr ich, dass Rambo gar nicht auf den Hollywoodkrieger bezogen war, sondern auf Arthur Rimbaud – die Betreiber hatten es nur nicht so mit der Rechtschreibung. Rimbaud war jahrelang in Aden festgesessen. Er hatte dort zwischen 1880 und 1891 in einer Kaffeerösterei gearbeitet, verdiente aber anscheinend nicht genügend Geld um weiterzukommen. Der ex-Dichter und Autor von "Das trunkene Schiff" muss Aden gehasst haben. Diese, in einen Vulkankrater gebaute, höllisch heisse Stadt, in der kein Baum wächst, bezeichnete er in seinen Briefen als den "furchtbarsten Ort auf der ganzen Welt". Aden heisst ursprünglich eigentlich „Paradies“.

Im Februar 2006, während meinem ersten Aufenthalt in Aden, bekam ich eine Einladung aus Berlin, mit einem künstlerischen Beitrag ein Gast der Galeri Baberton zu werden. Catriona Shaw, die man als Musikerin und Künstlerin auch unter dem Namen Miss Le Bomb kennt, hatte diesen Ort erfunden. Eine fiktive Galerie, die nur im virtuellen Raum besuchbar sein sollte, und exklusiv "Kritzeleien" ausstellte. Der Name Baberton war eine Anspielung auf eine gleichnamige Siedlung, die 1962 von der Firma George Wimpey als Satellitenort vor Edinburgh errichtet worden war. Ein künstlich erschaffener Ort, eine Schlafstadt. Catriona ist gebürtige Edinburgherin, und damit ist der Beweggrund, Baberton karikieren zu wollen, gefunden. Ich fragte Catriona, ob es in Ordnung ginge, wenn ich ihr ein paar Fotos von objets trouvés aus dem Jemen schickte, und sie sagte: Ja.
Umso mehr in Ordnung ging mein Konzept, da die Fotos eine Sammlung gefundener Kritzeleien darstellten. Nachdem ich diese abfotografiert hatte, arrangierte ich lediglich die Ausschnitte und die Zusammenstellung und gab den Bildern Namen. Zu sehen waren auf diesen Fotos ausschließlich Geldscheine. Mir war aufgefallen, dass im Jemen kaum Scheine kursierten, die nicht bekritzelt waren. Statt von objets trouvés zu sprechen, müsste man hier eigentlich den Begriff Ausgehändigte Kunst erfinden. Schaut man sich nun diese Bilder, die von Hand zu Hand wandern, an, so scheinen es tatsächlich kleine Motive zu sein. Oftmals handelt es sich auch einfach um Rechnungen, die direkt auf dem Schein notiert worden waren. Der Titel meiner Ausstellung, "Hotel Rimbaud – The Bill", bezog sich zum Einen direkt auf diese Rechenspiele, zum Anderen auf Dinge, die ich im Gegenzug für den Wert eines solchen Geldscheines erhalten haben mochte. Nicht zuletzt eben ein Hotelzimmer. Die Einzeltitel der Bilder zitierten nebenbei noch ganz leise die Arbeit "Casio, Seiko, Sheraton, Toyota, Mars" des US-amerikanischen Künstlers Sean Snyder aus dem Jahr 2005.


In der Galeri Baberton stellten über die Dauer ihrer Existenz zwischen 2004 und 2006 desweiteren Anna Duffy, Fred Bigot, Eva Revox, Isabel Reiß, David Sandreuter, Hank Schmidt in der Beek, Niklas Schechinger, Mie Nielson, Midori Harata, Robert Burghardt, Doreen Kirchner und Jo Zimmermann aus.
Catriona schreibt, sie habe damals auch versucht, diese virtuelle Galerie in einem realen Raum zu verankern. Es gab "Eröffnungen" in einer Bar in der Friedelstraße, Neukölln, dem "Heroes". Erst vor Kurzem sah ich am Eingang neben der Tür im Vorbeigehen das Foto der gleichnamigen LP von David Bowie hängen. Dem zweiten Album seiner Berlin-Trilogie. Ein Titel darauf heisst "The Secret Life of Arabia".



