2019-08-19

Texte zu Musik: H

 Artist: H
Titel: H
Label: Echokammer
VÖ: August 2019

                                   H


Eine Wetterstation produziert Musik: Alle Antennen ausgefahren, gehen Baro- und Thermometer auf Peilung. Ein Mobile aus Klangrohren klimpert ein modales Hard-Bop-Pattern im Windkanal, im Dialog mit einem röhrenden Käuzchenruf und rhythmisch aufschlagenden Hagelkörnern ...Was ist denn das für eine Drohkulisse? Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Natur ist im Argen, oder spielen die Messgeräte verrückt? Das ist jedenfalls kein Käuzchenruf, wie wir ihn kennen. Das Käuzchen ist böse, es hat Hunger! Höhenluft hilft. Höhensonne auch. Oder ... ein bisschen Vitaminologie.

Natürlich ist alles ganz anders. Die vermeintliche Wetterstation ist die Echokammer, ein von Albert Pöschl betriebenes Studio-Biotop in München Giesing. Dorthin begaben sich Leo Hopfinger alias LeRoy und Tom Simonetti alias mycrotom, um an neuen Tracks für ihr Indie-Disco-Wildstyle-Duo Rhytm Police zu arbeiten ... und dabei passierte einer jener glücklichen Unfälle, von denen Wissenschaftler immer schwärmen, wenn sie wider Erwarten auf eine bislang unbekannte Substanz stoßen. So, wie sich Pöschls Namensvetter Albert Hofmann im Selbstversuch die Pforten der Wahrnehmung öffneten, stießen die drei Laboranten Hopfinger/Pöschl/Simonetti auf das Element "H", um es im Spaltprozess einer isolierten Verdichtung aus der Rhytm Police herauspurzeln zu sehen – hatte nicht dort, über das zehnjährige Bestehen des Bandnamens hinweg, doch immer schon ein "H" gefehlt? Nun also, H ist da, und mit dem alten Namen fällt gleich mal die Disco-Party weg:

H ist Teilchenphysik für den Chill-Out-Room. Genre: Natur&Technik. Musikalisches Wetterleuchten!

Die einzelnen Stücke bestehen aus mehreren Ebenen, die ein vielschichtiges Hören ermöglichen. Da ist das Analoge (Drums: Simonetti / Bass: Hopfinger / Analoge Dub-Kanäle: Pöschl), das eine Verbindung mit dem Synthetischen (diverse Keyboards und Samples) eingeht. An der Schnittstelle zwischen dem Analogen und Synthetischen lauern fiebrige Fieldrecordings. So meinen wir, koexistierende Parallelgesellschaften in einem Stück vereint zu hören. Ein Effekt, der durch das Prinzip einer zirkulierenden Produktion begünstigt wurde: Nachdem die analogen Basis-Spuren gemeinsam gelegt worden waren, wurden diese ringsherum gereicht, die Klangmaterie bei jeder Runde neu angereichert und geschnitten, bis aus den einzelnen Session-Tracks die vorliegenden Stücke herausgeschliffen waren.

Inhaltlich ist dieses Album tatsächlich auch: Heimat und Sachkunde. H überlassen den Heimatbegriff aber nicht jenem Kollektiv, welches in stumpfer Abkapselung vor sich hingährt und die tradierte Borniertheit zur Heimathochkultur erhebt. Auf diesen Holzweg begeben sich H nicht. Internationaler Tiefbau lautet stattdessen die Parole. Leo Hopfingers deutschsprachige lyrics fahren ex negativo, schließen aus der Umkehrung auf. "Spiel mir das Lied vom Sonnenschein. Das kann nicht so kompliziert sein – Sonne rein ... Ohne dich säh's hier ziemlich dunkel aus." So einen lässigen Humor hatte in vergleichbar lakonischer Nuscheligkeit zuletzt wohl Stephan Remmler mit Trio drauf. Deutsch ohne Pathos, geht doch.

H atmet Spannung und Entspanntheit aus. Das ist der Zauber von H. Man findet diese Mischung sonst vielleicht nur auf manch toller Platte aus der sog. Kraut-Ära, Platten von Harmonia und Cluster blitzen auf, und H könnte wunderbar neben einer Platte wie z.B. Rastakraut Pasta von Moebius & Plank stehen, aber auch neben den LeRoy-Alben Skläsh und Bambadea (beide auf Schamoni Musik), This Is The Place von Das Hobos (ein weiteres, hochgefeiertes, alias des Duos Hopfinger und Simonetti) und der ein oder anderen Echokammer-Produktion, wie etwa Entrance To The Exit von Blacken The Black.

