2014-09-23

Die Raketenkönigin lädt nach – Niki de Saint Phalle und der Potlatsch von Offenbach am Main.


Keine 3000 Meter Luftlinie trennen in Paris den Grand Palais vom Strawinski-Brunnen am Centre Pompidou. Zu weit, um mit einer Gewehrsalve eine Schusslinie zu ziehen. Selbst mit einer MK 40 kommt man, vom Grand Palais aus geschossen, allenfalls bis zur Place de la Concorde, bis zum Obelisk. Mit Spezialaufsatz und einer maximalen Reichweite von 2500 Metern vielleicht noch bis zum Louvre, aber dann ist Schluss. Selbst wenn man noch weiter schiessen könnte, müsste man dort, im Louvre, erst etliche Bilder durchschiessen und bis dahin noch zig Hauswände durchbohrt haben, so wie Gordon Matta-Clark einst ein Haus in der Rue Beaubourg mit Blick auf das Centre Pompidou aufgeschnitten hatte. Dort, ins Centre Pompidou, müsste man schlussendlich als Kugel eindringen, um auf der anderen Seite herauspreschend schließlich in den Strawinski-Brunnen platschen zu können. Kurzum, es wäre zu schön, liesse sich von der großen Niki de Saint Phalle Ausstellung, zu besuchen bis zum zweiten Februar 2015 im Grand Palais, eine direkte Fluglinie zum seit 1983 von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle maschinisierten und nananisierten Brunnen spannen. Doch wo die Physik versagt, vermag die Kraft der Poesie zu walten, und auch wenn das Schiessen mit Blei im Sinne von Niki gewesen wäre, so wollen wir nun Raum und Zeit durchquerend lieber parallele Linien mit Worten skizzieren, um zu verbinden, was der Geist auf Umwegen vermag.

Denn wo mögen sie sein, die Geister der einst so Ruhelosen? Und heissen sie auch dort, wo sie nun schwanken mögen, immer noch so, wie zu Lebzeiten im Irdischen, als sie zum Beispiel hiessen „Jean Tinguely“ oder „Niki de Saint Phalle“? Nun, Geister sind so frei wie die Gedanken frei sind, und während für die Einen momentan die große Geisterstunde mit Niki und Jean im Grand Palais schlagen mag, der gebündelte Geist auf der, just zur Eröffnung, von Konrad Hirsch restaurierten DVD Edition von Peter Schamonis sinnlich langlebigem Niki de Saint Phalle Film dort im Museumsshop erhältlich, ziehen für Hank Schmidt in der Beek, seines Zeichens Art Director von Schamoni Musik, die Geister ihre Kreise in einer himmlischen Schenke, in welcher die Gestalt der Architektur des Centre Pompidou von der feucht fröhlichen Betriebsamkeit eines Frankfurter Apfelweinlokals durchspült wird. Konkret sieht das so aus, dass die bunten Metallrohre, wie wir sie aus dem Pompidou kennen, dort oben dazu dienen, Nachschub an Ebbelwoi, Handkäs, grüner Soße, Schäufelchefleisch, Rippche und Tataren zu garantieren und diese immerfort hinauf zu schiessen. Nachzuhören ist diese Phantasie in „Babylon Must Phalle“, einem Reggae der Formation „Lunsentrio“, der in Vinyl graviert zu finden bislang nur auf der Compilation LP „Rock'n'Roll People Vol. 2“ sein dürfte, oder in Druckschrift nachzulesen ist in „Die ewige Apfelweinschenke Pompidou“, erschienen in den Anthologien „Gedichte für Typen wie mich“ und „Gedichte für Girls wie dich“, die der Berliner Verlag Heckler und Koch herausgegeben hat. Dort heisst es:



Und es liegt vor den Rohren der himmlischen Schenke
Die Strawinski-Gass' und der Klapper-Platz:
Hier tauschen Verschiedene irdische Schwänke,
Hier halten Verschiedene munteren Schwatz,



und weiter:



Wo Gemütlichkeit ewig und meisterlich,
Wo niemals jemals der Ebbelwoi all':
Da nehmen für immer mich zwischen sich
Frau Rauscher und Niki de Saint Phalle.