2012-12-18

Underground

Underground

(Das Tape dreht durch, die ganze Nacht. Musik ist im Kasten... wird über die Erde gebracht)    
Als ich fünf war, hatte ich mein erstes Undergrounderlebnis. Ich begegnete in meinem Viertel einem gleichaltrigen Jungen, der behauptete, seine Großeltern seien gestorben und unterirdisch zum Friedhof gebracht worden. Durch Stollen getragen, wie beim Untertagebau. Ganz beschwerlich, mühsam und langwierig soll das für alle Angehörigen gewesen sein. Da ich ihm keinen Glauben schenkte, zeigte er mir die Nahtstellen auf dem Teer. Rechthaberisch deutete er auf all die Ausbesserungsarbeiten darauf, fragte mich, ob ich denn einen besseren Grund wüsste, weshalb unsere Straße wie ein Fleckerlteppich aussähe. Wir bückten uns und fuhren mit den Fingern die Schlangenlinien entlang. Je näher wir dem kleinen Friedhof kamen, desto siegessicherer wurde der Junge in seinen Anmerkungen. Er machte das sehr eloquent, wie ein Touristenführer. Ganz anschaulich zeigte er mir, an welchen Stellen die Trauergesellschaft zum Luftschnappen nach oben gekommen war. Klar, sie hatten Sauerstoff dabei, dort, im Untergrund, aber Tante Katja habe Probleme mit ihrer Flasche bekommen, und so sei das Luftschnappen unausweichlich gewesen. Was für eine seltsame Maulwurffamilie. Aber mich wunderte das damals gar nicht so sehr. Ich stellte mir das alles einfach genau so vor, wie der Junge es schilderte und fand die Idee fantastisch. Wenn ich ihm auch nicht glaubte, so hatte ich doch Respekt vor seinen Ausführungen, und er schien mir eine sehr verrückte Erklärung für die Schnittstellen, die Totenstille und die Friedhofsstimmung auf den Straßen abzuliefern. Was die Sache umso respektabler machte. 
Auf halber Strecke sahen wir den olivgrünen Militärbus seine tägliche Route abklappern. Ich sah ihn jeden Nachmittag junge amerikanische Rekruten daheim absetzen. Der Fahrer war immer derselbe, und mein neuer Freund behauptete, er sei sein Cousin. Dann wurden wir von einem Flieger im Landeanflug Riem abgelenkt, und wir kugelten uns auf einen Rasen und feuerten eine ordentliche Salve imaginäres Schießpulver gen Himmel, quasi aus Luftgewehren. Beim letzten Mal habe das Flugzeug klein beigegeben und eine ganze Ladung Gummibärchen, weiße Mäuse und Luftschlangen abgeworfen – ein Angeber hoch Tausend! Aber mit der poetischen Dichte, in der er seine Lügenmärchen strickte, war er sicher gut bewaffnet, um der öden Spießerwelt, in der wir aufwuchsen, Paroli bieten zu können. 
Eine Sache hatten wir Kinder damals nämlich schon begriffen, oder durch das Kabelfernsehen gesehen, das damals in den Straßen verlegt wurde und uns „Western von Gestern“, einen „Colt für alle Fälle“, dem Asphalt ein Narbengesicht und die Großeltern unter die Erde brachte: In der Welt ging es nicht friedlich zu. Die Ordnung, in der wir aufwuchsen, war eine scheinheilige, auf Waffengewalt beruhende. Auch wenn die Waffen unsichtbar blieben. Die verordnete Ruhe war faul und musste korrumpiert werden.
Dabei fällt mir Ralfi ein, unser Nachbar, Sohn eines Polizisten. Der unterrichtete mich im Modellieren anhand seiner ordentlichen Kriegsschauplätze. Ganz malerische Landschaften hatte er da geleimt, und er zeigte mir auch wie man die Plastiksoldaten von Revel mit einem simplen Trick bei den Schätzlingers, unseren Schreibwarenhändlern, klauen konnte. Man musste nur kurz zwischen den Regalen umherschleichen, eine ganze Rippe mit Soldaten dran aus der Schachtel ziehen und die leere wieder ganz akkurat ins Regal legen. Daraufhin stolz mit der gerippten Beute nachhause gehuscht und sich Mamas Schelte anhören, mit dem Befehl, die Soldaten sofort wieder in den Laden zurückzubringen. Dort stand ich dann mit reumütiger Miene ganz scheinheilig vor Frau Schätzlingers Ladentheke. Fast so klein wie die Figuren, so dass sie mir diese mit einer großherzigen Geste überliess. „Darfst sie behalten. Weil du so ehrlich bist.“ 
Der Welt eine eigene Version von ihrer Realität aufzutischen war jedenfalls wichtig, um sich die Zeit zu vertreiben. Darin sind sich der Angeber und ich noch heute einig. Ich weiß nur nicht, was aus ihm geworden ist, vielleicht Versicherungsvertreter.
Wenn ich damals spätnachmittags die bekümmerten Gesichter der Autofahrer sah, wie sie alle mit ihren fünfzig Litertanks auf irgendeiner Mission im steten Fluss der Hauptstraße unterwegs waren, dann wusste ich manchmal nicht so recht, ob es sich lohnen würde, dort hinaus zu fahren. Aber man musste es probieren. Und es war gut, an der Oberfläche zu sein. Der Sauerstoff und die Hochspannung waren auch oben. Alles, was darunter lag, hatte Zeit.









