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2014-09-23

Die Raketenkönigin lädt nach – Niki de Saint Phalle und der Potlatsch von Offenbach am Main.


Keine 3000 Meter Luftlinie trennen in Paris den Grand Palais vom Strawinski-Brunnen am Centre Pompidou. Zu weit, um mit einer Gewehrsalve eine Schusslinie zu ziehen. Selbst mit einer MK 40 kommt man, vom Grand Palais aus geschossen, allenfalls bis zur Place de la Concorde, bis zum Obelisk. Mit Spezialaufsatz und einer maximalen Reichweite von 2500 Metern vielleicht noch bis zum Louvre, aber dann ist Schluss. Selbst wenn man noch weiter schiessen könnte, müsste man dort, im Louvre, erst etliche Bilder durchschiessen und bis dahin noch zig Hauswände durchbohrt haben, so wie Gordon Matta-Clark einst ein Haus in der Rue Beaubourg mit Blick auf das Centre Pompidou aufgeschnitten hatte. Dort, ins Centre Pompidou, müsste man schlussendlich als Kugel eindringen, um auf der anderen Seite herauspreschend schließlich in den Strawinski-Brunnen platschen zu können. Kurzum, es wäre zu schön, liesse sich von der großen Niki de Saint Phalle Ausstellung, zu besuchen bis zum zweiten Februar 2015 im Grand Palais, eine direkte Fluglinie zum seit 1983 von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle maschinisierten und nananisierten Brunnen spannen. Doch wo die Physik versagt, vermag die Kraft der Poesie zu walten, und auch wenn das Schiessen mit Blei im Sinne von Niki gewesen wäre, so wollen wir nun Raum und Zeit durchquerend lieber parallele Linien mit Worten skizzieren, um zu verbinden, was der Geist auf Umwegen vermag.

Denn wo mögen sie sein, die Geister der einst so Ruhelosen? Und heissen sie auch dort, wo sie nun schwanken mögen, immer noch so, wie zu Lebzeiten im Irdischen, als sie zum Beispiel hiessen „Jean Tinguely“ oder „Niki de Saint Phalle“? Nun, Geister sind so frei wie die Gedanken frei sind, und während für die Einen momentan die große Geisterstunde mit Niki und Jean im Grand Palais schlagen mag, der gebündelte Geist auf der, just zur Eröffnung, von Konrad Hirsch restaurierten DVD Edition von Peter Schamonis sinnlich langlebigem Niki de Saint Phalle Film dort im Museumsshop erhältlich, ziehen für Hank Schmidt in der Beek, seines Zeichens Art Director von Schamoni Musik, die Geister ihre Kreise in einer himmlischen Schenke, in welcher die Gestalt der Architektur des Centre Pompidou von der feucht fröhlichen Betriebsamkeit eines Frankfurter Apfelweinlokals durchspült wird. Konkret sieht das so aus, dass die bunten Metallrohre, wie wir sie aus dem Pompidou kennen, dort oben dazu dienen, Nachschub an Ebbelwoi, Handkäs, grüner Soße, Schäufelchefleisch, Rippche und Tataren zu garantieren und diese immerfort hinauf zu schiessen. Nachzuhören ist diese Phantasie in „Babylon Must Phalle“, einem Reggae der Formation „Lunsentrio“, der in Vinyl graviert zu finden bislang nur auf der Compilation LP „Rock'n'Roll People Vol. 2“ sein dürfte, oder in Druckschrift nachzulesen ist in „Die ewige Apfelweinschenke Pompidou“, erschienen in den Anthologien „Gedichte für Typen wie mich“ und „Gedichte für Girls wie dich“, die der Berliner Verlag Heckler und Koch herausgegeben hat. Dort heisst es:



Und es liegt vor den Rohren der himmlischen Schenke
Die Strawinski-Gass' und der Klapper-Platz:
Hier tauschen Verschiedene irdische Schwänke,
Hier halten Verschiedene munteren Schwatz,



und weiter:



Wo Gemütlichkeit ewig und meisterlich,
Wo niemals jemals der Ebbelwoi all':
Da nehmen für immer mich zwischen sich
Frau Rauscher und Niki de Saint Phalle.



