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2014-09-23

Die Raketenkönigin lädt nach – Niki de Saint Phalle und der Potlatsch von Offenbach am Main.


Keine 3000 Meter Luftlinie trennen in Paris den Grand Palais vom Strawinski-Brunnen am Centre Pompidou. Zu weit, um mit einer Gewehrsalve eine Schusslinie zu ziehen. Selbst mit einer MK 40 kommt man, vom Grand Palais aus geschossen, allenfalls bis zur Place de la Concorde, bis zum Obelisk. Mit Spezialaufsatz und einer maximalen Reichweite von 2500 Metern vielleicht noch bis zum Louvre, aber dann ist Schluss. Selbst wenn man noch weiter schiessen könnte, müsste man dort, im Louvre, erst etliche Bilder durchschiessen und bis dahin noch zig Hauswände durchbohrt haben, so wie Gordon Matta-Clark einst ein Haus in der Rue Beaubourg mit Blick auf das Centre Pompidou aufgeschnitten hatte. Dort, ins Centre Pompidou, müsste man schlussendlich als Kugel eindringen, um auf der anderen Seite herauspreschend schließlich in den Strawinski-Brunnen platschen zu können. Kurzum, es wäre zu schön, liesse sich von der großen Niki de Saint Phalle Ausstellung, zu besuchen bis zum zweiten Februar 2015 im Grand Palais, eine direkte Fluglinie zum seit 1983 von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle maschinisierten und nananisierten Brunnen spannen. Doch wo die Physik versagt, vermag die Kraft der Poesie zu walten, und auch wenn das Schiessen mit Blei im Sinne von Niki gewesen wäre, so wollen wir nun Raum und Zeit durchquerend lieber parallele Linien mit Worten skizzieren, um zu verbinden, was der Geist auf Umwegen vermag.

Denn wo mögen sie sein, die Geister der einst so Ruhelosen? Und heissen sie auch dort, wo sie nun schwanken mögen, immer noch so, wie zu Lebzeiten im Irdischen, als sie zum Beispiel hiessen „Jean Tinguely“ oder „Niki de Saint Phalle“? Nun, Geister sind so frei wie die Gedanken frei sind, und während für die Einen momentan die große Geisterstunde mit Niki und Jean im Grand Palais schlagen mag, der gebündelte Geist auf der, just zur Eröffnung, von Konrad Hirsch restaurierten DVD Edition von Peter Schamonis sinnlich langlebigem Niki de Saint Phalle Film dort im Museumsshop erhältlich, ziehen für Hank Schmidt in der Beek, seines Zeichens Art Director von Schamoni Musik, die Geister ihre Kreise in einer himmlischen Schenke, in welcher die Gestalt der Architektur des Centre Pompidou von der feucht fröhlichen Betriebsamkeit eines Frankfurter Apfelweinlokals durchspült wird. Konkret sieht das so aus, dass die bunten Metallrohre, wie wir sie aus dem Pompidou kennen, dort oben dazu dienen, Nachschub an Ebbelwoi, Handkäs, grüner Soße, Schäufelchefleisch, Rippche und Tataren zu garantieren und diese immerfort hinauf zu schiessen. Nachzuhören ist diese Phantasie in „Babylon Must Phalle“, einem Reggae der Formation „Lunsentrio“, der in Vinyl graviert zu finden bislang nur auf der Compilation LP „Rock'n'Roll People Vol. 2“ sein dürfte, oder in Druckschrift nachzulesen ist in „Die ewige Apfelweinschenke Pompidou“, erschienen in den Anthologien „Gedichte für Typen wie mich“ und „Gedichte für Girls wie dich“, die der Berliner Verlag Heckler und Koch herausgegeben hat. Dort heisst es:



Und es liegt vor den Rohren der himmlischen Schenke
Die Strawinski-Gass' und der Klapper-Platz:
Hier tauschen Verschiedene irdische Schwänke,
Hier halten Verschiedene munteren Schwatz,



und weiter:



Wo Gemütlichkeit ewig und meisterlich,
Wo niemals jemals der Ebbelwoi all':
Da nehmen für immer mich zwischen sich
Frau Rauscher und Niki de Saint Phalle.



Halt, Stopp! Wer zum Himmel ist Frau Rauscher? Nun, da fangen die parallelen Linien an, interessante Rohrfüllung und Geisteszährung zu erhalten. Lauschen wir den Rohren!
Gleich wird die Rede sein von fliegenden Marmeladen und klirrendem Geschirr. Es wird die Rede sein von Tischbeinen, die, einmal vom Tisch gerissen, gleich Baseballschlägern in den Händen von Hank oder von Gaius liegend, durch den engen Raum sausende Flugteller in der Luft zerscheppern. Es wird die Rede sein von der Offenbacher Küchenzerstörung in der Neujahrsnacht 2002, aufgeführt von jungen Leuten in einer Dachwohnung in Offenbach am Main. Unter den Protagonisten sehen wir neben Hank und dem eben genannten Sebastian „Gaius“ Kellig, die heute zwei Drittel der bereits erwähnten Pop-Formation „Lunsentrio“ bilden, und als selbige momentan auf das Erscheinen der von Schamoni Musik publizierten Single „Ein Typ wie ich – ein Girl wie du“ warten, neben weiteren Geistesverwandten den Hamburger Galerist Niklas Schechinger sowie den Autor dieser Zeilen. Wir sehen einen Wasserkocher die Glasscheibe des geschlossenen Küchenfensters durchbrechen, Glühbirnen zerspringen und Scherben, die am nächsten Morgen viel Arbeit bringen werden. Wir hören diese Gruppe Toben und Schreien, und eine Platte von Stunde X rotieren. „Grafengold“, der Zuckerrübensirup, und Aachener Pflümli kleben an der Wand, das Poster mit den verschiedenen Modellen von Lambretta–Rollern längst von selbiger gerissen und in Fetzen, und so wüten alle eine ganze Weile. Bald wird die Rede von Frau Rauscher sein, dann, wenn sie zu früher Stunde an der Türe läutet, und sie den noch schlaftrunkenen Niklas durch die Sprechanlage fragt:

„Herrgottnochmal, was war bei Ihnen los Heutnacht?“

„Ja, Frau Rauscher. Wir hatten ein paar alte Freunde da. Da ist uns ein Schrank umgefallen.“

„Ein Schrank umgefalle? Drei Stund lang ein Schrank umgefalle?“

„Mhm, ja, das hat etwas gedauert. Tut uns leid.“

Frau Rauscher, die Vermieterin dieser wie der späteren „Ja!Wohnung“, würde wie viele andere Menschen sich später an dieses Datum nurmehr als den Tag erinnern, da der Euro eingeführt wurde.

Aber was ist der Moment in der Geschichte, weswegen Frau Rauscher mit Niki de Saint Phalle in eine Songzeile rücken sollte? Nun, dazu ist es nicht unwichtig zu erfahren, wie der Abend seinen Lauf genommen hatte: Eben noch war man entspannt und eher lustlos bis gelangweilt auf Klapp- und Klapperstühlen in der Küche gehangen, da sehen wir Niklas Schechinger in Wallung geratend einen dieser Stühle ergreifen und in Stücke hauen, worauf ein anderer sofort aufspringt um die verbliebenen Einzelteile durchs Fenster auf die Straße zu werfen. Niklas Schechinger war Mieter und Gastgeber. Das ist ein wichtiges Detail für das, was folgte. Der Gastgeber ergriff also die Initiative und erteilte der Zerstörung seines Besitzes freien Lauf. Ein kollektiv erlebter Rausch am Opfern von privatem Besitz und Eigentum. Der Trennung vom eigenen Eigentum. Der im Moment der Zerstörung sich neu definierenden Gemeinschaft.