2012-12-17

Szenen in Aktion: La guerre est finie

 Der Krieg ist vorbei –
 1966. Hinter den Bergen steigt Montand für Semprún aus.
Montand sitzt links, kurz vor der Gefahrensituation. Rechts fährt sein Schleuser, beide von vorne aus dem Blickwinkel von Alais Resnais. Ein Europafilm. Ein Grenzhäuschen, dahinter die Berge. Wir stehen auf der Brücke. Portbou, oder Grenzübergang Irún, Hendaye. Zupfmusik wie Nadelstiche spindelt sich über die Szene. Anzug und Krawatten sitzen. Der Fahrer blickt auf die Uhr. Die Nerven kitzeln, die Stirn runzelt, gleich kommt die Kontrolle, man lenkt sich ab mit Gesprächen. Yves fragt: „Was sagt die Uhr?“ Der Fahrer blickt ihn an, erwidert etwas, doch man versteht kein Wort. Das Motorbrummen übertönt den Dialog. Der Motor stottert, mehr hört man nicht, Yves spricht, der Fahrer spricht, schmunzelt, man scherzelt um die Nervosität zu überspielen, aber der Motor übertönt Worte und Scherze. Man hört einfach nichts. Der kleine Seat vor ihnen darf weiterfahren, jetzt sind sie an der Schranke, Pasaporte durchs Fenster, der Polizist entfernt sich damit, man scherzelt, man runzelt, man hört nichts, Kamera von vorn und von hinten, der Polizist kommt zurück: Würden Sie bitte da vorne rechts ranfahren? Aber warum denn? Sie werden schon sehen, es gibt Unklarheiten. Der Wagen rollt ein paar Meter weiter, vom Polizist eskortiert. Nun beugt er sich wieder zum Fenster herein: Den Schlüssel können Sie steckenlassen. Ausstieg. Türen schlagen. Der Krieg ist vorbei. Der Film fängt an.
Das war in der Grauzone hinter den Bergen