Halt, Stopp! Wer zum Himmel ist Frau Rauscher? Nun, da fangen die parallelen Linien an, interessante Rohrfüllung und Geisteszährung zu erhalten. Lauschen wir den Rohren!
Gleich wird die Rede sein von fliegenden Marmeladen und klirrendem Geschirr. Es wird die Rede sein von Tischbeinen, die, einmal vom Tisch gerissen, gleich Baseballschlägern in den Händen von Hank oder von Gaius liegend, durch den engen Raum sausende Flugteller in der Luft zerscheppern. Es wird die Rede sein von der Offenbacher Küchenzerstörung in der Neujahrsnacht 2002, aufgeführt von jungen Leuten in einer Dachwohnung in Offenbach am Main. Unter den Protagonisten sehen wir neben Hank und dem eben genannten Sebastian „Gaius“ Kellig, die heute zwei Drittel der bereits erwähnten Pop-Formation „Lunsentrio“ bilden, und als selbige momentan auf das Erscheinen der von Schamoni Musik publizierten Single „Ein Typ wie ich – ein Girl wie du“ warten, neben weiteren Geistesverwandten den Hamburger Galerist Niklas Schechinger sowie den Autor dieser Zeilen. Wir sehen einen Wasserkocher die Glasscheibe des geschlossenen Küchenfensters durchbrechen, Glühbirnen zerspringen und Scherben, die am nächsten Morgen viel Arbeit bringen werden. Wir hören diese Gruppe Toben und Schreien, und eine Platte von Stunde X rotieren. „Grafengold“, der Zuckerrübensirup, und Aachener Pflümli kleben an der Wand, das Poster mit den verschiedenen Modellen von Lambretta–Rollern längst von selbiger gerissen und in Fetzen, und so wüten alle eine ganze Weile. Bald wird die Rede von Frau Rauscher sein, dann, wenn sie zu früher Stunde an der Türe läutet, und sie den noch schlaftrunkenen Niklas durch die Sprechanlage fragt:

„Herrgottnochmal, was war bei Ihnen los Heutnacht?“

„Ja, Frau Rauscher. Wir hatten ein paar alte Freunde da. Da ist uns ein Schrank umgefallen.“

„Ein Schrank umgefalle? Drei Stund lang ein Schrank umgefalle?“

„Mhm, ja, das hat etwas gedauert. Tut uns leid.“

Frau Rauscher, die Vermieterin dieser wie der späteren „Ja!Wohnung“, würde wie viele andere Menschen sich später an dieses Datum nurmehr als den Tag erinnern, da der Euro eingeführt wurde.

Aber was ist der Moment in der Geschichte, weswegen Frau Rauscher mit Niki de Saint Phalle in eine Songzeile rücken sollte? Nun, dazu ist es nicht unwichtig zu erfahren, wie der Abend seinen Lauf genommen hatte: Eben noch war man entspannt und eher lustlos bis gelangweilt auf Klapp- und Klapperstühlen in der Küche gehangen, da sehen wir Niklas Schechinger in Wallung geratend einen dieser Stühle ergreifen und in Stücke hauen, worauf ein anderer sofort aufspringt um die verbliebenen Einzelteile durchs Fenster auf die Straße zu werfen. Niklas Schechinger war Mieter und Gastgeber. Das ist ein wichtiges Detail für das, was folgte. Der Gastgeber ergriff also die Initiative und erteilte der Zerstörung seines Besitzes freien Lauf. Ein kollektiv erlebter Rausch am Opfern von privatem Besitz und Eigentum. Der Trennung vom eigenen Eigentum. Der im Moment der Zerstörung sich neu definierenden Gemeinschaft.