Immer wieder zwitschern die Vögel, hallt das Echo vom Berg, wird die Sonne zur Heimat, zur Heimat für die ganze Welt. Ein arabesker Autotune-Gesang ertönt "Am Zug", eine ganz und gar kosmische Musik wird hier gespielt. Also nochmal, ex negativo, zum Mitschreiben: Heimat ist nicht der Boden, Heimat ist die Sonne! Denn: Ohne sie sähe es hier dunkel aus! Und wenn am "Alpensee die Luft okay" ist, dann ist damit eben auch gemeint, dass drunten in der Ebene irgendwas so ganz und gar nicht okay ist. H ist eben auch das: Die Revanche für den grausamen Begriff "Heimatsound". Danke!

Ihr könnt natürlich auch mit dem letzten Stück anfangen: "Hi! Oh, Hallo. Wie geht's? I Love You!" Letztendlich bin ich mir sicher: Ihr versteht diese Musik auch ohne Beipack. Viel Spaß damit!

Euer Pico Be


Texte zu Musik: Hochzeitskapelle

 Artist: Hochzeitskapelle
Titel: If I Think Of Love
Label: Gutfeeling
VÖ: September 2019


Ein Unfall ereignet sich, und Liebe und Leben sind vorbei. Pierre (Michel Piccoli) wird mit seinem Alfa Romeo aus der Bahn geschleudert, just in dem Moment, da er beschließt, seine Beziehung mit Hélène (Romy Schneider) doch nicht zu beenden, ja Hélène zu heiraten. Ein Gedanke, der ihm im vorbeibrausenden Anblick einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft kommt ... Filmszenen aus Les choses de la vie / Die Dinge des Lebens, die uns nun knapp fünfzig Jahre später in die hier vorliegende Platte schleudern, um mal mit dem Ende anzufangen: Chanson d' Hélène, ein Original von Philippe Sarde, damals von Romy und Michel interpretiert, setzt den Schlussakzent zu dieser neuesten Liederspur der Münchener Hochzeitskapelle. Ohne Worte. Die können wir uns mitdenken, die Gruppe in jener Filmgesellschaft vorstellen, die Autofahrer gedankenverloren überschlagen lässt. Uns vorstellen, dass die Hochzeitskapelle die »Bande Sonore« gibt für die Hochzeiten derer, die im ewigen Frieden ruhen.

Gut die Hälfte der Komponisten und Originalautoren der hier versammelten Songs schwingen schon im Jenseits. Morbid und moribund also ist allemal, was die Indiepop-Größen Micha & Markus Acher (The Notwist), Evi Keglmaier (Zwirbeldirn), Mathias Götz (Le Millipede) und Alex Haas (spielt in knapp zwanzig Bands) an Sousaphon, Trompete, Schlagzeug, Viola, Tuba, Orgel, Harmonium, Posaune, Glockenspiel, toy piano und Banjo tun. Und gleichzeitig über alle Berge erhaben. Grundsätzlich im Sitzen konzertierend, ohne Licht und ohne Strom, von einer Bühne ganz zu schweigen, und zwischen den Liedern essend und trinkend, entfalten sie eine musikalische Kartographie, auf der sich mehr als einmal um die Welt reisen lässt, uns Altes und Älteres, Fernes und noch Ferneres näherbringend, mit dauerhaft erdender und kanonisierender Wirkung. Doch aufgehorcht, die Route für das neue Album führt in Abgründe!

Das zentrale Thema If I Think Of Love klingt wie der milde Morgen nach langem, schlimmen Sturmwetter, wie die ersten Sonnenstrahlen nach einem tiefen, ernsten Winter. Sanft harmonisierend, als wäre es von Johann Sebastian Bach ersonnen. Doch geschrieben hat es die Italo-Amerikanerin Lisa Germano, und wer ihre Lyrics (nachzuhören auf ihrem '98er Album Slide, oder in der Version ihres Bandprojekts OP8 mit Howe Gelb, Joey Burns und John Convertino) in Gedanken dazu summt, dem öffnen sich schlagartig die Dunkelkammern des großen Themas Liebe. Selbstzweifel, nackte Angst, Verlust, Trennung – für all das steht sie da, die Liebe. Und dann ist klar, dass in dieser sanften Mildheit viel Erschöpfung ruht, nein, wir werden in der ersten Sonne keinen euphorischen Freudentanz aufführen, wir sitzen einfach nur da, und regenerieren uns. Für diesen Moment steht auch Anohito, eine Komposition der Tenniscoats aus Tokyo. Die Freundschaft, die bereits in das gemeinsame und noch fortlaufende Projekt Spirit Fest mündete, sie trägt hier erneut eine zarte Blüte.

Aber oho, das Tanzbein! Ob in der peruanischen Cumbia des Sonido Amazónico schwingend, oder dem Voodoo aus Trinidad – Feuer und Fieber der ewigen Lust auf Verführung rufen! Gefährlich! Die Night Of The Vampire war in der Version der von Joe Meek produzierten Moontrekkers bei ihrem Erscheinen im Jahre 1961 von der BBC als "ungeeignet für Leute mit schwachen Nerven" gebannt worden. Prima Donna von René Aubry geriert sich folgerichtig als Totentanz, wir glauben die mechanischen Drehungen einer Spieluhrmusik, den Takt im Klackern von Knochen zu hören – Hochzeitsmusik? Da haben wir ihn, den bitterschwarzen Humor der Hochzeitskapelle.