Die Offenbacher Küchenzerstörung war phänomenologisch betrachtet ein Potlatsch. Genau wie bei einem Potlatch, den Ritualtreffen nordamerikanischer Eskimo Indianer, ging es in diesem Augenblick darum, die Gruppendynamik von der negativen Energie träger Materie zu lösen und durch das akzelerative Bewegen starrer Objekte einen energetischen Mehrwert zu erlangen. Bei gleichzeitigem Loslassen der sich in Beschleunigung befindlichen Objekte sollte der Effekt der Zerstörung derselbigen nebenbei den Rausch potenzieren. Ein Potlatsch bedeutet auch: Größe durch die Zerstörung des eigenen Besitzes zu beweisen und mit der Entledigung desselbigen zu wachsen. Möglicherweise handelte es sich um die Vernichtung von als Luxus empfundenem Überfluss. Oder man war Zeuge eines erbrachten Opfers, dem Beweis immaterieller und innerer Stärke, der einem Synonym für Unzerstörbarkeit gleichkommt. Entscheidend ist, dass es sich um den eigenen und nicht um die Zerstörung von fremdem Besitz handelte. Bei solch einem Tanz, bei dem man seinen Besitz wegwirft, wie solcherlei Potlatschs auch genannt wurden, soll es bei ein paar Gelegenheiten auch zu Gewaltexzessen und übergriffigen Zerstörungen gekommen sein, etwa als ein Häuptling im Rausch befand, seine Größe erst in der Vernichtung eigenen Lebensraumes wie der Verwüstung von Häusern bis hin zur Tötung von Sklaven unter Beweis gestellt haben zu wollen.
Eine tatsächliche ökonomische Bedeutung hatten Zerstörungsrituale während der jährlich stattfindenden Potlatsch-Treffen für die Kwakiutl, Tlingit, Inuit und andere Stämme in pre monetären Zeiten. Mit der Einführung des Geldes und des abstrakten Wertes war man in der Lage, Überfluss und Macht durch Ausgaben für Luxus oder, in unseren Zeiten, für Kunst, zu signalisieren. Der Offenbacher Potlatsch datiert ja auch auf eine pre monetäre Zeit – auf die Nacht vor der Euro Einführung. 
 
Den Begriff des Potlatsch hatten Pariser Punks in den frühen 1950er Jahren von Georges Bataille aufgegriffen und als Strategie für die Gegenkultur wiederentdeckt. Lange vor Punk also, aber wie uns Roberto Ohrt schon erklärt hat, waren Leute wie Jean-Michel Mension von den Lettristen die damaligen Punks von Paris. Junge zerstörungswillige Jungs, die mit den alten Daddys nichts mehr zu tun haben wollten, gaben ein Magazin heraus, das sie „Potlatch“ tauften und welches insofern einem Opfer gleich kam, dass sie die Exemplare teils als Geste der Herausforderung an Repräsentanten der Macht adressierten, teils mit einer Geste der Verschwendung auf die Straße schleuderten, irgendwo auf die Straßen von Paris warfen. Obschon diese Leute nichts mit der Welt der Kunst, wie sie uns heute bekannt ist, gemein hatten, als einer hermetisch mit den Bedürfnissen des Marktgeschehens verknüpften elitären Luxustoilette also, so ist es kaum verwunderlich, dass der Potlatsch der Lettristen eigentlich nur in Künstlerkreisen bekannt ist und als Legende weiter erzählt wird. Denn es bleibt doch die Aufgabe der Kunst, den Potlatsch zumindest als Illusion in Aussicht zu stellen, wenn auch die Häuptlinge und Mächtigen in ihrer Allgemeinheit sich nur an dieser Illusion bedienen wollen, ohne deren Sinnlichkeit je zu ergreifen. Von der tieferen Bedeutung der Verschwendung haben die Kunstkäufer mit ihrem Investorblick eigentlich keine Ahnung. Rendite ist alles was sie wollen. Ein paar Galeristen halten dagegen. Wer bei Niklas Schechinger Fine Arts zu Hamburg St. Pauli kauft, kann zum Beispiel damit überrascht werden, bis in alle Ewigkeiten auf den Erhalt einer Rechnung warten zu müssen. Man sollte wissen, dass sich die Diplomarbeit, mit der sich der Galerist einst aus Offenbach verabschiedete, den Titel „Kunst der Zerstörung“ trug.

Niki de Saint Phalle zelebrierte und beherrschte den Potlatsch wie kaum ein Indianerhäuptling vor ihr. Sie war zweifellos ein Häuptling der Kunst, mit Lust am rauschhaften Zerstören der eigenen Werke. In einem Pariser Vorort geboren und aufgewachsen in New York, hatte sie genug amerikanischen Esprit geladen, um sich zur Frau der Tat zu erklären und den französischen Jungs und Daddys eins vor den Philosophenlatz zu knallen. Sie schoss sich einfach frei von allen Vorbildern und Vorahnen, ab Mitte der 1950er Jahre mit ihren Schiessbildern, Bilder, die sie im selben Akt erschuf wie sie sie exekutierte. Bilder schiessen, bumm bumm bumm, Material vernichten, Geld verbrennen und gleichzeitig Geld verdienen – so funktioniert nebenbei bemerkt auch Hollywood. Beschichtetes Celluloid belichten und verbrennen, je größer die Materialschlacht umso größer der Erfolg. Die Kunst erlaubt jegliche Transgression. Niki de Saint Phalle wählte die Kunst, da sie ihre amerikanischen Mechanismen mit ihrem französischen Blick so gut durchschaute und zu ihrer großen Freude die Maschinerie für sich zum Laufen brachte. Deswegen passten Jean Tinguelys dysfunktionale Maschinen so gut zu ihr. In die Wüste von Nevada gehen und den eigenen Atombombentest inszenieren. Maschinen aus Schrott bauen und mit Sprengkörpern in die Luft jagen. Ob Potlatsch oder Imitation von einem Potlatsch, egal. Niki de Saint Phalle hatte genug Sprengkraft für alle, sie ist die Raketenkönigin.

Im Jahr der Offenbacher Küchenzerstörung trat der Autor dieser Zeilen mit der Formation „Murena & Joe Masi“ und der „Raketenkönigin“ in Erscheinung – ein aggressives Electropunkstück, das die drei durch diverse Gallerien und eines Abends auch durch den Münchener Kunstverein peitschen liessen:


Die Raketenkönigin
Baut eine Muschimaschine
Die Raketenkönigin


Sie hat eine Maschine
die Maschine fängt das Feuer
Sie baut eine Maschine
und sie baut auch Ungeheuer


Die Raketenkönigin baut eine Muschimaschine
Baut eine Muschimaschine die Raketenkönigin?

Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle
Präsentieren das Gewehr
Jean baut eine Maschine
Die sich selber zerstört
Niki schiesst auf ihre Maschine
mit einer anderen Maschine


Ma-ma-ma Muschimaschine
Ma-ma-ma Muschimaschine


„Wer ist das Monster, Du oder ich?“ titelt da ganz treffend Peter Schamonis Niki Film aus dem Jahr 1995. Genau darum geht es. Bevor wir uns ewig fragen, ob zuerst die Henne oder das Ei auf der Welt waren, lohnt es sich vielleicht, den Gang durch die Vagina einer Nana zu riskieren und anzuerkennen, dass mindestens ebenso viele KünstlerInnen durch Nikis Geist hindurch gegangen sind, wie sie durch andere hindurchgegangen sein mag, und dass in dieser wechselseitigen Durchdringung sich das Perpetuum Mobile der Welt offenbahrt.

„In order to create – one must first destroy“. Wer das gesagt hat? Egal, egal. Es haben so viele soviel gesagt. Schauen wir uns Nikis fantastischen Garten an, den sie als Krönung ihrer Schöpfungen in der Toskana baute, so muss klar sein, dass ihre leidenschaftliche Lust an der Schöpfung in all ihrer Detailverliebtheit erst durch die zuvor jahrelang zelebrierte Zerstörung in all ihrer ausgelebten Ungebremstheit auf den Weg gebracht wurde. Ob ihr farbenprächtiger Tarotgarten nun an den Park Güell von Antoni Gaudí erinnert und Niki dort hindurchgegangen war, ist angesichts der Wirkung, die die Riesennanas auf die Besucher ausüben egal. 
Wenige Tage vor Niederschrift dieser Zeilen kam Peter „Upstart“ Wacha von dort, aus dem toskanischen Capalbio, mit funkelnden Augen zurück – der Münchener Musik Impressario, durch etliche Nanas dort hindurchgegangen, schwelgte in Saint Phallischen Momentaufnahmen und Eindrücken. Neuerdings arbeitet Upstarts Firma Disko B eng mit Schamoni Musik zusammen, der Klangwelt der Schamoni Film & Medien GmbH. 
 
