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2014-07-04

Songtexte: BELMONDO



Am heissesten Tag vor Jahren 
hinter Rollos sahen wir Godard
sechs Bier und der Krieg war kalt

nur wir so jung und frisch verknallt
fühlten wir in den Nachmittag rein 
um so Pierrot le Fou und so zu sein 

hör nur wie diese Melodie, und
die Liberté meinen Kopf blau färben
und der Kopf, der fliegt davon

über Himmel und blaues Meer
Überdosis Dynamit
der Verstand macht da nicht mit

wenn er ein Buch von Lacan liest
während du dich nackt ausziehst
weil Cuba Libre voller Coca Cola
und Rock'n'Roll runder als Trikolore klang

das war das Ende von Pierrot le Fou

und wenn dir mal der Kopf explodiert
und es auf keiner Mattscheibe passiert
dann ist der Film so gerissen wie du 

da sind Romantik und Gefühle nicht mehr

diese Melodie existiert nicht mehr
nur der heisseste Tag im Jahr

da ich meine Jacke ausziehen mag
kein Belmondo schaut dabei zu
am heissesten Tag im Jahr

da ich meine Jacke ausziehen mag

(ich danke dem Nino aus Wien für die letzte Zeile)




2012-12-25

Das poetische Geheimnis von "Tabu"


TABU
Das Krokodil im Pool schläft nicht. Es beobachtet alles, blickt stoisch hinein ins Herz der schwarzweißen Sprachlosigkeit. Drunten im alten Afrika, am Fuße des Monte Tabu. Eines Tages wird es als Erinnerung wiederkehren. Dann wird es beissen. Und es wird ein Fressen für Cinephile sein. Als Erinnerung von Aurora und Ventura, spielsüchtige Abenteurer und Wilderer. Portugiesische Jeunesse dorée in Mosambik, 1961, kurz vor dem portugiesischen Kolonialkrieg. Sie liebten und sie verleugneten sich. Zugunsten der Unantastbarkeit des Ehemannes von Aurora. Der einst Mario das Leben gerettet hatte. Und Mario ist Ventura's bester Freund. Sturmfreie Probleme im „Paradiso“, in der zweiten Hälfte des Films. Stumm und stillschweigend wie ein Tabu per definitionem nun einmal ist, oder wie der gleichnamige Film von F.W. Murnau aus dem Jahr 1931. Aber der Blick, der die Kultivierung vom imperialen Elternhaus hier reflektiert, könnte auch der von Guy Maddin sein. In den Formalismen von Anstand und Würde entdeckt Miguel Gomes das Groteske. Die Rechnung, die nicht aufgehen, beziehungsweise nicht ohne moralischem Bankrott ausgehen wird. Er enttarnt sie, Les Européens sauvage, oder eben Os europeus selvagem. Wenn beiläufig erzählt wird, dass Mario als Kartograph wunderschöne Pläne entwirft, die aber jeglicher Wissenschaftlichkeit entbehren, dann ist in diesem Detail eine ganze Klasse von reichen Kindern und Hochstaplern karikiert. Die Guttenbergs vom Monte Tabu. Ironischerweise kommen dem Zuschauer in einer Einstellung, wenn man genau hinsieht, afrikanische Kinder mit Obama T-Shirts entgegen. Vorgefundene Reality, die Gomes als Hintertür zur Jetztzeit intakt liess. Technischer Geniestreich in Tabu: Die Dialoge sind nicht zu hören, wohl aber alle anderen Geräusche – Türen schlagen, Motoren brummen, Schüsse fallen. Die Schauspieler sollen bei den Dreharbeiten die Dialogsequenzen mit spontanen Einfällen gefüllt haben. Ein hochinteressanter Film für gehörlose Lippenleser. Möglicherweise entstehen bei der Lektüre nochmal ganz drastische Tabubrüche.
                         TABU                    
Portugal/Deutschland/Brasilien/Frankreich 2012
Regie: Miguel Gomes
mit Teresa Madruga, Laura Soveral, Ana Moreira, Carlotto Cotta, Ivo Müller u.a.
Miguel Gomes liebt die Vielschichtigkeit, die weit verzweigte Geschichte. Das Motiv der portugiesischen Kolonialverbrechen wird dem mittlerweile greisen Ventura im Tonfall einer romantischen, äußerst fein ausfabulierten Sprache, in den Mund gelegt. Was ist kitschiger, die schulisch gelehrte Landesgeschichte, oder die radikal subjektive Geschichte von Ventura? Zwischen diesen Kontrasten verrät uns Gomes das poetische Geheimnis von Tabu.   
Die erste Hälfte von Tabu, „Paradise Lost“, spielt im heutigen Lissabon, dehnt die existenzielle Sinnlosigkeit der sterbenden Aurora, der "Morgenröte", zu einer Bonnuit Tristesse. Deren Trägheit erschliesst sich umso nachsichtiger, als der Film sich zu erinnern beginnt, jugendlich und campy wird, und die Ramones und die Ronettes den Dschungel Tränen kosten. 
Les Surfs aus Madagascar singen
 "Tú serás mi Baby" von den Ronettes
Veronica "Ronnie" Spector
1 ESCUELA DE LOS RAMONES. 2 LOS PERTEGACES. 3 LA TOSCA Y FÁBRICA DE LANAS.