Die Offenbacher Küchenzerstörung war phänomenologisch betrachtet ein Potlatsch. Genau wie bei einem Potlatch, den Ritualtreffen nordamerikanischer Eskimo Indianer, ging es in diesem Augenblick darum, die Gruppendynamik von der negativen Energie träger Materie zu lösen und durch das akzelerative Bewegen starrer Objekte einen energetischen Mehrwert zu erlangen. Bei gleichzeitigem Loslassen der sich in Beschleunigung befindlichen Objekte sollte der Effekt der Zerstörung derselbigen nebenbei den Rausch potenzieren. Ein Potlatsch bedeutet auch: Größe durch die Zerstörung des eigenen Besitzes zu beweisen und mit der Entledigung desselbigen zu wachsen. Möglicherweise handelte es sich um die Vernichtung von als Luxus empfundenem Überfluss. Oder man war Zeuge eines erbrachten Opfers, dem Beweis immaterieller und innerer Stärke, der einem Synonym für Unzerstörbarkeit gleichkommt. Entscheidend ist, dass es sich um den eigenen und nicht um die Zerstörung von fremdem Besitz handelte. Bei solch einem Tanz, bei dem man seinen Besitz wegwirft, wie solcherlei Potlatschs auch genannt wurden, soll es bei ein paar Gelegenheiten auch zu Gewaltexzessen und übergriffigen Zerstörungen gekommen sein, etwa als ein Häuptling im Rausch befand, seine Größe erst in der Vernichtung eigenen Lebensraumes wie der Verwüstung von Häusern bis hin zur Tötung von Sklaven unter Beweis gestellt haben zu wollen.
Eine tatsächliche ökonomische Bedeutung hatten Zerstörungsrituale während der jährlich stattfindenden Potlatsch-Treffen für die Kwakiutl, Tlingit, Inuit und andere Stämme in pre monetären Zeiten. Mit der Einführung des Geldes und des abstrakten Wertes war man in der Lage, Überfluss und Macht durch Ausgaben für Luxus oder, in unseren Zeiten, für Kunst, zu signalisieren. Der Offenbacher Potlatsch datiert ja auch auf eine pre monetäre Zeit – auf die Nacht vor der Euro Einführung. 
 
Den Begriff des Potlatsch hatten Pariser Punks in den frühen 1950er Jahren von Georges Bataille aufgegriffen und als Strategie für die Gegenkultur wiederentdeckt. Lange vor Punk also, aber wie uns Roberto Ohrt schon erklärt hat, waren Leute wie Jean-Michel Mension von den Lettristen die damaligen Punks von Paris. Junge zerstörungswillige Jungs, die mit den alten Daddys nichts mehr zu tun haben wollten, gaben ein Magazin heraus, das sie „Potlatch“ tauften und welches insofern einem Opfer gleich kam, dass sie die Exemplare teils als Geste der Herausforderung an Repräsentanten der Macht adressierten, teils mit einer Geste der Verschwendung auf die Straße schleuderten, irgendwo auf die Straßen von Paris warfen. Obschon diese Leute nichts mit der Welt der Kunst, wie sie uns heute bekannt ist, gemein hatten, als einer hermetisch mit den Bedürfnissen des Marktgeschehens verknüpften elitären Luxustoilette also, so ist es kaum verwunderlich, dass der Potlatsch der Lettristen eigentlich nur in Künstlerkreisen bekannt ist und als Legende weiter erzählt wird. Denn es bleibt doch die Aufgabe der Kunst, den Potlatsch zumindest als Illusion in Aussicht zu stellen, wenn auch die Häuptlinge und Mächtigen in ihrer Allgemeinheit sich nur an dieser Illusion bedienen wollen, ohne deren Sinnlichkeit je zu ergreifen. Von der tieferen Bedeutung der Verschwendung haben die Kunstkäufer mit ihrem Investorblick eigentlich keine Ahnung. Rendite ist alles was sie wollen. Ein paar Galeristen halten dagegen. Wer bei Niklas Schechinger Fine Arts zu Hamburg St. Pauli kauft, kann zum Beispiel damit überrascht werden, bis in alle Ewigkeiten auf den Erhalt einer Rechnung warten zu müssen. Man sollte wissen, dass sich die Diplomarbeit, mit der sich der Galerist einst aus Offenbach verabschiedete, den Titel „Kunst der Zerstörung“ trug.