1979 übrigens, zeitgleich wie Niki mit der Erschaffung des Tarotgarten begann, startete man in München mit den Dreharbeiten zur beliebten Kinderserie „Meister Eder und sein Pumuckl“ in einem leer stehenden Haus in der Widenmayerstr. 2. Dort stand also Eders Werkstatt, doch heute fehlt davon jede Spur. 1985 wurde das Haus abgerissen, um dem heute dort befindlichen Unternehmenssitz der „Versicherungskammer Bayern“ zu weichen. Soviel zur Relativität von „In order to create – one must first destroy“. 
 
Das fällt mir eigentlich nur deshalb ein, weil die Versicherungskammer dort im Haus über eine eigene Galerie verfügt, und ich mich erinnere, wie ich dort im Dezember 2005 beim Besuch der dort eingerichteten Niki de Saint Phalle Ausstellung zum ersten Mal auf Peter Schamoni stieß, der mich dort in einem Poster an der Wand hängend auf seinen „Wer ist das Monster, Du oder ich?“ Film aufmerksam machte. Der Grand Palais von Paris ist, für Nikis Geist zum Wandeln, mit seiner Stahl- und Glaskonstruktion nun zweifellos ein schönerer Ort als die Versicherungskammer Bayern. Aber vielleicht zieht sie es auch vor, dort oben im himmlischen Sarg der ewigen Apfelweinschenke Pompidou an der Seite von Peter Schamoni, Frau Rauscher und Jean Tinguely zu wandeln. Beides ist denkbar.

2013-01-27

Satori in L.A.




Satori in L.A.

Von den einundzwanzig Tagen in L.A. landete jeder erster Morgenblick von mir auf der Leinwand neben meinem Bett: Ein Münchner im Himmel. Den Titel hätte ich niemals erraten. Im Halbdunkel von Hanks Atelier glaubte ich in dem abstrakten Liniennetz immer eine Weltkarte sämtlicher Munitions- und Waffendepots samt Lieferantenrouten zu erkennen, so sehr glich das Bild einem Geheimplan, und hinter einem Geheimplan steckt immer die Logik des Militärs. Wir ziehen in den Wirrwar wäre mir als Bildunterschrift und Persiflage auf solch eine Kartographie ganz plausibel erschienen. Aber Hank sagte "Nee, kuck doch...", und führte mir die Verwandlung von Truppenbewegungen zu Wolken und von Brennpunkten zu Bierkrügen und rings durch den Raum seine anderen Bilder vor, frisch  aufgestaffelt noch das blaue
Poolposter nach David Hockney. Blau in blauem Löschwasser
stand es hier bereit, im Schindler House in West Hollywood,
als löschendes Element für LA is on Fire; eine Gruppen-ausstellung, die in wenigen Tagen in der David Lawrence
Gallery, drüben in Beverly Hills, auf die Feuerwalze vom 
letzten Spätsommer anspielen sollte. Als die hungrigen Flammen von den Hügeln bis nach Santa Monica runtergezüngelt waren. Aloisius Hingerl, der Engel aus Ein Münchner im Himmel, er hätte das Feuer sicher mit Bier gelöscht.

Kraulte ich vormittags den Kopf im Nacken in den ozeanischen Himmel getauchte Palmen und Orchideen im Blick durch die Vorgartenlagune der Cochran Avenue runter bis zum Pico Boulevard, krochen mir nach wenigen Schritten beissende Brandbilder in die Nase. Von einem inneren Warnsystem kuratierte Bilder, einem Meister des Realismus, der die prächtigsten Villen binnen Sekundenbruchteilen entwerfen, bauen und abrauchen lassen kann. Kopfkino, immer der Lunte nach. Dann war es nur der Ruß, der noch roch, als das italienisch angehauchte Schlösschen vor mir auftauchte. Am Tag vor meiner Ankunft soll es ein einzelgängerisches Feuer in einen sorrentinischen Holzofen verwandelt haben. Jetzt sah es aus wie ein verbranntes Capriccio, und machte nicht den Eindruck auf mich, jemals richtig real existiert zu haben. "Warmer Abriss", raunte Brandherdexperte Roberto Ohrt. Der Phantomforscher kennt sich aus mit Rauchzeichen – in seinem Badezimmer umspannt ein mit Worten ausgestanzter Lampenschirm eine Glühbirne, die, einmal angeknipst, als Laterna Magica ringsherum die Wortlichter in girum imus nocte et consumimur igni kreisen lässt. Das Anagram von Heraklit. Guy Debord hatte es einst wiederbelebt. Vorwärts wie rückwärts dreht es sich nun in Robertos Bad, Heraklits und Debords "Nachts gehen wir im Kreis und werden vom Feuer verspeist". Bei unserer ersten Begegnung in St. Pauli, unweit von dem lateinisch lichten Wortbad, wollte ich von ihm wissen, was eigentlich aus der situationistischen Internationale geworden sei. "Die ist gerade unterwegs", antwortete Roberto.
Und jetzt saß er da, in Hanks weißem Haus in West Hollywood, ganz Albert Finney in seiner Verkörperung des Konsuls in John Hustons Unter dem Vulkan–Verfilmung, mit dem Unterschied dass Robertos Sonnenbrille weiß gerändert ist. Saß da und teilte mir bei einer Partie Herz ist Trumpf einen Rat aus: "Du darfst nicht vergessen Abzuheben." Und genau das schätze ich mal ist mit dem LAND passiert, das einst hinter den Lettern von HOLLYWOOD stand. Vier Buchstaben, die nun fehlen wie die Filmrollen von Four Devils, Murnaus verschollenem Trapezfilm – abgehoben und in die Lüfte entschwunden.

Und ich denke an den Landeanflug zur Stadt der Engel, und an den Himmel über Berlin, in dem ja auch zwei Engel hocken, Bruno Ganz und Otto Sander. Der Wunsch, am Leben der Sterblichen teilzuhaben, wird bei Damiel alias Bruno Ganz so groß, dass er dafür bereit ist, auf seine Unsterblichkeit zu verzichten. Er lässt sich in die Welt hineinwerfen und verliebt sich in die Trapezkünstlerin Marion alias Solveig Dommartin, die sich nichts mehr wünscht, als sich von der Erdschwere lösen zu können. 
Neben mir, auf dem Flug von München nach Los Angeles, sitzt vielleicht kein Engel, aber eine Exil-Berlinerin. Ich mag diese Frau, die mir ihre ganze Geschichte erzählt. Die davon handelt, wie sie es geschafft hat, sich von der Berliner Erdschwere zu lösen. Von ihrer Flucht über die Ost-West-Grenze, im Kofferraum eines Diplomatenautos. 1977 war das, zehn Jahre bevor Wim Wenders nach Berlin kam, um den Himmel zu filmen. Mit ihrem ersten Mann, einem Physiker, zog sie zunächst nach Boston, und nun lebt sie getrennt und glücklich in Naples, Floridas Neapel. 
In diesem Moment öffne ich wieder meine Fluglektüre, starre sprachlos auf den Satz, auf den mein Blick im Buch von Enrique Vila-Matas fällt, falle wie aus allen Wolken. Der flüchtige Doktor Pasavento hat beschlossen zu verschwinden und verrät an dieser Stelle endlich dem Leser, also mir, wo er sich momentan aufhält: In Neapel.

Nicht ganz vierzehn Jahre zurückgeblättert. Im Sommer 1994 kaufte ich mir unterwegs nach Neapel an einer Tankstelle ein Tape, ein Album von David Bowie. Das 1977 mit Tony Visconti in Berlin – Hansa by the Wall steht als Studioname im Booklet – aufgenommene Heroes. Natürlich werden wir bei Heroes immer an die fünfzehnjährige Christiane F. denken. Wir, denen uns als Fünfzehnjährige der Bahnhof Zoo von Uli Edel in der Schule gezeigt wurde. Denken an die Szene, da Christiane und Detlef vor den Bullen aufs Dach vom Europa-Center flüchten und von dort oben unter dem blauweiß leuchtenden, und bis in alle Ewigkeit rotierenden Mercedes-Stern über die Brüstung wie zwei Engel ohne Flügel auf Berlin blicken, während Bowie, Eno und Fripp mit dem flirrenden Brandungsrauschen von Heroes unten im Parterre die Zeit in Schach halten. Nur wenige Monate vor meiner Reise nach L.A. war der Mercedes-Stern mit seinen zehn Metern Durchmesser und den 680 Leuchtstoffröhren erstmalig zum Stillstand gekommen. Man hatte die Motorik unter Hubschraubereinsatz im April 2007 reparieren lassen. Und ich denke an dieser Stelle an ein anderes Buch von Vila-Matas, das irgendwo im Kofferraum der Zeit zwischen 1977 und 2007 seinen Platz findet – Dada aus dem Koffer, ein dünnes Buch, in welchem ein Unterseeboot namens Bahnhof Zoo auftaucht. Vila-Matas schreibt, er wisse nicht, weshalb er es so nannte, aber nun ergibt sein Einfall Sinn.