Halt, Stopp! Wer zum Himmel ist Frau Rauscher? Nun, da fangen die parallelen Linien an, interessante Rohrfüllung und Geisteszährung zu erhalten. Lauschen wir den Rohren!
Gleich wird die Rede sein von fliegenden Marmeladen und klirrendem Geschirr. Es wird die Rede sein von Tischbeinen, die, einmal vom Tisch gerissen, gleich Baseballschlägern in den Händen von Hank oder von Gaius liegend, durch den engen Raum sausende Flugteller in der Luft zerscheppern. Es wird die Rede sein von der Offenbacher Küchenzerstörung in der Neujahrsnacht 2002, aufgeführt von jungen Leuten in einer kleinen Mietwohnung in Offenbach am Main. Unter den Protagonisten sehen wir neben Hank und dem eben genannten Sebastian „Gaius“ Kellig, die heute zwei Drittel der bereits erwähnten Pop-Formation „Lunsentrio“ bilden, und als selbige momentan auf das Erscheinen der von Schamoni Musik publizierten Single „Ein Typ wie ich – ein Girl wie du“ warten, neben weiteren Geistesverwandten den Hamburger Galerist Niklas Schechinger sowie den Autor dieser Zeilen. Wir sehen einen Wasserkocher die Glasscheibe des geschlossenen Küchenfensters durchbrechen, Glühbirnen zerspringen und Scherben, die am nächsten Morgen viel Arbeit bringen werden. Wir hören sie Toben und Schreien, und eine Platte von Stunde X rotieren. „Grafengold“, der Zuckerrübensirup, und Aachener Pflümli kleben an der Wand, das Poster mit den verschiedenen Modellen von Lambretta Rollern längst von selbiger gerissen und in Fetzen, und so wüten alle eine ganze Weile. Bald wird die Rede von Frau Rauscher sein, dann, wenn sie zu früher Stunde an der Türe läutet, und sie den noch schlaftrunkenen Niklas durch die Sprechanlage fragt:

„Herrgottnochmal, was war bei Ihnen los Heutnacht?“

„Ja, Frau Rauscher. Wir hatten ein paar alte Freunde da. Da ist uns ein Schrank umgefallen.“

„Ein Schrank umgefalle? Drei Stund lang ein Schrank umgefalle?“

„Mhm, ja, das hat etwas gedauert. Tut uns leid.“

Frau Rauscher, die Vermieterin dieser wie der späteren „Ja!Wohnung“, würde wie viele andere Menschen sich später an dieses Datum nurmehr als den Tag erinnern, da der Euro eingeführt wurde.

Aber was ist der Moment in der Geschichte, weswegen Frau Rauscher mit Niki de Saint Phalle in eine Songzeile rücken sollte? Nun, dazu ist es nicht unwichtig zu erfahren, wie der Abend seinen Lauf genommen hatte: Eben noch war man entspannt und eher lustlos bis gelangweilt auf Klapp- und Klapperstühlen in der Küche gehangen, da sehen wir Niklas Schechinger in Wallung geratend einen dieser Stühle ergreifen und in Stücke hauen, worauf ein anderer sofort aufspringt um die verbliebenen Einzelteile durchs Fenster auf die Straße zu werfen. Niklas Schechinger war Mieter und Gastgeber. Das ist ein wichtiges Detail für das, was folgte. Der Gastgeber ergriff also die Initiative und erteilte der Zerstörung seines Besitzes freien Lauf. Ein kollektiv erlebter Rausch am Opfern von privatem Besitz und Eigentum. Der Trennung vom eigenen Eigentum. Der im Moment der Zerstörung sich neu definierenden Gemeinschaft.

Die Offenbacher Küchenzerstörung war phänomenologisch betrachtet ein Potlatsch. Genau wie bei einem Potlatch, den Ritualtreffen nordamerikanischer Eskimo Indianer, ging es in diesem Augenblick darum, die Gruppendynamik von der negativen Energie träger Materie zu lösen und durch das akzelerative Bewegen starrer Objekte einen energetischen Mehrwert zu erlangen. Bei gleichzeitigem Loslassen der sich in Beschleunigung befindlichen Objekte sollte der Effekt der Zerstörung derselbigen nebenbei den Rausch potenzieren. Ein Potlatsch bedeutet auch: Größe durch die Zerstörung des eigenen Besitzes zu beweisen und mit der Entledigung desselbigen zu wachsen. Möglicherweise handelte es sich um die Vernichtung von als Luxus empfundenem Überfluss. Oder man war Zeuge eines erbrachten Opfers, dem Beweis immaterieller und innerer Stärke, der einem Synonym für Unzerstörbarkeit gleichkommt. Entscheidend ist, dass es sich um den eigenen und nicht um die Zerstörung von fremdem Besitz handelte. Bei solch einem Tanz, bei dem man seinen Besitz wegwirft, wie solcherlei Potlatschs auch genannt wurden, soll es bei ein paar Gelegenheiten auch zu Gewaltexzessen und übergriffigen Zerstörungen gekommen sein, etwa als ein Häuptling im Rausch befand, seine Größe erst in der Vernichtung eigenen Lebensraumes wie der Verwüstung von Häusern bis hin zur Tötung von Sklaven unter Beweis gestellt haben zu wollen.
Eine tatsächliche ökonomische Bedeutung hatten Zerstörungsrituale während der jährlich stattfindenden Potlatsch-Treffen für die Kwakiutl, Tlingit, Inuit und andere Stämme in pre monetären Zeiten. Mit der Einführung des Geldes und des abstrakten Wertes war man in der Lage, Überfluss und Macht durch Ausgaben für Luxus oder, in unseren Zeiten, für Kunst, zu signalisieren. Der Offenbacher Potlatsch datiert ja auch auf eine pre monetäre Zeit – auf die Nacht vor der Euro Einführung. 
 