Ochsenzoll

Ochsenzoll – Bohlmann und die Kunst der Fuge

Ein ebenso schwieriges wie unbeschwertes Verhältnis zu Kunst und Kultur teile ich mit meinem Studienfreund Hank Hakenschlag. Die großen Museen waren für uns in erster Linie immer Orte der Zuflucht. Ein Beispiel: 
An einem müden Maimorgen 2002 saßen wir vor unserem erledigten Frühstück an einem Außentisch an der Theresienstraße. Uns war ein bisschen fad. Wir hatten uns dort nur hingehockt, um zu schauen ob jenes Ecklokal irgendeinen Anflug von Erinnerungen an das alte Café Stefanie zulassen würde. Das Café Stefanie soll dort um die vorletzte Jahrhundertwende der wichtigste Künstlertreffpunkt Münchens gewesen sein. "Café Größenwahn" hatte man es damals gerufen. Außer an unserem Tisch merkte man bei unserem Theresienstraßen-Frühstück davon aber nix. Wir hatten uns hundert Jahre zu spät dort hingehockt, und als es uns grad hübsch langweilig zu werden drohte, sagte ich zu Hank: „Du, lass uns einen sanften Abgang machen, nimm dir schonmal ein bisschen Vorsprung“. Hank verstand sofort. Hätte ja auch seine Idee sein können. „Okay, wir sehen uns dann bei der Schmerzensmutter,“ gab er zwinkernd zurück und war auf den Beinen. Was ich wiederum sofort verstand, hatte mir Hank doch soeben erklärt, die „Schmerzensmutter“ wäre jenes Dürer-Großbild in der alten Pinakothek, welches sich von dem Säureattentat von 1988 noch immer nicht ganz erholt haben sollte. Er war schon außer Sichtweite, und als die Bedienung ebenso wenig zu sehen war, erhob ich mich, um möglichst ohne einer Spur von Aufbruchsstimmung nach drinnen zu gehen, ganz kurz im Klo zu verschwinden und dann beim Rausgehen nicht mehr an den Platz zurückzukehren. Hat man keine Jacke dabei gehabt, oder die Jacke erst gar nicht ausgezogen, dann ist das ohne einer auffälligen "ich-verlasse-jetzt-den-Tisch"-Geste machbar. Ohne sich umzuschauen, entspannt aber bestimmt, überzusetzen an den schützenden Hafen des Kunsttempels. Sakrales Bilderschiff und Auffangbecken für Zechpreller.

Die Bedienung erlaubte mir aber nichtmal dieses kleine Kribbeln – sie war einfach nirgends auszumachen. Wahrscheinlich waren die Kellner selber alle am Klo versammelt. Nur ganz hinten, am letzten Tisch, war eine Kollegin mit einer Bestellung beschäftigt. Auch die Barkraft hatte kein Auge auf mich. Also stellte ich mich nur einen Moment in den Türrahmen. Die Tischnachbarn sollten denken, ich ginge rein zum Zahlen. Denn Zivilcouraschler, die uns hinterherpfiffen, hatte es schon gegeben, tags davor etwa im Café Rotkreuzplatz. Weswegen Hank und ich uns eine Viertelstunde lang auf einem Friedhof dort ums Eck hatten versteckt halten müssen. Also, die Kehrtwende im Türrahmen und raus ins Freie, entschlossenen Schrittes die Straßenseite gewechselt und dann rasch über die Wiese zur Pinakothek gehuscht, hui, du holder Mai.

Hank stand an der Treppe mit einer enttäuschenden Nachricht: „Die Schmerzensmutter“ war immer noch in Restauration und nicht zu sehen. Na gut, es gab ja noch den „Paumgartner Altar“ und die „Beweinung Christi“, beides Opfer von Schwefelsäure. Wir erkundigten uns bei einem Wärter, wo diese Bilder hingen und ob die Belegschaft besonders wachsam sei, jetzt da Hans-Joachim Bohlmann doch spazieren gegangen und nicht zurückgekehrt sei. Nicht zurückgekehrt in den Ochsenzoll, Hamburgs sogenannter "Landesirrenanstalt". 

„Ja, schon. Spazierengegangen? Ausgebrochen ist der. Wieso?“ Der Mann schaute uns streng an, uns feindlich musternd wie ein Lurch. Wir waren uns offensichtlich nicht ganz grün, antworteten mit einem Schulter zuckenden „Nur so“ und schlenderten durch die Hallen. 
Der Ossentoll, wie die Hanseaten sagen, befindet sich zu einem großen Teil in den sanierten Gebäuden einer von 1937 bis 1938 erbauten Kaserne der Waffen-SS, die nach 1945 als Krankenhaus genutzt wurde. Von dort war Bohlmann also geflüchtet. So war es in der Abendzeitung gestanden. Und Bohlmann galten all unsere Sympathien. Bis auf die Sache mit den Pferden, aber das hätten wir den Wärter mit den Röntgenaugen ja unmöglich wissen lassen können. 
Bohlmann hatte mehr als fünfzig Attentate auf Kunstwerke verübt und dabei einen Schaden von ca 130 Millionen Euro verursacht. 1988 schließlich, nach zwanzigjähriger Tätigkeit, konnte er in München bei der Bearbeitung der Schmerzensmutter gestellt werden. Er hatte es also lange getrieben, und das, obwohl er es sogar immer darauf angelegt hatte, erwischt zu werden. Endlich Hilfe zu erfahren. Erleichtert über die gelungene Festnahme soll er den Polizisten in den Armen gelegen sein. Soll geflüstert haben: „Endlich ist es vorbei. Ich dachte schon, es hört nie mehr auf.“

