2020-12-20

Serie: Filmessays zu Musikstücken von Le Millipede (2)

2nd Leg  

Zuerst kommen die Fassschläger, kommt das Hämmern ihrer Schlägel auf die Fässer, ihr Schallen durch der Altstadt menschenleeren Straßen. Dann kommt der Reifenschwinger, ohne einen Tropfen zu verschütten lässt er den Holzreifen schwingen, das Schnapsglas obenauf. Am Ende landet es hinter seinem Rücken, in der Mütze vom Kasperl, dem Spaßmacher. Kunterbunt wie eine Vogelscheuche thront der in der Mitte über der Szenerie auf einem Schaff, rings um ihn rum einen Ring formend mit Buchskränzen, so kreisen die Schäffler um ihn, ein Pestband einjeder quer über der Brust, zu weißen Kniestrümpfen, schwarzer Kniebund, Schurzleder, roter Jacke und grüner Kappe mit weißem Federbusch. Böttcher und Büttner, Küfner und Küper, Fassbinder, Simmer- und Tonnenmacher sind sie andernorts in ihrer Zunft, hier sind sie Schäffler. Schwarz ihre Schuhe, die tanzend voltigieren, die Menschen zurück auf die Straßen, die Gassen, die Plätze zu führen. Es ist die Pest, die sie an der Longe hält, seit 1515 hinter Schloss und Riegel gebannt, und nun, im 1517er, von den mutigen Fassmachern ausgekehrt, ein Leben herausfordernd, was gewagt werden will. Und so hört sie auf, und hört doch nie auf, die kreisrunde Szene im Spielwerkserker, um Elf und um Zwölf und um Fünf Uhr final, die kinematische Ordnung mit Glockengeklirr.


Eine Etage höher, chronologisch verkehrt, wird davor dargestellt, wie Adel sich bindet und öffentlich von kündet, auf dass die ganze Stadt weiss: Der Wilhelm, der Fünfte, und die Renata von Lothringen, sie haben sich gefunden, im Februar 1568 als Herzog und Herzogene hier auf dem Marienplatze sich herrlich verehelichtend. Sechzehn Figuren sehen wir in dieser Szene, wenn sich Herolde und Narren, Fanfarenbläser und Pagen, Standartenträger und Morisken drehen und nochmal drehen, das Turnierfeld zu säumen, in welches der Platz wird verwandelt, drauf Bayern und Lothringen sich schlagend, ein Reiter muss fallen, ein Opfer für den Gemahl, wenn Weißblau stößt Rotgelb mit der Lanz hart vom Gaul. Derweil reglos verweilt das Fürstenpaar und ihr Marschall. Doch hier tanzen Morisken ihren Schellentanz, konvertierte Muslime und maurische Sprungfedern mögen sie sein, wenn ihnen die Cascabeles gleich Klingglöckchen bis in die Fußspitzen rasseln, wie nur der getrockneten Kirschpaprika Samen beim Schütteln eben rasseln.


Achtzehn Tage Hochzeit, wir sehen sie in kaum drei Minuten, wie in einem Panoptikum aus der Vorfilmzeit, in wachsfigürlicher Erstarrung, in der Zeit vor dem Film, als der Film noch nicht erfunden und es kein Kino noch gab. Nicht zu sehen bekommen wir den Lebensabend von Wilhelm und Renata in klösterlicher Frömmigkeit: Auf Feierei und Wandlung vom Hennen- und Badehaus ins weltberühmte Hofbräuhaus folgten Abdankung und Entsagung. Nein, in ewig schleifender Wiederholung, ein Schlaglicht auf die Vermählung, in einer Erfindung, um Massen aufblicken zu lassen, und von oben aus ihnen beim Aufblicken zusehen zu können. Doch der Schäffler Fassschläger, sie sind nicht zu sehen, in dieser Neo-Gothik von Neunzehnhundertundzehn. Allein die klingenden Glocken lassen die Tänzer sich drehen, als Ablenkung davon, dass Hauberrisser hier keine Vision im Geiste erschien, als er hier zu München nachbauen ließ den Belfried von Brüssel und das Neue Rathaus von Wien.