Niki de Saint Phalle zelebrierte und beherrschte den Potlatsch wie kaum ein Indianerhäuptling vor ihr. Sie war zweifellos ein Häuptling der Kunst, mit Lust am rauschhaften Zerstören der eigenen Werke. In einem Pariser Vorort geboren und aufgewachsen in New York, hatte sie genug amerikanischen Esprit geladen, um sich zur Frau der Tat zu erklären und den französischen Jungs und Daddys eins vor den Philosophenlatz zu knallen. Sie schoss sich einfach frei von allen Vorbildern und Vorahnen, ab Mitte der 1950er Jahre mit ihren Schiessbildern, Bilder, die sie im selben Akt erschuf wie sie sie exekutierte. Bilder schiessen, bumm bumm bumm, Material vernichten, Geld verbrennen und gleichzeitig Geld verdienen – so funktioniert nebenbei bemerkt auch Hollywood. Beschichtetes Celluloid belichten und verbrennen, je größer die Materialschlacht umso größer der Erfolg. Die Kunst erlaubt jegliche Transgression. Niki de Saint Phalle wählte die Kunst, da sie ihre amerikanischen Mechanismen mit ihrem französischen Blick so gut durchschaute und zu ihrer großen Freude die Maschinerie für sich zum Laufen brachte. Deswegen passten Jean Tinguelys dysfunktionale Maschinen so gut zu ihr. In die Wüste von Nevada gehen und den eigenen Atombombentest inszenieren. Maschinen aus Schrott bauen und mit Sprengkörpern in die Luft jagen. Ob Potlatsch oder Imitation von einem Potlatsch, egal. Niki de Saint Phalle hatte genug Sprengkraft für alle, sie ist die Raketenkönigin.

Im Jahr der Offenbacher Küchenzerstörung trat der Autor dieser Zeilen mit der Formation „Murena & Joe Masi“ und der „Raketenkönigin“ in Erscheinung – ein aggressives Electropunkstück, das die drei durch diverse Gallerien und eines Abends auch durch den Münchener Kunstverein peitschen liessen:


Die Raketenkönigin
Baut eine Muschimaschine
Die Raketenkönigin


Sie hat eine Maschine
die Maschine fängt das Feuer
Sie baut eine Maschine
und sie baut auch Ungeheuer


Die Raketenkönigin baut eine Muschimaschine
Baut eine Muschimaschine die Raketenkönigin?

Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle
Präsentieren das Gewehr
Jean baut eine Maschine
Die sich selber zerstört
Niki schiesst auf ihre Maschine
mit einer anderen Maschine


Ma-ma-ma Muschimaschine
Ma-ma-ma Muschimaschine


„Wer ist das Monster, Du oder ich?“ titelt da ganz treffend Peter Schamonis Niki Film aus dem Jahr 1995. Genau darum geht es. Bevor wir uns ewig fragen, ob zuerst die Henne oder das Ei auf der Welt waren, lohnt es sich vielleicht, den Gang durch die Vagina einer Nana zu riskieren und anzuerkennen, dass mindestens ebenso viele KünstlerInnen durch Nikis Geist hindurch gegangen sind, wie sie durch andere hindurchgegangen sein mag, und dass in dieser wechselseitigen Durchdringung sich das Perpetuum Mobile der Welt offenbahrt.

„In order to create – one must first destroy“. Wer das gesagt hat? Egal, egal. Es haben so viele soviel gesagt. Schauen wir uns Nikis fantastischen Garten an, den sie als Krönung ihrer Schöpfungen in der Toskana baute, so muss klar sein, dass ihre leidenschaftliche Lust an der Schöpfung in all ihrer Detailverliebtheit erst durch die zuvor jahrelang zelebrierte Zerstörung in all ihrer ausgelebten Ungebremstheit auf den Weg gebracht wurde. Ob ihr farbenprächtiger Tarotgarten nun an den Park Güell von Antoni Gaudí erinnert und Niki dort hindurchgegangen war, ist angesichts der Wirkung, die die Riesennanas auf die Besucher ausüben egal. 
Wenige Tage vor Niederschrift dieser Zeilen kam Peter „Upstart“ Wacha von dort, aus dem toskanischen Capalbio, mit funkelnden Augen zurück – der Münchener Musik Impressario, durch etliche Nanas dort hindurchgegangen, schwelgte in Saint Phallischen Momentaufnahmen und Eindrücken. Neuerdings arbeitet Upstarts Firma Disko B eng mit Schamoni Musik zusammen, der Klangwelt der Schamoni Film & Medien GmbH. 
 
1979 übrigens, zeitgleich wie Niki mit der Erschaffung des Tarotgarten begann, startete man in München mit den Dreharbeiten zur beliebten Kinderserie „Meister Eder und sein Pumuckl“ in einem leer stehenden Haus in der Widenmayerstr. 2. Dort stand also Eders Werkstatt, doch heute fehlt davon jede Spur. 1985 wurde das Haus abgerissen, um dem heute dort befindlichen Unternehmenssitz der „Versicherungskammer Bayern“ zu weichen. Soviel zur Relativität von „In order to create – one must first destroy“. 
 