Den Begriff des Potlatsch hatten Pariser Punks in den frühen 1950er Jahren von Georges Bataille aufgegriffen und als Strategie für die Gegenkultur wiederentdeckt. Lange vor Punk also, aber wie uns Roberto Ohrt schon erklärt hat, waren Leute wie Jean-Michel Mension von den Lettristen die damaligen Punks von Paris. Junge zerstörungswillige Jungs, die mit den alten Daddys nichts mehr zu tun haben wollten, gaben ein Magazin heraus, das sie „Potlatch“ tauften und welches insofern einem Opfer gleich kam, dass sie die Exemplare teils als Geste der Herausforderung an Repräsentanten der Macht adressierten, teils mit einer Geste der Verschwendung auf die Straße schleuderten, irgendwo auf die Straßen von Paris warfen. Obschon diese Leute nichts mit der Welt der Kunst, wie sie uns heute bekannt ist, gemein hatten, als einer hermetisch mit den Bedürfnissen des Marktgeschehens verknüpften elitären Luxustoilette also, so ist es kaum verwunderlich, dass der Potlatsch der Lettristen eigentlich nur in Künstlerkreisen bekannt ist und als Legende weiter erzählt wird. Denn es bleibt doch die Aufgabe der Kunst, den Potlatsch zumindest als Illusion in Aussicht zu stellen, wenn auch die Häuptlinge und Mächtigen in ihrer Allgemeinheit sich nur an dieser Illusion bedienen wollen, ohne deren Sinnlichkeit je zu ergreifen. Von der tieferen Bedeutung der Verschwendung haben die Kunstkäufer mit ihrem Investorblick eigentlich keine Ahnung. Rendite ist alles was sie wollen. Ein paar Galeristen halten dagegen. Wer bei Niklas Schechinger Fine Arts zu Hamburg St. Pauli kauft, kann zum Beispiel damit überrascht werden, bis in alle Ewigkeiten auf den Erhalt einer Rechnung warten zu müssen. Man sollte wissen, dass sich die Diplomarbeit, mit der sich der Galerist einst aus Offenbach verabschiedete, den Titel „Kunst der Zerstörung“ trug.

Niki de Saint Phalle zelebrierte und beherrschte den Potlatsch wie kaum ein Indianerhäuptling vor ihr. Sie war zweifellos ein Häuptling der Kunst, mit Lust am rauschhaften Zerstören der eigenen Werke. In einem Pariser Vorort geboren und aufgewachsen in New York, hatte sie genug amerikanischen Esprit geladen, um sich zur Frau der Tat zu erklären und den französischen Jungs und Daddys eins vor den Philosophenlatz zu knallen. Sie schoss sich einfach frei von allen Vorbildern und Vorahnen, ab Mitte der 1950er Jahre mit ihren Schiessbildern, Bilder, die sie im selben Akt erschuf wie sie sie exekutierte. Bilder schiessen, bumm bumm bumm, Material vernichten, Geld verbrennen und gleichzeitig Geld verdienen – so funktioniert nebenbei bemerkt auch Hollywood. Beschichtetes Celluloid belichten und verbrennen, je größer die Materialschlacht umso größer der Erfolg. Die Kunst erlaubt jegliche Transgression. Niki de Saint Phalle wählte die Kunst, da sie ihre amerikanischen Mechanismen mit ihrem französischen Blick so gut durchschaute und zu ihrer großen Freude die Maschinerie für sich zum Laufen brachte. Deswegen passten Jean Tinguelys dysfunktionale Maschinen so gut zu ihr. In die Wüste von Nevada gehen und den eigenen Atombombentest inszenieren. Maschinen aus Schrott bauen und mit Sprengkörpern in die Luft jagen. Ob Potlatsch oder Imitation von einem Potlatsch, egal. Niki de Saint Phalle hatte genug Sprengkraft für alle, sie ist die Raketenkönigin.