2012-12-14

Gewaltenteilung im Outland

GEWALTENTEILUNG IM OUTLAND, 
SCHAUSPIELER HINTER GITTER!

DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN
„Legal? Was ist schon legal?“ – Worte, die irgendwann beiläufig fallen und uns den Schlüssel für das Kraftfeld, in dem sich die Filme von Jaques Audiard  bewegen, in die Hand legen. Gesetzesschranken sind irrelevant für den Weg, den seine Protagonisten zurücklegen müssen. Wir erleben Körper in der Revolte. Einzelgänger am Grundeis. Die gegen Kommunikation und Kontrollgesellschaft rebellieren. Und dabei große Fehler begehen. Der mittellose Free Fighter Matthias gibt der Walfischtrainerin Marion, die bei einem Unfall beide Beine verliert, zwar die Lust am Leben zurück, übersieht aber, dass er seiner Schwester Anna durch einen dreckigen Job für einen Personalüberwachungsdienst ein Bein stellt. Geld tritt hier als die Unfreiheit der Anderen in Erscheinung. Um seinen fünfjährigen Sohn Sam überhaupt einmal wahrzunehmen, muss erst das Klischee vom gebrochenen Eis bemüht werden, das Einzige in diesem Film. Fast jedes Wort aus dem Mund von Matthias kommt einer Ohrfeige gleich. Sein Egoismus ist Teil von seinem Befreiungskampf. Move your ass and your mind will follow. Wenn Matthias am Ende seine Lektion gelernt und eine Aufgabe erfolgreich gelöst hat, dann haben Judikative oder Exekutive dabei keine Rolle gespielt. Allein der existenzialistisch, körperlich erfahrene Wert der Beziehungen war hier von Bedeutung. Und die Gewaltenteilung untereinander. Man trägt sich gegenseitig. Matthias trägt Marion ins Meer, Marion übernimmt im illegalen Milieu von Matthias das Management, und ein Double oder ein visueller Trickdienst übernimmt die Totalen der beinlosen Marion. Romantik in Aktion, Drive im Buch, Leben im Schnitt. (fs)

Nachschlag:
1996 hatte Audiard ein Musikvideo für den Song "Comme elle vient" der erfolgreichen französischen Rockband Noir Désir inszeniert. Darin interpretieren Gehörlose den Songtext in Gebärdensprache. Die Anfangssequenz mit ihrem untertitelten Dialog rief in Frankreich einen kleinen Skandal hervor. In ihr führen drei Frauen eine politische Diskussion und kommen zu dem Ergebnis, dass es besser sei taub zu sein, als Politikern zuzuhören.
Der Sänger von Noir Désir, Betrand Cantat, wurde 2004 durch ein Gericht wegen Totschlags zu acht Jahren Haft verurteilt, nachdem er im Juli 2003 während eines gewaltsamen Streits seine Freundin Marie Trintingnant zu Tode geprügelt hatte. Marie Trintignant war als Tochter von Filmschaffenden aufgewachsen. Ihr Vater war der Filmschauspieler Jean-Louis Trintingnant, ihre Mutter die Autorin und Regisseurin Nadine Trintingnant.
"mister state trooper please don't stop me..."



CÄSAR MUSS STERBEN 

Auf die Frage, ob ein Film eine künstliche Welt erschaffen, oder nichts weiter als eine bereits vorhandene Realität abbilden sollte, antworten die Brüder Taviani ganz einfach: Beides! Das gemischte Doppel einer organisch existierenden Fiktion birgt allein schon der Jahrhunderte alte Text, der einen Jahrtausende alten Stoff verhandelt. Shakespeare's „Julius Cäsar“, gespielt von Schwerverbrechern, mit einem römischen Gefängnis als Filmset. Von der Justiz zu etlichen Jahren Haft verdonnert, spielen diese Männer das alte Drama um Macht, Mord und Verrat mit einer leidenschaftlichen Intensität vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschichte. Gespielt wird auf den Fluren, in den Zellen, zwischen den Zeilen. Cäsar, den ersten Kaiser Roms, von einem echten Mafiosi verkörpert – das ist geniale Simulation von Realismus. Und gar nicht an den Haaren herbeigezogen, vertreiben sich die Häftlinge mit der Theatergruppe nun schon seit Längerem die Zeit. Man erwischt sich, wie man für die hier in Schwarzweissbildern und unter Verschluss gehaltene finstere Seite der Gesellschaft Sympathien entwickelt. Oder bei dem bösen Gedanken, dass Schauspieler öfter mal in Klausur gehen sollten. Ein eigendynamisches, wichtiges Werk. (fs)


DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN (OT: De rouille et d'os)
Frankreich, Belgien 2012
Regie: Jaques Audiard
mit: Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts, Armand Verdure u.a.