Das fällt mir eigentlich nur deshalb ein, weil die Versicherungskammer dort im Haus über eine eigene Galerie verfügt, und ich mich erinnere, wie ich dort im Dezember 2005 beim Besuch der dort eingerichteten Niki de Saint Phalle Ausstellung zum ersten Mal auf Peter Schamoni stieß, der mich dort in einem Poster an der Wand hängend auf seinen „Wer ist das Monster, Du oder ich?“ Film aufmerksam machte. Der Grand Palais von Paris ist, für Nikis Geist zum Wandeln, mit seiner Stahl- und Glaskonstruktion nun zweifellos ein schönerer Ort als die Versicherungskammer Bayern. Aber vielleicht zieht sie es auch vor, dort oben im himmlischen Sarg der ewigen Apfelweinschenke Pompidou an der Seite von Peter Schamoni, Frau Rauscher und Jean Tinguely zu wandeln. Beides ist denkbar.

2013-01-27

Satori in L.A.




Satori in L.A.

Von den einundzwanzig Tagen in L.A. landete jeder erster Morgenblick von mir auf der Leinwand neben meinem Bett: Ein Münchner im Himmel. Den Titel hätte ich niemals erraten. Im Halbdunkel von Hanks Atelier glaubte ich in dem abstrakten Liniennetz immer eine Weltkarte sämtlicher Munitions- und Waffendepots samt Lieferantenrouten zu erkennen, so sehr glich das Bild einem Geheimplan, und hinter einem Geheimplan steckt immer die Logik des Militärs. Wir ziehen in den Wirrwar wäre mir als Bildunterschrift und Persiflage auf solch eine Kartographie ganz plausibel erschienen. Aber Hank sagte "Nee, kuck doch...", und führte mir die Verwandlung von Truppenbewegungen zu Wolken und von Brennpunkten zu Bierkrügen und rings durch den Raum seine anderen Bilder vor, frisch  aufgestaffelt noch das blaue
Poolposter nach David Hockney. Blau in blauem Löschwasser
stand es hier bereit, im Schindler House in West Hollywood,
als löschendes Element für LA is on Fire; eine Gruppen-ausstellung, die in wenigen Tagen in der David Lawrence
Gallery, drüben in Beverly Hills, auf die Feuerwalze vom 
letzten Spätsommer anspielen sollte. Als die hungrigen Flammen von den Hügeln bis nach Santa Monica runtergezüngelt waren. Aloisius Hingerl, der Engel aus Ein Münchner im Himmel, er hätte das Feuer sicher mit Bier gelöscht.

Kraulte ich vormittags den Kopf im Nacken in den ozeanischen Himmel getauchte Palmen und Orchideen im Blick durch die Vorgartenlagune der Cochran Avenue runter bis zum Pico Boulevard, krochen mir nach wenigen Schritten beissende Brandbilder in die Nase. Von einem inneren Warnsystem kuratierte Bilder, einem Meister des Realismus, der die prächtigsten Villen binnen Sekundenbruchteilen entwerfen, bauen und abrauchen lassen kann. Kopfkino, immer der Lunte nach. Dann war es nur der Ruß, der noch roch, als das italienisch angehauchte Schlösschen vor mir auftauchte. Am Tag vor meiner Ankunft soll es ein einzelgängerisches Feuer in einen sorrentinischen Holzofen verwandelt haben. Jetzt sah es aus wie ein verbranntes Capriccio, und machte nicht den Eindruck auf mich, jemals richtig real existiert zu haben. "Warmer Abriss", raunte Brandherdexperte Roberto Ohrt. Der Phantomforscher kennt sich aus mit Rauchzeichen – in seinem Badezimmer umspannt ein mit Worten ausgestanzter Lampenschirm eine Glühbirne, die, einmal angeknipst, als Laterna Magica ringsherum die Wortlichter in girum imus nocte et consumimur igni kreisen lässt. Das Anagram von Heraklit. Guy Debord hatte es einst wiederbelebt. Vorwärts wie rückwärts dreht es sich nun in Robertos Bad, Heraklits und Debords "Nachts gehen wir im Kreis und werden vom Feuer verspeist". Bei unserer ersten Begegnung in St. Pauli, unweit von dem lateinisch lichten Wortbad, wollte ich von ihm wissen, was eigentlich aus der situationistischen Internationale geworden sei. "Die ist gerade unterwegs", antwortete Roberto.
Und jetzt saß er da, in Hanks weißem Haus in West Hollywood, ganz Albert Finney in seiner Verkörperung des Konsuls in John Hustons Unter dem Vulkan–Verfilmung, mit dem Unterschied dass Robertos Sonnenbrille weiß gerändert ist. Saß da und teilte mir bei einer Partie Herz ist Trumpf einen Rat aus: "Du darfst nicht vergessen Abzuheben." Und genau das schätze ich mal ist mit dem LAND passiert, das einst hinter den Lettern von HOLLYWOOD stand. Vier Buchstaben, die nun fehlen wie die Filmrollen von Four Devils, Murnaus verschollenem Trapezfilm – abgehoben und in die Lüfte entschwunden.