Serie: Filmessays zu Musikstücken von Le Millipede (1)

 1st Leg

Eines Hoftors Flügel öffnen sich dem Strom von Arbeiterinnen zur Mittagspause – und dem ersten Blick der Filmgeschichte: Der Projektor zeigt das Verlassen einer Fabrik, mal nach links, mal nach rechts abgehend wie auf einer Theaterbühne, in der Mehrzahl Frauen, die Männer zum Schluss. Helle Stoffe und Bolero-Hüte mit Schleifenbändern simulieren den Eindruck einer Dorfgemeinschaft in Sonntagskleidern, raus aus der Kirche, rein in den Salon. Doch die Kirche ist die fotochemische Fabrik zu Monplaisir, einem Quartier von Lyon, zur Herstellung von Lichtplatten im Auftrag von Antoine Lumière, Vater der Brüder Auguste und Louis, die mit ihrem Apparat, dem Kinematograph, nun diese Szene an einem sonnigen Tag im März 1895 festhalten – mit den perfekten Komparsen: Der eigenen Belegschaft. Als kostenlose Inklusiv-Statisterie, noch ohne Bewusstsein für das Gesehenwerden, müssen die Brüder keine weitere Anweisung geben, als einfach das Hoftor wie einen Vorhang öffnen- und die Menschen herauszulassen. Von denen keiner den direkten Blick des Objektivs erwidern wird. Die Brüder müssen die Menschenmenge nicht auffordern, ihres Weges zu ziehen ohne zu blicken, so wie Filmreporter Soldaten belehren müssen in "Apocalypse Now", dessen literarische Vorlage "Herz der Finsternis" entstand in den 1890er Jahren, zeitgleich zu dieser ersten aller Filmszenen. Die Finsternis im kolonialistischen Delirium, die leuchtende Arbeit im Lichtwerk von Lumière! Nein, das Herz wird nicht gezeigt, die Fabrik wird nicht von innen, nicht bei der Arbeit gezeigt. Gezeigt wird das, was der beiläufige Blick von außen schon kannte. Das Innenleben wird noch als tabu empfunden. Hinter dem Werkstor, hinter Mauern, bleibt die Arbeit verborgen, das Verlassen der Fabrik als Spektakel. Hundert Jahre später, 1995, bilanziert Harun Farocki: Am Anfang stehen die Arbeiter, doch die Arbeit an sich wird im Verlauf der hundertjährigen Filmgeschichte kein Protagonist werden: Die Arbeit an sich bleibt unattraktiv, sie stößt die Kamera mehr ab, als dass sie sie anzieht. Die Arbeiter verlassen die Fabrik, das Tor schließt sich.


Songtexte: Müllauto

Ich bin ein Müllauto

und ich fahre durch die Straßen dieser Stadt

Ich bin ein Müllauto
und ich hole immer Dienstags ab

Ich bin ein Müllauto
und ich werde niemals satt

Ich bin ein Müllauto
ich nehme auch die kleinen Straßen mit


Müllauto oho!

Bist du auch ein Auto?

Müllauto oho!

Was bist du für ein Auto?



Ich bin ein Müllauto
und ich kenne alle Straßen deiner Stadt

Ich bin ein Müllauto
und ich hole deine Sorgen ab

Ich bin ein Müllauto
und du gibst mir was von deinem Käse ab

Ich bin ein Müllauto
und ich mache niemals schlapp
 



verwendete Akkorde:
A - D- G - D - A
A- D - G- A - D
A- D- Hmoll

 

2020-11-24

Songtexte: Der Ruf von Giesing (Stadelheim-Schlager)


Die Liebe ruft!

Wenn ich mit der Tram Achtzehn den

Berg hinauf zur Schwanseestraße

nehm'


Die Liebe ruft!


An der grauen Mauer draußen

sieht mich auf dem Schirm die Wache

steh'n


Die Liebe ruft!


Mein Perso hoch in der Hand und

der Besucherschein lässt mich he-

rein


Die Liebe ruft!


Erst die Hose abgetastet

und Klamotten einmal ganz aus-

zieh'n


Die Liebe wartet!



Auf zwei Metern im Quadrat mit

einer Scheibe, die uns trennt

seh' ich deine Augen alles sagen

hinter Glas


Und wenn ich aus dem Stadelheim

hinaus raus auf die Straße trete

sehe ich den Ausruf schon

an einer Hauswand steh'n:


GANZ GIESING HASST DIE POLIZEI




Die Liebe ruft!


Auf der ander'n Isar-Seite

kann ich sie den ganzen Monat

hör'n


Die Liebe ruft!