CÄSAR MUSS STERBEN (OT: Cesare deve morire) 

Italien, 2012

Regie: Paolo und Vittorio Taviani

mit: Cosimo Rega, Salvatore Striano, Giovanni Arcuri u.a.


2012-12-10

Texte zu Filmen: Killing Bored Rebels


KILLING BORED REBELS IN OTHER PLACES /
WHATEVER YOU DO, DO NOT MIX THE COLOURS

Ein Film von Anna McCarthy

mit: Rebekka Erin Moran, Hedwig Eberle, Tagar, Anthony McCarthy   
     & Damenkapelle


Der Erfinder der Stereophonie war von dem Spleen besessen, auf Schritt und Tritt und in allen Bereichen und Lebenslagen für Trennungen zu sorgen. Wenn man zumindest einem kleinen Cartoon, der einst im Satiremagazin „Titanic“ abgedruckt war, Glauben schenken möchte, dann lauerte dieser Herr etwa auf verliebte Paare hinter Hecken, um diese beim Knutschen mit einem bösen „Auseinander!“ zu erschrecken. Auf diesem Wege soll ihm also eines Tages die Idee gekommen sein, Musikaufnahmen in zwei Kanäle aufzuspalten.
Ähnliche Lust am Separieren muss Anna McCarthy bei ihrer letzten Arbeit innerhalb ihrer „How To Start A Revolution“–Serie verspürt haben. Das geht schonmal damit los, dass der Film zwei Titel hat. „Killing Bored Rebels In Other Places“ beschreibt die Handlungsebene: Rebekka Erin Moran besucht als böser Racheengel träge Outlaws und knallt sie mit einer Flinte ab. Sie tut das mit einer ähnlich unmotivierten Dringlichkeit wie Godard's Großstädter auf Landpartie in „Week-End“. Einmal räumt sie sogar mit einer ganzen Band und ihrem Spiel auf. Moran's einziger Impuls läuft dabei über Titel Nummer Zwei, „Whatever You Do, Do Not Mix The Colours“, der sie als Credo und Spielanleitung durch fünf Episoden treibt. In Abwesenheit jeglicher Moral löst sie quasi das Gegenangebot ein, das lautet: Du kannst rumballern wie du willst, aber treibs nicht zu bunt!



Zwischen den Episoden darf sie sich dafür während surrealer Work-Outs in einer Art Puppenhaus austoben und dort in die nächste monochrome Farbe schlüpfen. Sogar ihre Augenfarben folgen dabei dem Spielverlauf. Durch die Episoden der Außenwelt wandelt die Totmacherin jedoch mit fest verschlossenen Augen. Weder das tiefe Blau vom Seewasser, das satte Wiesengrün, das Gelb der Honigwaben noch das grelle Rot vom Sportwagen dürfen ihren Blick berühren. Die Welt der Sehenden mit ihren Farbverbrechen durch Blindschüsse auslöschen, das ist Moran's Mission.
Ein augenzwinkernder Kommentar zur Hypokrisie der Mainstreamproduktionen, die entgegen der angeblichen Enttabuisierung aller Sujets weiterhin ästhetische Sehgewohnheiten des "objektiven Auges" bedienen und künstlerisch ambitionierteren Bildgestaltungen, die einem subjektiveren Blick folgen wollen, ein No-Go erteilen. Konsequenterweise steht am Ende der Tod des Filmemachers: Anna McCarthy's Hingabe an die Welt der Erscheinungen, ihre campy überzeichnete Affirmation für prall gesättigte Farben und Oberflächen, sowie die Liebe zum Leerlauf werden durch den letzten Schuss beendet. Wenn der Filmemacher sich selbst als Subjekt manifestiert und plötzlich in Konflikt mit seinem Protagonisten gerät, dann spätestens wird sich der Zuschauer dem doppelbödigen Spiel gewahr. Als habe man zwei voneinander getrennte Filmspuren dabei erwischt, wie sie aufeinander zugelaufen und kollidiert sind.



Und schließlich auf einer dritten Parallelspur: Die Musik von Tagar. Erinnerungen an die Arbeit von Neil Young für „Dead Man“ werden wach, an die schleppend dronigen Wallungen von Bohren & der Club of Gore. Über die ganze Dauer der ansonsten sprachlosen Episoden bröseln und flirren die Gitarren-Arpeggios. Zuweilen entsteht so der Eindruck von einem Musikvideo – und damit, wie auch vereinzelt in den visuellen Motiven, ein Verfahren, in dem Kenneth Anger zitiert wird. Dass die Musik aber speziell für den Film eingespielt wurde, lässt den Vergleich zu einem Musikvideo hinfällig sein. Vielmehr nimmt sie genug Raum in Anspruch, um die Feststellung zu erlauben, dass sie als eigene Dominante abläuft und beide – Film- und Musikspur – auch getrennt voneinander funktionieren. Womit wir wieder beim Ausgangsbild vom Phänomen der Mehrspurigkeit wären. Übereinkunft nur im Schusswechsel.
Don't shoot the guitar player? Pustekuchen! Auch der muss dran glauben. Bauchschuss durch den Briefschlitz. (fs)