Bohlmanns Biografie beschreibt einen der einsamsten Lebensläufe der Welt. Einen Menschen, der die Straftat sucht, um wahrgenommen zu werden. Um in Kontakt mit der Gesellschaft treten zu können. Wichtig war, dass die Straftat möglichst viel Aufmerksamkeit erregte. Das war der Grund für seine Entscheidung, sich mit der Kunst anzulegen. Der tiefere Grund lag in frühen Angstzuständen, die ein Neurochirurg damit hatte beheben wollen, dass er bestimmte Synapsen in Bohlmanns Kopf durchtrennte. Nach diesem Eingriff war aus dem jungen Mann ein Frührentner geworden. Alles hatte sich irreparabel verschlimmert. Derselbe Arzt hatte in einer damals veröffentlichten These auch die Behauptung gewagt, mittels seiner Methode das Schwulsein frühzeitig unterbinden zu können. Bohlmann war nicht schwul, aber unglücklich. Als auch noch seine Frau beim Fensterputzen in den Tod stürzte, war Bohlmann erstmal fertig mit der Welt. Er begann eine Karriere als Attentäter. Zunächst nicht auf Kunstwerke, sondern auf Pferde. Womöglich potenzierte der Anblick von Pferden seine Psychose – der Blick, die Augen der Pferde. Jedenfalls überfiel er nachts Pferde und ätzte dem Einen die Augen aus, ein Anderes übergoss er mit Säure, bis die Knochen frei lagen. Von dieser gräuslichen Tat hatten Hank und ich erst später erfahren, als sich unsere damalige Bohlmann-Sympathie schon gefestigt hatte.  

In den Hamburger Ochsenzoll war Bohlmann damals noch in derselben Woche wieder zurückgekehrt, freiwillig. Er wollte nur mal eben schauen wie das so ist, wenn man in Rente geht.


Sieben Jahre später erinnerte ich mich wieder an diese seltsame Episode. Ich googelte nach Bohlmann und erfuhr, dass er vor wenigen Wochen erst gestorben war, 72-jährig. Dort, im Ochsenzoll. 
Dabei kommt mir noch ein anderes Bild in den Sinn. Das Schaukelpferd auf dem Garagenspielplatz hinter dem 60er Jahre Wohnblock, in dem meine Großmutter im Bayerischen Wald gelebt hatte. Das Pferd war ein langer Holzblock mit einem Holzkopf, aufgebockt auf einer eisernen Mechanik, die uns Kindern erlaubte auf dem Pferd quietschend zu schaukeln. 
Es hatte fast die Größe von einem echten Pferd. Aber es war ein altes Ross, übersät mit eingeritzten Liebesschwüren und Schweinereien. Es war völlig zernarbt von diesen Taschenmesserattacken und machte einen sehr desolaten Eindruck. Ich hatte es immer sehr gern gehabt, auf dem Pferd zu ruckeln. Aber eigentlich war der Spielplatz ein sehr stiller und einsamer Ort und das Pferd eine nackte Tristesse. Immerhin, als Bild stiftet es mir jetzt Sinn. Ein Kunstpferd, auf das Attentate in Form von Liebesgrüßen verübt wurden. Schnitzereien und Einschnitte ins Kerbholz.