Sie ging rauf nach Giesing, sie ver-

flucht den Kerl, der einmal zu oft sang


Die Liebe ruft!


Warten, Hoffen, Sehnen, nach

dem Sehen oder einem Postpaket


Die Liebe ruft!


In Träumen und in Versen ruft sie,

wie aus einem Buch von Pepe Zahl*


Und wenn die Besuchzeit rum ist

beginnt ein Monat Wartezeit

doch ein Spruch an der Wand sagt

wir sind nie ganz allein


Ja wenn ich aus dem Stadelheim

hinaus raus auf die Straße trete

sehe ich den Ausruf schon

an einer Hauswand steh'n:


GANZ GIESING HASST DIE POLIZEI



Auf zwei Metern im Quadrat mit

einer Scheibe, die uns trennt

seh' ich deine Augen alles sagen

hinter Glas



*P.P. Zahl ~ Peter-Paul Zahl – "Die Glücklichen" (Schelmenroman, 1979 – 'Bestiehl nie Jemanden, der von seiner Arbeitskraft lebt!')



verwendete Akkorde:


G / Hmoll / Amoll


D / Dmajor / Hmoll / C / G / Emoll / Dis / Fis / A






2020-08-15

Texte zu Musik: Ascolta

 
Ich lausche Ascolta und antworte mit Sprache, notiere Worte. Ich sollte das nicht tun, zumindest nicht in dieser Sprache, und erst recht nicht auf diesem Schreibgerät, einem Apple MacBook mit kaputtem Bildschirm. Um die getippten Worte überhaupt sehen zu können ist daran ein klobiger Monitor der Firma LG angeschlossen, aber das ist nicht der Grund, warum ich das nicht tun sollte. Mit einem einwandfrei funktionierenden Gerät, ganz frisch aus der Fabrik, wäre es dasselbe: Das Problem der Kohärenz zwischen dem, was die Arbeit an Worten mittels einem seriell gefertigten Betriebssystem leisten kann, und dem, was die hier zu hörenden Musiker tun. Weder nehmen sie präfabrizierte Instrumente zur Hand, noch folgt ihr Musizieren einer tradierten Spielweise – ihr Instrumentarium (Gerät) und ihre Notenschlüssel (Sprache) sind selbstgemacht. Mit Ausnahme der Geige von Hariolf Schlichtig natürlich, also öffnet sich vielleicht hier eine Tür zu meinem Tun: Die Sprache gibt die zweite Geige.

Nein. Die Sprache ist weit weg. Der Raum, der zwischen der Sprache und Fuchs' und Babels Stromstößen, Klopfzeichen und Pusteblumen liegt, ist auf keiner Karte markiert. Aber auch der Raum zwischen ihr und Schlichtigs Streichen: Mal blitzt dort ein Zitat auf, und will doch nicht genannt sein. Deswegen sucht Zoro mich heim, damit ich Worte finde. Das intuitive Spiel mit Worten zu illustrieren, sitzen Zoro Babel und ich uns im Raum meiner Dachwohnung gegenüber. Wortlos aber war der Anfang, damals, als ich ganz sprachlos und zuallererst die Beobachtung war: Das zufällige Erlebnis von Zoros Spiel in der Maria-Bar, einem Keller der ehemaligen Funkkaserne an der Domagkstraße München, mit Metallscheiben und Scharnieren, ein Stockkampf mit dem Material. Zweiundzwanzig Jahre liegen dazwischen. Und nun teilt Zoro seine Spielkarten aus und erinnert sich und mich an die Hammerschläge, die seinem Vater Paul Fuchs den Anfang einer selbst geschmiedeten Musik bedeuteten.

Meine Ohren glaubten den Specht im Wald zu hören, doch war es ein Morse-Telegraf. Das Blöken von Büffeln, doch war es das Brodeln des Vulkans. Und Vulcanus war es, den sie beim Fertigen der Blitz- und Donnerpfeile für Jupiter hörten, doch glaubten sie den Eisenerzbergbau der Etrusker zu vernehmen. Dann waren es Möwen, die kamen, um vor einem Mord in einem Stummfilm zu warnen, doch am Himmel waren Propellerflugzeuge aus einem Weltkrieg, sie nannten sich Mosquitos. Die Vorführung des Faradaysche Käfig im Deutschen Museum hörten sie, doch hätte es auch die Arbeit der Rangierer eines großen Güterbahnhofs sein können. Eine Windmühle, die klang wie ein Zementmischer, doch war es eine Holzhand. Und zwischenzeitlich klang das Spiel der Musiker nach Fußball, mit anderen Vorzeichen, mit einem unwuchtigen Ball, womöglich mit runden Kanten ... die es ja gar nicht geben kann. Oder etwa doch? Lauf, lauf! Ein Pass, ein Lauf, ein Sturm, ein Schuss, ein Abpfiff, eine Belehrung, eine Diskussion, aber immer: Weiter!