Damals, 1994 unterwegs nach Neapel, war ich eigentlich gerade in einer Phase, da ich Platten von Black Flag aus L.A. zu hören und straight edge sein zu verstehen versuchte. Meinen eigenen Verbrennungsmotor pflegte ich allenfalls hochtourig und sportiv anzufeuern, und so kam es, dass ich nun gerade auf der Höhe jener Tankstelle, die Bowie im Kassetten–Drehständer führte, mit einer Überdosis Guarana zu kämpfen hatte. Herzrasen. Puls im Kopf. Panik. Heroes im Walkman beruhigte daraufhin die Nerven wie eine Boje inmitten turbulenten Fahrwassers, eine rettende Leitplanke für die Ohren. 
Bowie soll sich damals die Klangvorstellungen von Conny Plank gewünscht haben, und so soll der Titel auch als Referenz an das Stück Hero von Neu! verstanden werden dürfen. Plank habe aber abgewunken, für ein Popalbum wäre ihm seine Zeit zu schade. Und dann, dank Brian Eno, klangen Low, Heroes und Lodger doch noch nach Plank. Egal ob sich Bowie mal flennend fallen lässt, mal ausgenüchterte Traumbilder evoziert, ich höre das Album heute noch mit den Bildern von Amalfi im Kopf, mit neapolitanischen Treppen rauf und runter, mit Lust auf eine Pizza in Sorrent. Bowies Neuköln hat nur ein "L". Ein Neuköln, das streng genommen geographisch gar nicht verortbar ist, und so höre ich es und bin wieder im Gestrüpp von Capri, laufe den Berg von Capri rauf und runter, erinnere mich an eine Anekdote aus dem Doktor Pasavento, in der Vila-Matas schildert, wie er mit einer Gruppe spanischer Schriftsteller einen Nachmittag auf Capri verbringt, Bernardo Atxaga auf mysteriöse Weise mitten auf der kleinen Insel verschwindet, und erst, als alle nervös geworden sind, wieder auftaucht und erklärt, er habe sich nur unter eine Hochzeitsgesellschaft in der Villa Tiberius gemischt, und Pedro Zarraluki auf der Rückfahrt nach Neapel sauer ist, weil er lieber eine Exkursion nach Pompeji unternommen hätte, und V-2 Schneider höre ich und blicke in den Krater vom Vesuv. 
Zur selben Zeit, 1994, während einer Recherche über die Reise von Malcolm Lowry nach Pompeji, traf Roberto Ohrt die Vulkanologin Charlet Kugel in Neapel, aber damals hatte das noch nichts mit meiner Geschichte zu tun.

Kugels Bild von einem zerstörten Los Angeles hing nun im Januar 2008 gleich links neben Hanks Hockney in der David Lawrence Gallery. Gegenüber die schwarzen Messerschnitte, die Roberto aus Hamburg mitgebracht hatte, und die wir alle gemeinsam ein paar Tage vor der Eröffnung mit dem von Raymond Pettibon geborgten Projektor als Murals hingepinselt hatten. Hinter der Wand wiederum, an der Hank und Kugel hingen, fand sich das kleine Archivzimmer mit den zwei Kippenberg-Skulpturen – zig gerauchte Zigarettenstummel zu supersize-ashtrays geleimt, ein Abgeseng auf smoking times.
Daran musste ich denken, als ich an meinem letzten L.A.–Abend im Capri für einen Moment allein am Tisch zurückblieb, da die Anderen zum Rauchen rausgegangen waren. Daran, und wie ich in jenem kleinen Archiv das Buch Helter Skelter aus dem Regal gezogen hatte, und mir daraus ein böser Fluch von Charles Manson entgegengesprungen kam: "My thoughts will bring fire to your cities". Huch, schnell wieder zugeklappt und nicht dran denken! Daran dachte ich, und was Veronique Bourgoins Video Now I Wanna Be Your Horse wohl bedeutet haben mochte, das ebenfalls durch jenes kleine Archiv galoppiert war, und fragte mich, ob ich noch weiter auf mein Satori warten sollte, oder ob ich es schon gefunden hatte, nur noch erkennen musste.
Daran also, und wie stimmig vom ersten Moment an alles gewesen war, als ich am Morgen meiner Abreise in Richtung Franz-Josef-Strauss Flughafen in den Bus gestiegen war, und der Bus in meiner Straße schon die Richtung gewiesen hatte: US-Ostbahnhof. "Na klar", hatte ich gedacht, "von den USA aus betrachtet ist jeder europäische Bahnhof ein Ostbahnhof, ein US-Ostbahnhof". 

Das Capri ist ein von Martin Kippenberger gegründetes Lokal in Venice, dem Venedig von Los Angeles. Es ist Teil einer sehr gesättigten aber niemals befriedigten Welt, dachte ich, als ich Raymond Pettibon und seine Sorgenfalten wieder neben mir Platz nehmen sah. Das ist der Mann mit dem chronischsten Stirnrunzeln der Welt, dachte ich, und auch an die Cover von Black Flag, die er gemalt hatte. Deren Abschiedsalbum In My Head mich immer noch wegen der Raumaufteilung im Mix beeindruckt, wegen der Stimmen im Hintergrund und dem Hall, dem nach hinten gedrehten Henry Rollins. Wahrscheinlich hat ihn Raymonds Bruder so leise gedreht, denn im Vordergrund stehen Variationen vom immer gleichen Gitarren-Pattern von Greg Ginn, und Raymond Pettibons bürgerlicher Name ist Raymond Ginn. 
Ihm gegenüber, am Tischkopf, Roberto mit sonnenverbranntem Gesicht. Den Sonnenbrand hatte er vom Skifahren irgendwo in den Bergen, dem Mount San Antonio oder dem Mount Baldy, Raymonds Projektor hatte er im Kofferraum. Apropos Projektor – eine der interessantesten Veröffentlichungen des Jahres 2007 war Rise Above von den Dirty Projectors. Erst beim vierten Hörversuch dieser überdreht beboppten Musik fiel mir auf, was sich David Longstreth da zusammengereimt hatte, was den ganzen Clou bei der Sache ausmachte: Alle zehn Songs stammen aus der Feder von Greg Ginn, aus dem Black Flag Album Damaged. Mit einem völlig konträren Ansatz, der die Texte umso verstörender kommen lässt. Trällernde Stimmen mäandern durch die Depression, die Police Story mit Streichquartett und Querflöte arrangiert, die Originale ganz subversiv in ein farbenfrohes Licht gehängt.

Viele Türen hatten dieser Tage aufgehen müssen. Roberto hatte noch mit einem nicht anwesenden Andy Hope die Phantom Gallery am Sunset Boulevard eröffnet, und Daniel Richter war gelandet und hatte in Begleitung von Ted Gaier und Melissa Logan Rock und Polizei in den Regen Projects am Santa Monica Boulevard eingeweiht. Wir tranken auf die schwere Tür der David Lawrence Gallery, die wir gemeinsam fluchend die drei Stockwerke runter bis zu Lucys Bus geschleift hatten, damit Lucy Dodd zuhause ihr Rauchbild an die Tür qualmen konnte. Ein offenes Feuer in der Galerie hatte David verboten.
Lucy Dodd und ihr Rauchbild waren schon vormittags in der Erinnerung an das Konzert von White Williams im Echo wiedergekommen, unterwegs mit Hank in die Wüste, nach Joshua Tree. Hank legte die CD von White Williams ein, das Album heisst Smoke, es zündete sofort. Da kam natürlich das Rauchbild wieder, und Lucy, wie sie sich auf dem Konzert im Echo in eine Säule verliebt zu haben schien.