Und ich denke an den Landeanflug zur Stadt der Engel, und an den Himmel über Berlin, in dem ja auch zwei Engel hocken, Bruno Ganz und Otto Sander. Der Wunsch, am Leben der Sterblichen teilzuhaben, wird bei Damiel alias Bruno Ganz so groß, dass er dafür bereit ist, auf seine Unsterblichkeit zu verzichten. Er lässt sich in die Welt hineinwerfen und verliebt sich in die Trapezkünstlerin Marion alias Solveig Dommartin, die sich nichts mehr wünscht, als sich von der Erdschwere lösen zu können. 
Neben mir, auf dem Flug von München nach Los Angeles, sitzt vielleicht kein Engel, aber eine Exil-Berlinerin. Ich mag diese Frau, die mir ihre ganze Geschichte erzählt. Die davon handelt, wie sie es geschafft hat, sich von der Berliner Erdschwere zu lösen. Von ihrer Flucht über die Ost-West-Grenze, im Kofferraum eines Diplomatenautos. 1977 war das, zehn Jahre bevor Wim Wenders nach Berlin kam, um den Himmel zu filmen. Mit ihrem ersten Mann, einem Physiker, zog sie zunächst nach Boston, und nun lebt sie getrennt und glücklich in Naples, Floridas Neapel. 
In diesem Moment öffne ich wieder meine Fluglektüre, starre sprachlos auf den Satz, auf den mein Blick im Buch von Enrique Vila-Matas fällt, falle wie aus allen Wolken. Der flüchtige Doktor Pasavento hat beschlossen zu verschwinden und verrät an dieser Stelle endlich dem Leser, also mir, wo er sich momentan aufhält: In Neapel.

Nicht ganz vierzehn Jahre zurückgeblättert. Im Sommer 1994 kaufte ich mir unterwegs nach Neapel an einer Tankstelle ein Tape, ein Album von David Bowie. Das 1977 mit Tony Visconti in Berlin – Hansa by the Wall steht als Studioname im Booklet – aufgenommene Heroes. Natürlich werden wir bei Heroes immer an die fünfzehnjährige Christiane F. denken. Wir, denen uns als Fünfzehnjährige der Bahnhof Zoo von Uli Edel in der Schule gezeigt wurde. Denken an die Szene, da Christiane und Detlef vor den Bullen aufs Dach vom Europa-Center flüchten und von dort oben unter dem blauweiß leuchtenden, und bis in alle Ewigkeit rotierenden Mercedes-Stern über die Brüstung wie zwei Engel ohne Flügel auf Berlin blicken, während Bowie, Eno und Fripp mit dem flirrenden Brandungsrauschen von Heroes unten im Parterre die Zeit in Schach halten. Nur wenige Monate vor meiner Reise nach L.A. war der Mercedes-Stern mit seinen zehn Metern Durchmesser und den 680 Leuchtstoffröhren erstmalig zum Stillstand gekommen. Man hatte die Motorik unter Hubschraubereinsatz im April 2007 reparieren lassen. Und ich denke an dieser Stelle an ein anderes Buch von Vila-Matas, das irgendwo im Kofferraum der Zeit zwischen 1977 und 2007 seinen Platz findet – Dada aus dem Koffer, ein dünnes Buch, in welchem ein Unterseeboot namens Bahnhof Zoo auftaucht. Vila-Matas schreibt, er wisse nicht, weshalb er es so nannte, aber nun ergibt sein Einfall Sinn.