Im Ohr vollzieht sich eine permanente Geburt: Ein neues Wesen kommt auf die Welt, und doch ist es nicht neu, das neue Kind ist bereits "fertig". Entstanden lange Zeit zuvor, beim Geschlechtsakt. Aber nein, noch eher, viel eher ... selbst ein schnell gesagtes Wort hat eine Vorgeschichte, auch wenn das Bewusstsein dafür weg ist: Über die Lippen kommt es mit dem Anlauf ganzer Wort-Generationen, und seien es auch Contra-Parole, Ablenkung und Gewölk – kein Wort kommt aus dem Nichts, aber auch kein Klang ... ja wo kommt er her, was war davor? Es ist der Wille zur Schöpfung selbst, der sich hier in jedem Schlag und jedem Rütteln hörbar manifestiert, und doch der Logik eines Domino perpetuo obliegt. So folgt das Spiel von Babel, Fuchs und Schlichtig einer spontanen Gebung und Legung, wie auch einer jahrzehntelangen Vorbereitung, Fertigung und Erfahrung.

Da fällt der Blick auf das Material: Holzhand und Kabelungen, Fuchshorn und Fuchstuba, Stierballastsaite und Bronzetrommeln, Gummistiefel auf Sprungfedern und Spiralen aus Rohrstangen (Gärtner und Gärtnertraum), Holzblockwagen und Schiefergranitplatten, Trommeln und Donnerbleche, Oszillatoren und Motoren, Kontaktmikrofone und ein Speichermodul. Sie alle verdichten sich zu einem Spielfeld, verwandeln das Haus in den Colline Metallifere der südlichen Toskana in ein Klangstudio, das selbst ein Instrument, und ich denke an den "Klanggarten" der Hörspielredaktion im Rundfunk, mit Sandkasten, Kies und anderen Elementen zur Simulation von Geräuschen.
Zuletzt das Bild der drei Männer, die im Raum einer Galerie stehend ihr Spiel treiben. Es ist das letzte Bild, das mir in den Sinn kommt, und obwohl es den Aufzeichnungen entspricht, erscheint es mir beim Hören wie eine Fälschung. Ein frei erfundenes, ausgedachtes Bild. 


Linernotes zu Ascolta von Paul Fuchs, Hariolf Schlichtig und Zoro Babel 
CD bei Echokammer
EK 087


2020-05-06

Meine Platte #13 (Beitrag zur Kolumne im InMünchen-Magazin)

Die Gefederten und die Geteerten 


Ok, ich tu's wieder! Aber zunächst einmal will ich ein paar Dinge klarstellen. Es ist ja schon ein paar Jahre her, da ich etwas zu dieser wunderbaren Kolumne beigesteuert habe. Dabei war mir das Schreiben für „Meine Platte“ nicht nur wichtig, vielmehr bedeutete es mir die Erfüllung meiner journalistischen Ambition! Ich erinnere mich noch, wie angetan ich als kleiner Knirps vor dreißig Jahren von der Entdeckung dieser Doppelseite war, diese sofort als relevant einstufte: Wer sich in diesem Mitmachzirkel zu Wort meldete, der bedurfte dazu augenscheinlich keines Hochschulabschlusses oder so, nein, hier dazu zu gehören bedurfte einer Legitimation auf anderem Wege, einem, der von konkreter Tat und direkter Aktion ausgehend über die Bühnen dieser Stadt führen mochte. Und das war der einzige Weg, der mich interessierte. Fünfzehn Jahre später war ich drin in der IN, schrieb dies und jenes. Und anderes. Ein Dutzendmal "Meine Platte". Dann sechs Jahre lang nichts. Warum?
Die Antwort könnte lauten: Weil die Welt eine Platte, und diese so uferlos ist. Aloha, Meer aus Musik! Selber schon das ein oder andere Tonträger–Boot mit der eigenen Musik besetzt (huch, die eigene Musik!) den Wellen und Wogen übergeben, und so manche Produktion von geliebten colegas betreut, fällt ein neuerliches Bekenntnis zu Meine Platte nicht so leicht. Welche ist sie denn nun, ene mene meine? Ihr seid so viele, eure Geschichten verschwimmen ... 