Joe "White" Williams erinnerte mich ein bisschen an den jungen Marc Almond, und zählte mir nach dem Auftritt seine Vorbilder auf: Cluster, Faust, Popol Vuh, Neu! – Krauts eben, während der Gitarrist mich an Robert Fripp erinnerte. Smoke sprach zu uns wie das Werk eines jungen Phoenix aus der Asche der Götter des Glampop, des New Wave und des DjuDju und aller Jugendträume dieser Welt, deren Zukunft irgendwann von einem Feuer verschlungen worden war. Auf der Höhe von Palm Springs hörten wir die Worte von Route to Palm, dem letzten Song des Albums: Once we found ice inside the flame, as inside I’m behind the flame, und We know we know we know we know the shadow. Ein Wind fegt die Wüste.

Zuerst veröffentlicht in IN München 07/2008 / revisited und überarbeitet 01 /2013.











2012-12-30

Meine Platte: Goodnight Vienna


Goodnight Vienna –
"Beaucoups Of Blues", "Self Portrait" und Der Nino aus Wien



Hank sagt, der Reggae kommt wieder. Seitdem er das behauptet, entspannt sich seine Version einer Skulptur von Jimmie Durham als Readymade in seinem Kreuzberger Atelier – ein aus Holzleisten geleimter Reggaemate. Ein Lieger, also ein Typ, der die Haltung von einem Liegestuhl einnimmt, und als Skulptur auch so aussieht wie ein Liegestuhl. Aber sicher nicht dazu taugt, sich richtig reinzulegen. Einer, der einfach so daliegt. Und in Hamburg habe jüngst ein Maler mit strenger Anweisung an den Galeristen in punkto Raumbeschallung ausgestellt – über die Dauer der Ausstellung dürfe nur Reggae laufen. Als dann im Nachttaxi neulich tatsächlich der Reggae lief, und ganz wunderbar zu dem winterlichen Schneegestöber draussen kontrastierte, erinnerten wir uns wie das war, als wir immer auf Reggae waren. Den ganzen Tag breit. Man musste sich geistig ausruhen, nach der ganzen Schulzeit. Irgendwann hatten wir auch das Ausruhen satt gehabt, und fragten uns „wo ist nur dein Leben“. Und der Reggae musste gehen. Kann sein, dass er jetzt wiederkommt, vielleicht aber gar nicht so sehr in der Musik, eher in der Kunst.
Das Folkloristische kehrt in die Rituale des Alltags zurück, und richtet sich neu ein. So, und in der Musik ist nun das Lied mit Text wieder da, der lyrische Song. Da kommt ein Junge mit Gitarre angeschlurft, exakt so alt wie wir waren, als wir den Reggae hörten, und auch er kommt aus einem Rausch heraus und fragt „wo ist nur dein Leben“, zumindest auf seinem Debüt-Album fragt er das, Der Nino aus Wien.
„Mit 15 oder 16 war ich in einer Gang, wir schnüffelten den ganzen Tag Klebstoff und in der Nacht klauten wir Fahrräder“ sagt der Nino. Aus den Tagträumen und Verbrechernächten krochen irgendwann Songs: „Jeden Abend sitze ich hier und höre die Lieder, meine größten Helden, viele sind tot, doch einige nicht. Ich weiß jedes Wort genau und doch hör ich sie wieder, und die Zeit vergeht so schnell bis der Morgen anbricht“.
Der Klebstoff leimt die Reime und kittet die Zeiten: Wir hören uns im Jahr 1970 wieder, plusminus 4-5 Jahre, die Helden sind die Beatles und Bob Dylan, Syd Barrett und Wolfgang Ambros, Lou Reed und die Kinks, und anscheinend immer wieder Bob Dylan. Der war genauso alt, als er zum ersten Mal auf dem Newport Folkfestival auftrat und weltberühmt wurde. Als junger Mann, der mit den alten Geistern in Kontakt stand, den Geistern der Volkssänger, der Barden und der Hofnarren. Den Stimmen der Landarbeiter. Die unter freiem Himmel ihr Lied singen. Und man wusste, dass er es ernst meinte, dieser minnesotische Minnesänger, dass dieser junge Mann noch viele Songs schreiben, und viele Platten aufnehmen würde.

Seit einem Jahr ist Nino Mandl jetzt "in Wien weltbekannt" als Der Nino aus Wien, wo er wöchentlich auftritt, wo er binnen einem Jahr zwei Alben veröffentlicht hat. „The Ocelot Show“ und „Down In Albern“, augenzwinkernde Referenz an ein Babyshambles-Album und Ortsangabe, wurde das Album doch im Wiener Ortsteil Albern aufgenommen, dem alten Donau-Hafen. Poetische Lieder, die mit einer ganz stimmigen Begleitmusik voll subtiler Farbtöne und unter Mitwirkung von Wiener Szenemusikern wie Sir Tralala schön gespielt und produziert wurden. Seit Tagen höre ich nun den Nino zum Einschlafen. Das funktioniert einfach sagenhaft. Und ist ja auch kein Wunder – wo doch die Musik aus Traumbrüchen kommt.
Ich schlafe dann immer sehr gut und sehr geistreich. Meist begleitet von barocken Fantasien, in denen zum Beispiel an langen Tafeln über Windmühlen, die sich in Riesen verwandeln, gelacht wird, in irgendeiner zwielichtigen Taverne in Cádiz oder Sevilla, Kastilien oder Asturias, jedenfalls irgendwo in Iberien zu der Zeit, da die spanische und die österreichische Krone sich den Hof machten, teilten oder ausduellierten. Das rührt nicht zuletzt von dieser Namensverwandtschaft her, die uns verbindet (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes nannte sich der Autor dieser Zeilen "Die Feder aus München", Anmerkung zur Veröffentlichung im Outland). Eine, die für mich viel mit der üblichen Namensgebung der Flamencomusiker zu tun hat. Die wiederum eine höfische Tradition imitiert, wonach jeder Aristokrat seine eigene Abstammungslehre im Namen mit sich trägt. In der barocken Populärkultur ist es auch für Zigeuner und Personen niederen Standes selbstverständlich, sich durch ein „von“ im Namen adeln zu lassen, und so heissen die Flamencosänger etwa El Camarón de la Isla, La Perla de Cádiz oder El Niño de Jerez.
Nun also Der Nino aus Wien, Dichter der taumelnden Gestalt, der sich mit rätselhaften Sätzen im Halbdunkel fortbewegt. Sicher nicht mit der dämonischen Ergriffenheit eines Flamencosängers, aber doch im Besitz des Wissens um das Feuer, das uns beim Ablaufen unserer nächtlichen Kreise verspeist. Und dieses Wissen auf eine originäre und authentische Weise verkörpert. Auf die Frage, was man von seinen Alben erwarten dürfe, antwortet er ganz lapidar „Energie und Schuhe“. Gute Songs seien wie gute Schuhe, gut ausgetreten. 
In seinen Videoclips sieht man ihn gerne am Boden herumliegen und immer wieder hinfallen, in einer Bar oder mitten auf der Straße. Die Mode läuft immer Gefahr, aus der Mode zu kommen. Was mit der Zeit liegen bleibt, hat Charakter.
In der allmusic guide lesen wir: „There was a mini-genre of singer/songwriters in the late 60‘s and early 70‘s that has never gotten a name. They were folky but not exactly folk-rock and certainly not laid-back; sometimes pissed off but not full of rage; alienated but not incoherent; psychedelic tinged but not that weird; not averse to using orchestration in some cases but not that elaborately produced.“ Wie maßgeschneidert für den Nino aus Wien scheint mir diese Nicht-Schublade zu sein, die der Autor  des allmusic guide eigentlich für die Platten von Liedermachern zimmerte, die Jeff Monn, Paul Martin, John Braheny, Billy Joe Becoat, Dino Valenti, Sixto Rodriguez oder Skip Spence heissen. Mit manchen kommt man gut in den Tag, mit anderen besser in den Abend. Die Platten von Rodriguez und Skip Spence sind sicher so gut, dass sie eine würdigende Besprechung verdient haben. Anderswann.
Lieber möchte ich diese Meine Platte mit der Lieblingsplatte vom Nino beenden, „Self Portrait“ von Bob Dylan. Ein Doppelalbum voller Schwunglosigkeit, die ins Leere zielt. Dylan musste sich selber von dieser verrissenen und wegkritisierten Platte immer wieder distanzieren, bis er sie schließlich als Jux bezeichnete. "Self Portrait" erschien 1970 als Sammlung von Coverversionen und kitschigen Croonern. Sogar eine Instrumentalnummer findet sich darauf. Also vielleicht das Gegenteil von einem Selbstportrait, eher die totale Verweigerung dessen. Aber wer kann das schon so genau sagen. Möglicherweise fühlte sich Zimmermann damals nirgends so zu Hause, wie bei diesen Songs. Oder es war die Richtung, von der er sich erhoffte, nach Hause kommen zu können. Mit einer inszenierten Leugnung der von außen projezierten Erwartungen. Weswegen ich "Self Portrait" für aufrichtiger halte, als die meisten angeblich ernst gemeinten Dylans vorgeben zu sein. 
Meine Ausgabe teilt sich mit Ringo Starr’s "Beaucoups Of Blues" ein Cassettenband. Ein sehr nettes Album. Man freut sich beim Hören immer, wie gut die Beiden zusammengehen. "All the tired horses in the sun. How'm I supposed to get any ridin' done?" Nach Nashville gehen, und mit Countrycracks ein schmalziges Album lang Cowboy spielen. 1970 war das, da war Ringo für einen Moment lang größer als Bob Dylan. Da realisierte er seinen Traum. Nicht – wie hier inhaltlich passender gekommen wäre – auf "Goodnight Vienna".
Ich denke, "Self Portrait" ist Dylan's Austropop-Album; ein ironisch launisches, virtuos verspieltes, ur entspanntes und mitunter maßlos arges Album. Es lullt einen ein, wie ein minnesotischer Walzer von einem Hobo, der es geschafft hat. Schuhwerk bis ans Ende seiner Tage hat.
Hank sagt, es gäbe kein beschisseneres Coverartwork als das von "Self Portrait", es sei die langweiligste Idee der Popgeschichte. Nino sagt am Ende einer seiner stärksten Songs: „Es geht immer ums vollenden und den Superbowl“. 