Damals, 1994 unterwegs nach Neapel, war ich eigentlich gerade in einer Phase, da ich Platten von Black Flag aus L.A. zu hören und straight edge sein zu verstehen versuchte. Meinen eigenen Verbrennungsmotor pflegte ich allenfalls hochtourig und sportiv anzufeuern, und so kam es, dass ich nun gerade auf der Höhe jener Tankstelle, die Bowie im Kassetten–Drehständer führte, mit einer Überdosis Guarana zu kämpfen hatte. Herzrasen. Puls im Kopf. Panik. Heroes im Walkman beruhigte daraufhin die Nerven wie eine Boje inmitten turbulenten Fahrwassers, eine rettende Leitplanke für die Ohren. 
Bowie soll sich damals die Klangvorstellungen von Conny Plank gewünscht haben, und so soll der Titel auch als Referenz an das Stück Hero von Neu! verstanden werden dürfen. Plank habe aber abgewunken, für ein Popalbum wäre ihm seine Zeit zu schade. Und dann, dank Brian Eno, klangen Low, Heroes und Lodger doch noch nach Plank. Egal ob sich Bowie mal flennend fallen lässt, mal ausgenüchterte Traumbilder evoziert, ich höre das Album heute noch mit den Bildern von Amalfi im Kopf, mit neapolitanischen Treppen rauf und runter, mit Lust auf eine Pizza in Sorrent. Bowies Neuköln hat nur ein "L". Ein Neuköln, das streng genommen geographisch gar nicht verortbar ist, und so höre ich es und bin wieder im Gestrüpp von Capri, laufe den Berg von Capri rauf und runter, erinnere mich an eine Anekdote aus dem Doktor Pasavento, in der Vila-Matas schildert, wie er mit einer Gruppe spanischer Schriftsteller einen Nachmittag auf Capri verbringt, Bernardo Atxaga auf mysteriöse Weise mitten auf der kleinen Insel verschwindet, und erst, als alle nervös geworden sind, wieder auftaucht und erklärt, er habe sich nur unter eine Hochzeitsgesellschaft in der Villa Tiberius gemischt, und Pedro Zarraluki auf der Rückfahrt nach Neapel sauer ist, weil er lieber eine Exkursion nach Pompeji unternommen hätte, und V-2 Schneider höre ich und blicke in den Krater vom Vesuv. 
Zur selben Zeit, 1994, während einer Recherche über die Reise von Malcolm Lowry nach Pompeji, traf Roberto Ohrt die Vulkanologin Charlet Kugel in Neapel, aber damals hatte das noch nichts mit meiner Geschichte zu tun.

Kugels Bild von einem zerstörten Los Angeles hing nun im Januar 2008 gleich links neben Hanks Hockney in der David Lawrence Gallery. Gegenüber die schwarzen Messerschnitte, die Roberto aus Hamburg mitgebracht hatte, und die wir alle gemeinsam ein paar Tage vor der Eröffnung mit dem von Raymond Pettibon geborgten Projektor als Murals hingepinselt hatten. Hinter der Wand wiederum, an der Hank und Kugel hingen, fand sich das kleine Archivzimmer mit den zwei Kippenberg-Skulpturen – zig gerauchte Zigarettenstummel zu supersize-ashtrays geleimt, ein Abgeseng auf smoking times.
Daran musste ich denken, als ich an meinem letzten L.A.–Abend im Capri für einen Moment allein am Tisch zurückblieb, da die Anderen zum Rauchen rausgegangen waren. Daran, und wie ich in jenem kleinen Archiv das Buch Helter Skelter aus dem Regal gezogen hatte, und mir daraus ein böser Fluch von Charles Manson entgegengesprungen kam: "My thoughts will bring fire to your cities". Huch, schnell wieder zugeklappt und nicht dran denken! Daran dachte ich, und was Veronique Bourgoins Video Now I Wanna Be Your Horse wohl bedeutet haben mochte, das ebenfalls durch jenes kleine Archiv galoppiert war, und fragte mich, ob ich noch weiter auf mein Satori warten sollte, oder ob ich es schon gefunden hatte, nur noch erkennen musste.
Daran also, und wie stimmig vom ersten Moment an alles gewesen war, als ich am Morgen meiner Abreise in Richtung Franz-Josef-Strauss Flughafen in den Bus gestiegen war, und der Bus in meiner Straße schon die Richtung gewiesen hatte: US-Ostbahnhof. "Na klar", hatte ich gedacht, "von den USA aus betrachtet ist jeder europäische Bahnhof ein Ostbahnhof, ein US-Ostbahnhof". 