Und wenn ich mich in Rillen legte, die fern von meinem Fahrwasser laufen, so mag ich kaum von meiner Musik oder meiner Platte sprechen. Nicht dass mir die Musik so fern wäre, im Gegenteil, nah ist mir so vieles, warum also sollte ich es zu mein Eigen machen? Gleichzeitig bleibt das kindlich naive Festhalten an Meine Platte irgendwie sympathisch, kauzig. Insgesamt weniger unbehaglich, als wenn ich Euch jetzt meine Freundin, meine Frau oder meinen Mann vorstellte. Um nicht falsch verstanden zu werden – Freunde und Freundinnen sind lebensnotwendig, und dann und wann die Leidenschaft für die Eine zu betonen, auch. Aber muss die Betonung einer Leidenschaft und Schwärmerei unbedingt in die Artikulierung von Besitz umschlagen, die Behauptung des Mein Eigentum? Das ist der wunde Punkt. Das große Missverständnis. Der Jammer unserer Konsensgesellschaft. Darunter leidet auch unsere Beziehung zur Musik. Die wird mit einem Bleifuß durch die Kulturverwurstung getreten, auf dass sie sich wandle in Eigentum, auf dass Eigentum generiere Eigentum, auf dass uns allen das Hören vergehe. 

Wer glaubt, Platten seien sein Eigentum, unterliegt einer naiven Illusion. Gewiss, da ist das Material, das eine Exemplar. Das sich gut anfühlt, in der Hand und im Auge. Die Musik darauf aber ... bleibt ein unbändiges Tier, das viele zu zähmen und manche zu streicheln wagen. Viele Hände sind es, die das Fell von diesem Tier berühren, wie könnte es da von einem Paar Händen besessen sein? Wer Musik hört, tritt in Kontakt, steht in Verbindung. Mit denen, die da auch am Hören sind. Und mit denen, die da hinter der Musik stehen. Wie soll etwas, das von vielen an verschiedenen Orten gleichzeitig oder zeitversetzt gehört wird, dem Einzelnen gehören? Ähnlich absurd wäre in Zusammenhang mit einem Telefongespräch die Vorstellung, dass einer Person dieses Telefonat gehören könnte. Das Gehörte gehört dir nicht, mir nicht. Und wenn du zehn Exemplare derselben Platte kaufst, die Musik fliegt dir um die Ohren, macht sich auf und davon. Sie kreist nicht nur um deine Ohren, sie liebt viele Ohren! So ist das Wesen der Musik.
Nun gut, wie eingangs erklärt, liebe ich diese Kolumne, und ich erzähle Euch nun von einem Schwung Platten, von denen ich sagen möchte, sie gehören mir mehr als alle anderen. Und ich spreche hier jetzt nicht von meiner eigenen Musik. Ich spreche von den zwei Handvoll Platten ohne Hülle. Nackt und ungeschützt stecken sie irgendwo zwischen den anderen Scheiben. Dies ist die Geschichte dazu ... 