(geschrieben Anfang März 2010, München. Drübergeschaut im Dezember 2012, München)

"La Malinche", Jimmie Durham

2012-12-27

Meine Platte: Der Lunsen-Ring

Herrscherzeiten – der Tanz um den „Lunsen-Ring“


Die Kamele sind nun im Corte Inglés von Badajoz geparkt, meldet das kaufmännische Portal Bedin. Vom sechsundzwanzigsten Dezember bis fünften Januar gebe es dort, im größten Kaufhaus jener spanischen Provinzstadt, die Möglichkeit, jene Tiere zu bestaunen, die am sechsten Januar die Heiligen drei Könige durch Madrid tragen sollen.
Die Parade der Reyes Magos, der "Zauberkönige", wie sie in Spanien weniger amtlich tituliert werden, ist dort der festliche Höhepunkt der Weihnachtszeit. 

Es ist weniger die göttliche Geburt, denn deren Anerkennung durch die weltlichen Kräfte, die den Spaniern Anlass zur Freude gibt. Sogar die allgemeine große Bescherung erfolgt dort erst an dem Datum, da dem Säugling die weit hergebrachten Geschenke in die Krippe gelegt worden sein sollen. Eine Identität stiftende Parallelhandlung, die Kindern die Möglichkeit eröffnet, von kleinauf ein kumpelhaft kollegiales Verhältnis zu Jesus zu pflegen. Du kriegst Geschenke? Ich auch! Jedenfalls wird in Madrid der hohe Besuch der Magier aus dem Osten, der persischen Sterndeuter, der zoroastrischen Priester oder eben Königsleute von Gottes Gnaden sehr ernst genommen und jubelnd Willkommen geheissen. 

Wochenlang werden alljährlich vorher die bunten Stoffe für die Entourage der Könige genäht, Mond und Sterne geklebt, Kostüme geschneidert. Das Morgenland grüßt mit einer Farbenpracht, die im schwarzweißen Outland niemals gesehen ward, eher in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Oder auf dem Cover von "Their Satanic Majesties Request". Denn nicht viel anders sieht er aus, der weihnachtliche Hofstaat von Madrid. Sieht man die Zauberkönige Kaspar, Melchior und Balthasar den Paseo de la Castellana hinabreiten, so sieht man die satanischen Majestäten Keith, Mick, Brian, Charlie und Bill vor ihrer kunterbunten Kirche kauern, und umgekehrt. Natürlich ist auf dem Cover auch ein Kamel abgebildet. Und John, Paul, George und Ringo, als Blumen. Ein satirischer Reigen, East meets West als satanische Ökumene, ein abendländischer Scherz. Die Rolling Stones klingen auf dieser für nie ganz voll genommenen, arabesken Platte, als wollten sie nicht irgendeinen Kindergeburtstag, sondern den Highland persönlich feiern. Ich denke, es ist nicht ganz richtig, das Album nur als ironische Replik auf "Sgt. Pepper" zu interpretieren. Am 8ten Dezember 1967 erschienen, kam es exakt am selben Tag wie "Magical Mystery Tour" auf die Welt, und auch ästhetisch laufen diese beiden Scheiben viel eher parallel als "Majesties" und "Sgt. Pepper". In gelben Bussen oder per autostop zogen die jungen Gammler und Hippies damals gen Osten. Nach Istanbul, Beirut, Iran, Indien und Afghanistan.

Anno 2011 kam nun ganz nebenbei ein Werk auf die Welt, welches den Hörer aus der Zeit fallen, und an die Rockopern jener Tage denken lässt. Der "Lunsen-Ring" zieht fast gänzlich unbemerkt seine schlafwandelnden Kreise auf dem endlosen Rillenmeer der unerhörten Schallwellen. Als wäre er ein fliegender Holländer aus dem Jahre 1967.
Der Kreuzberger Künstler und Dichter Hank Schmidt in der Beek lässt darauf dem Schlaf eine noch größere Bedeutung beikommen, als es annodazumal die Surrealisten taten. Der Schlaf ist hier Leitmotiv und Menschheitsrecht – vor dem Schlaf sind alle Menschen gleich. Tatsächlich haben wir es hier mit einem Plädoyer für die Völkerverständigung zu tun: "Pantalon sagt der Franzose, ich selber sage Hose. Und was ich den Tragkorb nenn', bezeichnet er als benne. Doch was tatsächlich uns vernabelt, mich und den Franzosen, ist nicht der Zauber der Vokabeln, noch sind es uns're Hosen. Warum der Vers uns zwei vereint, zu raten keine Kunst: Uns beide drückt es tief hinein, tief in uns're Luns."

Um der Einfachheit halber bei kulturellen Klischees zu bleiben, könnten wir uns nun auch ausmalen, wie die Darsteller der Reyes Magos vor ihrem abendlichen Ritt durch Madrid genüsslich auf dem Sofa dösend die landesübliche Siesta, das Nachmittagsschläfchen, pflegen. Oder wir hören noch einmal in "Their Satanic Majesties Request" hinein, in den Song "In Another Land"; und hören dort Bill Wyman unverschämt laut schnarchen. Das kommt davon, wenn man zur ausgemachten Uhrzeit ins Studio geht – keine Sau da, also erstmal ein Nickerchen. Und prompt wurden Bill's Träumchen mitgeschnitten... 

Nun denn, die Musik vom "Lunsen-Ring" zu beschreiben wäre gewiss schnell ermüdend. Ich will dafür in einem Dreischritt probieren, die Bahnen der drei Verursacher Hank Schmidt in der Beek, Nick McCarthy und Sebastian Kellig einzukreisen.
Die Vokabel „Luns“ findet sich übrigens im Manischen, einem im Hessischen beheimateten Soziolekt. Und bedeutet Bett, oder einfach Schlafplatz. Soweit wären wir also.
Beginnen wir nun unseren Rundlauf. Zum Beispiel mit dem "Watusi":
Irgendwann im Jahr 2008 schickt Hank einen offenen Brief an die Obamas, in welchem er ihnen einen guten Kunstgeschmack attestiert, und ihnen zu ihrer Entscheidung gratuliert, die Cowboy- und Kakteenbilder der Bushs aus dem Weißen Haus verbannt zu haben, um statt ihrer eine wohldosierte Auswahl von Meistern der abstrakten Moderne nebst Popkünstlern aufzuhängen. Kernstück der Sammlung sei der Watusi. Das Werk der afroamerikanischen Malerin Alma Thomas datiert auf das Jahr 1963 und zitiert einen Matisse von 1953 namens "Snail". 