Läufer gegen Reiter im alten Café Stefanie in München

2012-12-07

Szenen in Aktion: Los, Tempo



Los, Tempo
Szene aus einem Kleinwagen, mit Händen in Handschuhen, die Kabel zum Kurzschluss unter dem Lenkrad gerissen, es riecht nach Leder aus Plastik, die beiden jungen Männer sind sehr beschäftigt in diesem Kleinwagen am Parkplatz vor einem Bürogebäude, aus dessen Vorhalle ein Ehepaar sich von einem leitenden Angestellten verabschiedend tritt. Der Familienmann bestellt Grüße, blickt auf, vollbärtig in Richtung Wagen, das Zündungsstottern vernommen. Fassungslos innehaltend, während die Frau mit der Halskette weiter kleine Gesten mit dem Verbindungsmann aus dem Bürokomplex austauscht. „Marta, sie klauen uns das Auto“, "ja hast du denn nicht abgesperrt?", "selbstverständlich nicht." Sie schnappen hinüber und sehen die jungen Insassen am Hantieren mit den Drähten. Sie sehen durchs Fenster, durch die Scheiben. „Was grad noch gefehlt hat, los mach hin, Mecca“ raunt der Beisitzer und drückt den Sicherheitsknopf. Man pocht an die Türen, klopft auf das Blechdach, der Ehemann ist bestürzt, rennt hinter den Wagen und wirft die Arme hoch. Ein Seat bremst und steht nun direkt hinter dem Kofferraum von dem besetzten Auto. Die beiden Umkreisten bleiben ruhig, während die anderen draussen dran rütteln, und schreien „Policía“. „Ihr wollt Polizei? Ich geb euch Polizei.“ Schnaubt der Beisitzer, der jetzt aussieht wie ein Löwe, der langsam etwas gereizt wirkt und mit einem Ruck unter seinem Hosenbund einen schwarzen Revolver hervorzieht. Mit schwarzlockiger Mähne führt er nun die Mündung den Umstehenden vor, damit kann er sie dressieren, auch hinter der Trennscheibe zeigt das sofortige Wirkung. Der Motor brennt, der Ansprung ist geschafft, „Los Mecca, gib Gas, komm, komm“. Nach vorne weg brechen sie los, nach hinten raus vom Seat verbarrikadiert. Die Gruppe der 45er bleibt zurück, und das flüchtige Auto rast über die Grünfläche, stösst zwei Mülltonnen weg und landet auf sicherer Fahrbahn. Rechts um eine Kurve herum und raus aus der Wohnstadt, Ausfallstraße, vorbei an den Wohnblöcken der Satellitenstadt, raus auf die Autopista, Kassette ins Tapedeck, „Wir sind außer Gefahr, was?“, „Hast du gesehen wie sich das Volk da zum Clown gemacht hat?“, „Komm, das ist Autofahren, Mecca.“ Los Chunguitos spielen ihre Rumba catalana,"¡Ay, qué dolor!", den quinqui Hit von '78. „Deine Koffer hast du gepackt, ohne ein adios, ach tut das weh, deine Liebe mich verliess,ach tut das weh, mich alleine zurückliess, Mit dir hatte ich Alles, jetzt habe ich nichts, verloren irre ich durch diese Welt, ohne zu wissen wohin, wie ein Landstreicher.“ „Mann, wir brauchen neue Bänder“ fordert Mecca, drückt eject und die Chunguitos verstummen.


(basierend auf der Eröffnungsszene des "Cine Kinki" Films "Deprisa, Deprisa" von  Carlos Saura, 1981.
 Gelesen 2012 bei "Kein Land für alte Dichter" im Art Babel sowie im  Salzstangensalon München.)



Eine Zeitungsnotiz in El País vom 09/08/1981:

"Der Film Deprisa, Deprisa, der auf der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären gewann, wird kommende Woche im Filmsaal der Strafanstalt Carabanchel gezeigt werden. Der 24-Jährige Hauptdarsteller, José Antonio Valdelomar, wird dort gemeinsam mit seinem Filmpartner Jesús Arias Aranzueque, der vor ein paar Tagen nach einem Banküberfall gefasst worden war, jene Szenen sehen, die sie im vergangenen Sommer gedreht hatten. Valdelomar ist seit 5 Monaten hinter Gitter und wartet noch auf seinen Prozess, ua wegen dem Überfall auf die Bank in der Straße Ríos Rosas vergangenen März.
Bei seiner Festnahme, wenige Minuten nach dem Überfall, hatte er in der Tasche immer noch den Vertrag, den er mit Carlos Saura über die Dreharbeiten geschlossen hatte.
Valdelomar war von Saura aus ein paar hundert Jugendlichen aus dem Viertel Villaverde Alto für die Rolle ausgewählt worden." 
Übersetzung: Federico Sánchez