Das Capri ist ein von Martin Kippenberger gegründetes Lokal in Venice, dem Venedig von Los Angeles. Es ist Teil einer sehr gesättigten aber niemals befriedigten Welt, dachte ich, als ich Raymond Pettibon und seine Sorgenfalten wieder neben mir Platz nehmen sah. Das ist der Mann mit dem chronischsten Stirnrunzeln der Welt, dachte ich, und auch an die Cover von Black Flag, die er gemalt hatte. Deren Abschiedsalbum In My Head mich immer noch wegen der Raumaufteilung im Mix beeindruckt, wegen der Stimmen im Hintergrund und dem Hall, dem nach hinten gedrehten Henry Rollins. Wahrscheinlich hat ihn Raymonds Bruder so leise gedreht, denn im Vordergrund stehen Variationen vom immer gleichen Gitarren-Pattern von Greg Ginn, und Raymond Pettibons bürgerlicher Name ist Raymond Ginn. 
Ihm gegenüber, am Tischkopf, Roberto mit sonnenverbranntem Gesicht. Den Sonnenbrand hatte er vom Skifahren irgendwo in den Bergen, dem Mount San Antonio oder dem Mount Baldy, Raymonds Projektor hatte er im Kofferraum. Apropos Projektor – eine der interessantesten Veröffentlichungen des Jahres 2007 war Rise Above von den Dirty Projectors. Erst beim vierten Hörversuch dieser überdreht beboppten Musik fiel mir auf, was sich David Longstreth da zusammengereimt hatte, was den ganzen Clou bei der Sache ausmachte: Alle zehn Songs stammen aus der Feder von Greg Ginn, aus dem Black Flag Album Damaged. Mit einem völlig konträren Ansatz, der die Texte umso verstörender kommen lässt. Trällernde Stimmen mäandern durch die Depression, die Police Story mit Streichquartett und Querflöte arrangiert, die Originale ganz subversiv in ein farbenfrohes Licht gehängt.

Viele Türen hatten dieser Tage aufgehen müssen. Roberto hatte noch mit einem nicht anwesenden Andy Hope die Phantom Gallery am Sunset Boulevard eröffnet, und Daniel Richter war gelandet und hatte in Begleitung von Ted Gaier und Melissa Logan Rock und Polizei in den Regen Projects am Santa Monica Boulevard eingeweiht. Wir tranken auf die schwere Tür der David Lawrence Gallery, die wir gemeinsam fluchend die drei Stockwerke runter bis zu Lucys Bus geschleift hatten, damit Lucy Dodd zuhause ihr Rauchbild an die Tür qualmen konnte. Ein offenes Feuer in der Galerie hatte David verboten.
Lucy Dodd und ihr Rauchbild waren schon vormittags in der Erinnerung an das Konzert von White Williams im Echo wiedergekommen, unterwegs mit Hank in die Wüste, nach Joshua Tree. Hank legte die CD von White Williams ein, das Album heisst Smoke, es zündete sofort. Da kam natürlich das Rauchbild wieder, und Lucy, wie sie sich auf dem Konzert im Echo in eine Säule verliebt zu haben schien.

Joe "White" Williams erinnerte mich ein bisschen an den jungen Marc Almond, und zählte mir nach dem Auftritt seine Vorbilder auf: Cluster, Faust, Popol Vuh, Neu! – Krauts eben, während der Gitarrist mich an Robert Fripp erinnerte. Smoke sprach zu uns wie das Werk eines jungen Phoenix aus der Asche der Götter des Glampop, des New Wave und des DjuDju und aller Jugendträume dieser Welt, deren Zukunft irgendwann von einem Feuer verschlungen worden war. Auf der Höhe von Palm Springs hörten wir die Worte von Route to Palm, dem letzten Song des Albums: Once we found ice inside the flame, as inside I’m behind the flame, und We know we know we know we know the shadow. Ein Wind fegt die Wüste.

Zuerst veröffentlicht in IN München 07/2008 / revisited und überarbeitet 01 /2013.