Watusi bedeutet dreierlei: Ein in Afrika beheimatetes Tier – ein Stier mit ganz dicken Hörnern, verwandt mit dem Auerochsen, aber viel imposanter, was die Hörner anbetrifft. Ferner wird die Bezeichnung "Watusi" zuweilen den Mitgliedern der Volksgruppe der Tutsi untergeschoben. Und nicht zuletzt steht Watusi für einen Modetanz aus der Ära, als die amerikanischen Teenager den Tanzschritten von "American Bandstand" aus Philadelphia und der "Buddy Deane Show" aus Baltimore folgten: "The Wah-Watusi" war zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes ein populärer Tanzbodenschwinger. Im Song selber werden andere Tänze jener Zeit zitiert, etwa der "Fly" oder der "Pony", von denen die Lyrics aber behaupten, dass sie nicht so toll seien wie eben der Watusi. Von den vielen Tänzen hatte ein Jeder seine eigene Grammatik, und in vielen Fällen sollten die Tanzschritte als bildhafte Korrelate zu archetypischen Bewegungsmustern bestimmter Vertreter aus dem Reich der Tiere verstanden werden. Wer "Hairspray" von John Waters gesehen hat, weiß Bescheid.

"Watusi". Alma Thomas, 1963
"Children Dance Children Dance".
William H. Johnson, ca 1944
Hängt auch bei den Obamas.


Eine Kopie des Obama-Briefes ereichte mich jedenfalls just in dem Moment, da ich gerade beschlossen hatte, den Song "Land of 1000 Dances" als Ausgangspunkt für eine kleine Textarbeit über den Jemen zu verwenden. Der Watusi spielt in "Land of 1000 Dances" eine nicht unwesentliche Rolle.
 
Ein Jahr zuvor war ich mit Sebastian Kellig, Sebastian Meyhöfer und Daniel Murena unter dem Namen Kamerakino in musikalischer Mission im Jemen gewesen. Seb Kellig, in London lebender Musiker, Therapeut und Produzent der Seifenoper "Videodrama" – er wird die folgende Szene aus unserer Zeit in Sanaa bezeugen können:
Am Abend der dritten Nacht haben wir eine Audienz beim Minister. Beim Minister für Sport und Tourismus sitzen wir mit verschränkten Beinen in seiner Polstergallerie und sehen einen Tanzfilm. Der Minister gibt uns eine Unterrichtsstunde in jemenitischer Kultur, zeigt uns, wie man das Qat kaut und wie der Bara getanzt wird. Der Jemen verfügt über genau einen Traditionstanz, den Bara, und dieser hat etwas außerirdisch Roboterhaftes. Mich erinnern die gleichförmigen Schritte an einen gothic Wavetanz oder an Fliegen, die minutenlang in der Luft eine Bahn nachziehen. Man liegt in einem Hotelzimmer im August auf der faulen Haut und beobachtet diese zwanghaften Fliegen. Als würden sie einem Bann unterliegen, drehen sie ihre Achter oder Unendlichkeitszeichen durch die Raummitte.
Der Jemen ist eine Monokulturlandschaft, denke ich beim Betrachten des Baras, und träume mich unwillkürlich in ein anderes Tanzvideo hinein, in "Land of the 1000 Dances" von Danny & The Memories – ein Scopitonevideo von 1964, und eine Variation des Wah-Watusi-Motivs der Orlons mit Ray Barettos "El Watusi" gekreuzt. Eine erneute Auflistung aller aktuellen Modetänze in einen neuen Song verpackt. Während im Jemen, im Land von Tausendundeiner Nacht, also immerzu der Bara getanzt wird, drängt sich mir als Traumutopie das Land der 1000 Tänze durch den Kopf. 

Danny & The Memories spielen noch heute zusammen, wenn auch ohne Danny Whitten. Man kennt sie unter dem Namen Crazy Horse – der Backingband von Neil Young. Seb und ich waren uns über die Dauer unseres Aufenthaltes im Jemen einig, dass die übersteuerte Sturheit von Crazy Horse das wildwesterne Straßenbild dort perfekt zu untermalen vermag.
Nun hatten wir eine gemeinsame Begleitlektüre in Sanaa dabei – "Nah Inverness" von Michael Roes. Darin wird der Versuch geschildert, Shakespeare's Königsdrama "Macbeth" im Jemen mit Laiendarstellern vor Ort zu verfilmen. Natürlich wird in "Nah Inverness" auch der Bara getanzt. Eine schöne Bettlektüre.
Ungefähr zeitgleich, möglicherweise etwas eher, arbeiten Hank und Nick McCarthy, in London lebender Popstar, an einer Inszenierung von Shakespeare's "Tempest" – mit Auswirkung auf das dritte Franz Ferdinand Album, und auf die Sinnfälligkeit dieses Textes: 
Nick bediente sich im "Sturm" beim Monolog der Figur des Caliban für ein hübsches Wiegenlied, das am Ende von "Tonight" steht – "Dream Again". 
Franz Ferdinand gaben übrigens im Juni 2008 einen Secret Gig vor 150 Fans in einem Londoner Pub namens "The Macbeth". Wenige Wochen, bevor sich das Appartement von Seb in eine Schlafhöhle für die (diesmal echte) Münchener Band Kamerakino verwandeln sollte. Die ihr erstes Londoner Konzert ebendort spielen durften, im "The Macbeth". 

Als Seb und Nick im Frühjahr 2010 schließlich die Londoner Sausage Studios betreten, um sich an Hanks "Lunsen-Ring" zu wagen, wird die Freude über die von Hank verordnete literarische Bettruhe als willkommene Medizin gegen Alltagsstress und Tourleben spürbar und hörbar.

Und so stehen wir vor dem eingangs genannten Genrebegriff Rockoper wie in einem Spiegelkabinett, in dem wir über die Landung der Zauberkönige, das Kauern der satanischen Majestäten, die Tanzkreisbilder des weltlichen Herrschers Obama, die Tanzlektionen des jemenitischen Sportministers Fakih, und schließlich die Traumtänze des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand einzig und allein aus dem Grunde stolpern, um am Ende bei Shakespeare's Königsdramen rauszukommen. „I’ll cry to dream again – I'll live to dream again". 

Die Abwesenheit der Träume, ja, das ist es, worum es nicht zuletzt auch bei den frugalen Bettgeschichten des Lunsen-Rings geht. Eine nachtschwarze Platte voller angelsächsischer Cheerleaderchoräle, jemenitischer Folklore, Pubrock bis Progrock und Betthupferl aus dem höfischen Bauernbarock, gespannt wie ein Spannbettbezug. Und aufgeschlagen, als möglichen Kommentar auf die Lage der Welt, finden wir eine Seite in einem Buch von Hülsenbeq, mit der lapidaren Frage: „Vielleicht will der Westen ja gar nicht leben?“ Nun denn, vielleicht will er ja schlafen. Mit dem Sonnenaufgang im Osten schlafen gehen. 
In Hanks Libretto ruht ein Humor, mit dem manch täglich mit sich selbst ringender Feierabendathlet ruhig einmal ins Bett gehen sollte. Am Ende drückt es alle in die Luns. Oder, um den gerne bettlägrigen Werner Enke zu bemühen - es wird müde enden.