Im Jahr der Offenbacher Küchenzerstörung trat der Autor dieser Zeilen mit der Formation „Murena & Joe Masi“ und der „Raketenkönigin“ in Erscheinung – ein aggressives Electropunkstück, das die drei durch diverse Gallerien und eines Abends auch durch den Münchener Kunstverein peitschen liessen:


Die Raketenkönigin
Baut eine Muschimaschine
Die Raketenkönigin


Sie hat eine Maschine
die Maschine fängt das Feuer
Sie baut eine Maschine
und sie baut auch Ungeheuer


Die Raketenkönigin baut eine Muschimaschine
Baut eine Muschimaschine die Raketenkönigin?

Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle
Präsentieren das Gewehr
Jean baut eine Maschine
Die sich selber zerstört
Niki schiesst auf ihre Maschine
mit einer anderen Maschine


Ma-ma-ma Muschimaschine
Ma-ma-ma Muschimaschine


„Wer ist das Monster, Du oder ich?“ titelt da ganz treffend Peter Schamonis Niki Film aus dem Jahr 1995. Genau darum geht es. Bevor wir uns ewig fragen, ob zuerst die Henne oder das Ei auf der Welt waren, lohnt es sich vielleicht, den Gang durch die Vagina einer Nana zu riskieren und anzuerkennen, dass mindestens ebenso viele KünstlerInnen durch Nikis Geist hindurch gegangen sind, wie sie durch andere hindurchgegangen sein mag, und dass in dieser wechselseitigen Durchdringung sich das Perpetuum Mobile der Welt offenbahrt.

In order to create – one must first destroy“. Wer das gesagt hat? Egal, egal. Es haben so viele soviel gesagt. Schauen wir uns Nikis fantastischen Garten an, den sie als Krönung ihrer Schöpfungen in der Toskana baute, so muss klar sein, dass ihre leidenschaftliche Lust an der Schöpfung in all ihrer Detailverliebtheit erst durch die zuvor jahrelang zelebrierte Zerstörung in all ihrer ausgelebten Ungebremstheit auf den Weg gebracht wurde. Ob ihr farbenprächtiger Tarotgarten nun an den Park Güell von Antoni Gaudí erinnert und Niki dort hindurchgegangen war, ist angesichts der Wirkung, die die Riesennanas auf die Besucher ausüben egal. 
Wenige Tage vor Niederschrift dieser Zeilen kam Peter „Upstart“ Wacha von dort, aus dem toskanischen Capalbio, mit funkelnden Augen zurück – der Münchener Musik Impressario, durch etliche Nanas dort hindurchgegangen, schwelgte in Saint Phallischen Momentaufnahmen und Eindrücken. Neuerdings arbeitet Upstarts Firma Disko B eng mit Schamoni Musik zusammen, der Klangwelt der Schamoni Film & Medien GmbH. 
 
1979 übrigens, zeitgleich wie Niki mit der Erschaffung des Tarotgarten begann, startete man in München mit den Dreharbeiten zur beliebten Kinderserie „Meister Eder und sein Pumuckl“ in einem leer stehenden Haus in der Widenmayerstr. 2. Dort stand also Eders Werkstatt, doch heute fehlt davon jede Spur. 1985 wurde das Haus abgerissen, um dem heute dort befindlichen Unternehmenssitz der „Versicherungskammer Bayern“ zu weichen. Soviel zur Relativität von „In order to create – one must first destroy“. 
 
Das fällt mir eigentlich nur deshalb ein, weil die Versicherungskammer dort im Haus über eine eigene Galerie verfügt, und ich mich erinnere, wie ich dort im Dezember 2005 beim Besuch der dort eingerichteten Niki de Saint Phalle Ausstellung zum ersten Mal auf Peter Schamoni stieß, der mich dort in einem Poster an der Wand hängend auf seinen „Wer ist das Monster, Du oder ich?“ Film aufmerksam machte. Der Grand Palais von Paris ist, für Nikis Geist zum Wandeln, mit seiner Stahl- und Glaskonstruktion nun zweifellos ein schönerer Ort als die Versicherungskammer Bayern. Aber vielleicht zieht sie es auch vor, dort oben im himmlischen Sarg der ewigen Apfelweinschenke Pompidou an der Seite von Peter Schamoni, Frau Rauscher und Jean Tinguely zu wandeln. Beides ist denkbar.

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