Den Anlass gab eine Einladung der McCarthys nach Glasgow, zu einer Gruppenausstellung auf einem still gelegten Fabrikgelände. Wiederbelebt unter dem Namen Glue Factory sollte
dort die junge Kunst erblühen, und in Gesellschaft einiger untereinander verbandelter Münchner Künstler versprach das Ganze ein bombiges Happening zu werden. Nur wusste ich zunächst nicht so recht mir einen Reim auf meine Rolle dort zu machen, denn Künstler war und bin ich nicht, zumindest kein auf dem Kunstmarkt aktiver. Aber ich bekam Lust auf eine Aktion. Eine Handlung, die mir eine real durchlebte Tat bedeutete. Es war an der Zeit, ein Opfer zu bringen! Ich packte ein paar Platten von Ikonen, deren Portraits mich lange genug von ihren Plattencovers angeglotzt hatten, sie waren nun fällig. Portraitcovers fand ich schon immer fragwürdig, eine marktschreierisch plumpe Anmache, die auch bei mir so oft gewirkt hatte. Es mussten die Covers von Idolen sein, die mir besonders wichtig waren, und natürlich durften es keine kopierten Bilder sein, vielmehr galt es, die Originalhüllen zu zerstören, sonst wäre es kein Opfer gewesen. So besorgte ich schwarzen Leim und weiße Federn und flog damit nach Schottland. In der Glue Factory angekommen, klebte ich die Hüllen zu einem Quadrat angeordnet an die Wand hinter der Bühne, spielte auf dieser im Anschluss gemeinsam mit meinen Freunden Nick, Sarah und Seb ein paar Lieder – wir nannten uns für den Anlass The Featherall Stars – während Gabi Blum die Aufgabe bewältigte, die Popstars an der Wand mit "Teer" und Federn zu bekleistern. Der ganzen Sache gab ich den Titel "The System of Doctor Tarr and Professor Feather", einer Erzählung von Edgar Allan Poe entlehnt. Auf die einzelnen Platten einzugehen macht nun wenig Sinn, ging es doch um dies: Abschied von den Idolen. Das Loslassen, die Zerstörung. Den Augenblick und das Live–Leben feiern. Ich glaube, dass mir die übrig gebliebenen nackten Platten seitdem wirklich gehören, auch wenn mir nur manche davon noch wichtig sind. "Lust For Life" von Iggy Pop, mit den Zeilen "everything was made for you and me. Cause it just belongs to you and me. All of it is yours and mine. So let's ride and ride and ride and ride." Daran habe ich mich immer noch nicht satt gehört. Die Musik so betongrau gefährlich, ungebremst, mutig, unzerstörbar. Definitiv in den Top Ten meiner Lieblingsplatten. Unzerstörbar!
Die Feier nach diesem kleinen Spektakel in der Glue Factory war sehr lustig, fröhlich und wüst, und am nächsten Morgen lasen wir in der Zeitung, dass in der Nacht auf Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen war, und der ganze Flugverkehr über Nordeuropa ausgesetzt wurde, was mir zwei außerplanmäßig vergnügliche Wochen in Glasgow bescherte.
Von Zeit zu Zeit ist es wichtig, Opfer zu bringen. 

(zuerst veröffentlicht in IN München / März 2019) 



Texte zu Musik: MONKEY BUSINESS

 Anstelle einer handelsüblichen Albuminfo ...

Amerikanische Flottenaktivitäten rund um die japanische Bucht im Westend München

Es dämmert, und das nicht zu knapp! Nebelhörner dröhnen von Schiffen in der Ferne, angelockt von einer Kurbelwelle nah am Ohr, die dämmert auf und simmert ab als stoisch fortlaufender Generalbassmotor, als Bluesriff ohne Akkordprogression, fern also vom schematischen Wesen des Blues ... Und doch, mit Einsetzen eines zauberformelhaften Singsang-Portamento, in luftverspiegelter Nähe zu einem tribalistischen, malischen Desertblues. Die Schiffshörner und die Kurbelwelle senden Codes – es ist immerfort derselbe Code: Zwielicht Zwielicht, es dämmert und taut, es wummert und raut! Hier wird mit inszenatorischen Mitteln eine Kulisse gebaut.

Schon wandeln sich die Nebel- zu Alpenhörnern, deren Walzer auf einer Stufe verharrt, da bricht mit geisterhaftem Glissando das erste Licht in der Brandung, und aus fernen Kreuzern und Sternenzerstörern werden Buddelschiffe, als Modelle eingemacht. Jeder Flaschenhals gibt die Verlängerung eines Tankerrohrs, jede Saite ein haarfeines Tau, das die Takelage hochzurrt, all das in Miniatur. Es folgt Propellerbrummen, Bedrohung aus der Luft, mit Zisch und Krach reissen die Stimmbänder im Sturz, noch beben sie nach, schon ebben sie ab, die pazifischen Detonationen.

Die Stadt Sasebo wurde im Jahr 1902 als Marinestützpunkt gegründet. Japans kaiserliche Kolonialbehauptung war zur Jahrhundertwende immens, und fortan bis zur Niederlage gegen die Amerikaner Mitte des 20. Jahrhunderts ungebremst; Im Juni 1945 wurde Sasebo durch einen amerikanischen Angriff zu 48% zerstört, um gleich darauf zu Diensten der amerikanischen Navy wieder flott gemacht zu werden. Heute ist Sasebo Partnerstadt von Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico und Heimat von Japans besten Hamburgern. Albuquerque mit ihren unaufgeklärten Mordserien und Sasebo mit ihren hochgeschossigen Burgern – bleierne, düstere Twilightzones.