Luns Records, 2011 / 300 Stück

2012-12-17

Ochsenzoll

Ochsenzoll – Bohlmann und die Kunst der Fuge

Ein ebenso schwieriges wie unbeschwertes Verhältnis zu Kunst und Kultur teile ich mit meinem Studienfreund Hank Hakenschlag. Die großen Museen waren für uns in erster Linie immer Orte der Zuflucht. Ein Beispiel: 
An einem müden Maimorgen 2002 saßen wir vor unserem erledigten Frühstück an einem Außentisch an der Theresienstraße. Uns war ein bisschen fad. Wir hatten uns dort nur hingehockt, um zu schauen ob jenes Ecklokal irgendeinen Anflug von Erinnerungen an das alte Café Stefanie zulassen würde. Das Café Stefanie soll dort um die vorletzte Jahrhundertwende der wichtigste Künstlertreffpunkt Münchens gewesen sein. "Café Größenwahn" hatte man es damals gerufen. Außer an unserem Tisch merkte man bei unserem Theresienstraßen-Frühstück davon aber nix. Wir hatten uns hundert Jahre zu spät dort hingehockt, und als es uns grad hübsch langweilig zu werden drohte, sagte ich zu Hank: „Du, lass uns einen sanften Abgang machen, nimm dir schonmal ein bisschen Vorsprung“. Hank verstand sofort. Hätte ja auch seine Idee sein können. „Okay, wir sehen uns dann bei der Schmerzensmutter,“ gab er zwinkernd zurück und war auf den Beinen. Was ich wiederum sofort verstand, hatte mir Hank doch soeben erklärt, die „Schmerzensmutter“ wäre jenes Dürer-Großbild in der alten Pinakothek, welches sich von dem Säureattentat von 1988 noch immer nicht ganz erholt haben sollte. Er war schon außer Sichtweite, und als die Bedienung ebenso wenig zu sehen war, erhob ich mich, um möglichst ohne einer Spur von Aufbruchsstimmung nach drinnen zu gehen, ganz kurz im Klo zu verschwinden und dann beim Rausgehen nicht mehr an den Platz zurückzukehren. Hat man keine Jacke dabei gehabt, oder die Jacke erst gar nicht ausgezogen, dann ist das ohne einer auffälligen "ich-verlasse-jetzt-den-Tisch"-Geste machbar. Ohne sich umzuschauen, entspannt aber bestimmt, überzusetzen an den schützenden Hafen des Kunsttempels. Sakrales Bilderschiff und Auffangbecken für Zechpreller.

Die Bedienung erlaubte mir aber nichtmal dieses kleine Kribbeln – sie war einfach nirgends auszumachen. Wahrscheinlich waren die Kellner selber alle am Klo versammelt. Nur ganz hinten, am letzten Tisch, war eine Kollegin mit einer Bestellung beschäftigt. Auch die Barkraft hatte kein Auge auf mich. Also stellte ich mich nur einen Moment in den Türrahmen. Die Tischnachbarn sollten denken, ich ginge rein zum Zahlen. Denn Zivilcouraschler, die uns hinterherpfiffen, hatte es schon gegeben, tags davor etwa im Café Rotkreuzplatz. Weswegen Hank und ich uns eine Viertelstunde lang auf einem Friedhof dort ums Eck hatten versteckt halten müssen. Also, die Kehrtwende im Türrahmen und raus ins Freie, entschlossenen Schrittes die Straßenseite gewechselt und dann rasch über die Wiese zur Pinakothek gehuscht, hui, du holder Mai.

Hank stand an der Treppe mit einer enttäuschenden Nachricht: „Die Schmerzensmutter“ war immer noch in Restauration und nicht zu sehen. Na gut, es gab ja noch den „Paumgartner Altar“ und die „Beweinung Christi“, beides Opfer von Schwefelsäure. Wir erkundigten uns bei einem Wärter, wo diese Bilder hingen und ob die Belegschaft besonders wachsam sei, jetzt da Hans-Joachim Bohlmann doch spazieren gegangen und nicht zurückgekehrt sei. Nicht zurückgekehrt in den Ochsenzoll, Hamburgs sogenannter "Landesirrenanstalt". 

„Ja, schon. Spazierengegangen? Ausgebrochen ist der. Wieso?“ Der Mann schaute uns streng an, uns feindlich musternd wie ein Lurch. Wir waren uns offensichtlich nicht ganz grün, antworteten mit einem Schulter zuckenden „Nur so“ und schlenderten durch die Hallen. 
Der Ossentoll, wie die Hanseaten sagen, befindet sich zu einem großen Teil in den sanierten Gebäuden einer von 1937 bis 1938 erbauten Kaserne der Waffen-SS, die nach 1945 als Krankenhaus genutzt wurde. Von dort war Bohlmann also geflüchtet. So war es in der Abendzeitung gestanden. Und Bohlmann galten all unsere Sympathien. Bis auf die Sache mit den Pferden, aber das hätten wir den Wärter mit den Röntgenaugen ja unmöglich wissen lassen können. 
Bohlmann hatte mehr als fünfzig Attentate auf Kunstwerke verübt und dabei einen Schaden von ca 130 Millionen Euro verursacht. 1988 schließlich, nach zwanzigjähriger Tätigkeit, konnte er in München bei der Bearbeitung der Schmerzensmutter gestellt werden. Er hatte es also lange getrieben, und das, obwohl er es sogar immer darauf angelegt hatte, erwischt zu werden. Endlich Hilfe zu erfahren. Erleichtert über die gelungene Festnahme soll er den Polizisten in den Armen gelegen sein. Soll geflüstert haben: „Endlich ist es vorbei. Ich dachte schon, es hört nie mehr auf.“

Bohlmanns Biografie beschreibt einen der einsamsten Lebensläufe der Welt. Einen Menschen, der die Straftat sucht, um wahrgenommen zu werden. Um in Kontakt mit der Gesellschaft treten zu können. Wichtig war, dass die Straftat möglichst viel Aufmerksamkeit erregte. Das war der Grund für seine Entscheidung, sich mit der Kunst anzulegen. Der tiefere Grund lag in frühen Angstzuständen, die ein Neurochirurg damit hatte beheben wollen, dass er bestimmte Synapsen in Bohlmanns Kopf durchtrennte. Nach diesem Eingriff war aus dem jungen Mann ein Frührentner geworden. Alles hatte sich irreparabel verschlimmert. Derselbe Arzt hatte in einer damals veröffentlichten These auch die Behauptung gewagt, mittels seiner Methode das Schwulsein frühzeitig unterbinden zu können. Bohlmann war nicht schwul, aber unglücklich. Als auch noch seine Frau beim Fensterputzen in den Tod stürzte, war Bohlmann erstmal fertig mit der Welt. Er begann eine Karriere als Attentäter. Zunächst nicht auf Kunstwerke, sondern auf Pferde. Womöglich potenzierte der Anblick von Pferden seine Psychose – der Blick, die Augen der Pferde. Jedenfalls überfiel er nachts Pferde und ätzte dem Einen die Augen aus, ein Anderes übergoss er mit Säure, bis die Knochen frei lagen. Von dieser gräuslichen Tat hatten Hank und ich erst später erfahren, als sich unsere damalige Bohlmann-Sympathie schon gefestigt hatte.  

In den Hamburger Ochsenzoll war Bohlmann damals noch in derselben Woche wieder zurückgekehrt, freiwillig. Er wollte nur mal eben schauen wie das so ist, wenn man in Rente geht.


Sieben Jahre später erinnerte ich mich wieder an diese seltsame Episode. Ich googelte nach Bohlmann und erfuhr, dass er vor wenigen Wochen erst gestorben war, 72-jährig. Dort, im Ochsenzoll. 
Dabei kommt mir noch ein anderes Bild in den Sinn. Das Schaukelpferd auf dem Garagenspielplatz hinter dem 60er Jahre Wohnblock, in dem meine Großmutter im Bayerischen Wald gelebt hatte. Das Pferd war ein langer Holzblock mit einem Holzkopf, aufgebockt auf einer eisernen Mechanik, die uns Kindern erlaubte auf dem Pferd quietschend zu schaukeln. 
Es hatte fast die Größe von einem echten Pferd. Aber es war ein altes Ross, übersät mit eingeritzten Liebesschwüren und Schweinereien. Es war völlig zernarbt von diesen Taschenmesserattacken und machte einen sehr desolaten Eindruck. Ich hatte es immer sehr gern gehabt, auf dem Pferd zu ruckeln. Aber eigentlich war der Spielplatz ein sehr stiller und einsamer Ort und das Pferd eine nackte Tristesse. Immerhin, als Bild stiftet es mir jetzt Sinn. Ein Kunstpferd, auf das Attentate in Form von Liebesgrüßen verübt wurden. Schnitzereien und Einschnitte ins Kerbholz.

Läufer gegen Reiter im alten Café Stefanie in München