Das dämmernde Zwielicht lässt sich ganz einfach als Effekt herbeiführen – indem man die Augen zusammenkneift. Gangster und Yakuza machen das gern, in Filmen, um ihre Gegner und auch ihre Zuschauer stets in der Dämmerung zu sehen. Und dabei selber cool auszusehen! Die Songs von Sasebo haben die schleichende Körperbewegung von so einem Gangster mit zusammengekniffenen Augen und tragen Titel wie Cobra, Gagac, Gogo und Coja, die allesamt wie Synonyme für das Wort Cool klingen. Carl Tokujiro Mirwald ist dieser böse Oberboss, der Große Räuber Tokujiro, der absolut zu Fürchten ist. Und gleichzeitig ist es natürlich urkomisch, wenn der Chef in dem Stück Unsari verkündet: »So ein Leben habe ich satt, von morgens bis abends nur gehorchen zu müssen.«

Von einer komischen Theatralik beseelt ist ganz generell das Gebaren von Tokujiros Gegenspieler Toshio Kusaba, etwa wenn der sich in dem Stück Gagac in Tokujiros Geliebte verwandelt, und dabei den Angehimmelten bittet, "sie" zu töten, falls dieser "ihre" Liebe nicht erwidert. Und in Nechan kommt es zwischen Beiden zu einem traditionellen Geisha-Spiel, wo der Verlierer von "Stein, Schere, Papier" oder "fli, fla, flu" sich ausziehen muss. Die draußen lauernde Bande klingt derweil so, wie die Mützenjungs in den Illustrationen von Walter Trier zu Emil und die Detektive aussehen, hinter Litfaßsäulen hervorspähend, nur dass sie keine Detektive, sondern selber Ganoven sind. Einmal von dem Boss mit seiner Trillerpfeife aus ihren Ecken zusammengepfiffen, ziehen alle in einem umwerfend lausbübischen Chor die Straße runter, mit dem alleinigen Ziel, der "schönen Schwester" den Hof zu machen.

Die denkt in Gogo, gesungen von Tinka Kuhlmann, darüber nach, wie sich der Vogel zum Singen bringen ließe. Gogo ist eines der höfischen Lieder aus der Feder von Gitarrist Yutaka Minegishi, die allesamt wie ein Gegengewicht zu den verwegenen Stücken von Gitarrist Ivica Vukelic wirken, die wiederum eher aus amerikanischen Traditionen entsprungen sind, aus schwarzen Underclass– Traditionen wohlgemerkt, den echten Volksmusiken eben. Alles auf dieser Platte hat zwei Gesichter. Und jedes dieser zwei Gesichter hat wiederum zwei Gesichter ... Auf den Namen Monkey Business war die Yacht getauft, die dem US-amerikanischen Demokrat Gary Hart zum Verhängnis wurde, als er diese zur Ausübung und Stillung seines außerehelichen Paarungsdrangs während seiner Präsidentschaftskandidatur im Jahre 1987 betrat. Und Monkey Business ist auch der Originaltitel der Slapstick-Klamotte Die Marx Brothers auf hoher See, in deren Verlauf die Brüder als blinde Passagiere an Bord eines Ozeandampfers zwischen die Fronten zweier rivalisierender Gangsterbosse geraten. Am Ende gelingt sie ihnen natürlich, die Einreise nach Amerika, dank ihrer gewitzten Tricksereien.

Die Gruppe Sasebo treibt schon seit etlichen Jahren ihr hinterlistiges Spiel mit kulturellen Klischees. Nach zwei Vinylveröffentlichungen im Mittelformat beim Label Echokammer bringt nun das Label Gutfeeling ihr erstes Großformat auf die Welt. Aufgenommen, abgemischt und überwacht wurde dieser spitzbübische Musikzirkus von Zoro Babel und Manu Rzytki. Kommen Sie nur rein, und hören Sie selbst, hören Sie!

SASEBO
MONKEY BUSINESS (Gutfeeling / VÖ 01.06.2020)