Halt oder nicht Halt, das ist hier die Frage. Haltestellen finden wir noch mehr in Nord- denn Südamericana aus der letzten Jahrtausendwende, im Songwriting von Elliott Smith, dem hier eine besondere Widmung zuteil wird, interpretiert die Kapelle doch gleich zwei seiner nachtschwarz tristen, aber sehr geliebten Kompositionen (Between The Bars, Waltz No.1). Natürlich: Der Komponist erlag 2003 den Stichverletzungen, die ihm im Liebeskampf entstanden waren. Oder die Suche nach einer Haltestelle im Songwriting von Laura Veirs und ihrer Nightingale, die in tiefer Trauer beschworen wird, sie möge kommen, ihr Lied zu singen, eher ist an Ruhe und Schlaf im Traum nicht zu denken. Und vielleicht kann allein sie Halt geben, die Rainbow Connection, von Paul Williams geschrieben und von Kermit, der Frosch, im Muppet Movie gesungen. Bislang soll es kein Konzert der Hochzeitskapelle gegeben haben, da bei diesem Song nicht Tränen geflossen waren ...

Aufgenommen wurde die hier vorliegende Liedersammlung wie schon das von Publikum und Kritik begeistert aufgenommene Debutalbum The World Is Full Of Songs von Andreas g.rag Staebler, und so wird auch veröffentlicht im Hause Gutfeeling, aber wer schon das Vergnügen hatte, einer der in München lustvoll dargebotenen temporären Vermählungen zwischen Hochzeitskapelle und G. Rag y Los Hermanos Patchekos beizuwohnen, der weiß eh, das hier eine Großfamilie ihre Knospen treibt, und die ist wahrhaft in Liebe zur Musik vereint.

Achja, das Ende, der Anfang: Filmmusikalisch gerahmt ist dies Album! Wir steigen ein in die Windmills Of Your Mind, Michel Legrands berühmter melancholischer Melodie aus The Thomas Crown Affair. Und ja, schließlich ist die Hochzeitskapelle nicht grundlos für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie beste Filmmusik (Wackersdorf, Regie: Oliver Haffner) nominiert!*


*Nachtrag: Den sie dann auch verliehen bekamen!

Songtext: Marder (Pacifico Boy)

 
Sie rollen näher
sie rollen ran
aus den Schlafstädten
aus ihren Heimen
Hörst du

Sie rollen in Autos
die Straßen runter
sichern ihre Kontos
mit dem Gaspedal
schlafende Panzer

die Autos knacken
in den Parklücken
die Ampel wacht
traumloser Schlaf
im Straßenbett

Hör wie sie knacken
krrrr krrrr
zzz zzz
schuldlose Schläfchen
hinter Rollos

es ruft die Straße
durch die Schlafstadt
die Oberfläche
glüht noch so schön
alles darunter
das hat noch Zeit

Wo sind die Chicos
und die Chicas
Straßenhunde aus
dem Cine Quinqui
die Heroin-Gang

ich bin ein Marder
beiss in die Kabel
knüpfe Kontakte
Wackelkontakt
krrrr krrrr
zzz zzz

die Kiste springt nicht an
die Kiste springt nicht an
die Kiste springt nicht an

krrr krrr
zzz zzz
ich bin ein Marder
ein Marder beisst
die Kabel durch

ich hab so kurze Beine
muss sie verlängern
mit schweren Büchern
oder mit Steinen
an die Pedale
so komm ich ran

krrr krrr
zzz zzz
ein Auto über mir
hör wie es knackt
und ich lieg drunter
den ganzen Tag
nur auf der Lauer

die Autos knacken
die Autos knacken
die Autos knacken
ich bin ein Marder
ich such die Schraube

ich bin ein Marder
ein Panzerknacker
krrr krrr
zzz zzz



2019-07-22

Songtext: Torino

Torino

Bruder, du bist in der Stadt
um die Kinder zu erfreuen

Runden drehn im kleinen Zelt
für sie durch Staub trabend

trägst du sie auf
Schultern herum herum

du wirkst so
müde
so wie du schaust
wie du schaust


Lieber wärst du wie der Wind
am Strand, dich freidrehend

unter sternenklarer Nacht
dich am süßen Salz labend

sperrt dir wer auf,
lässt dich heraus heraus?

die Straße schläft
nie
sie sei dein Haus
sei dein Haus


Und du siehst das weite Feld
hörst aller Menschheit Geschrei

müdes Pferd zog einst den Pflug
die Erde umgrabend

ich wach nun auf,
fliehn musst du selber: Lauf!

gehör ich doch zu
ihnen
schau mich nur an
schau mich an


Die Großväter auf dem Land
Herr und Knecht, Brot und Heu

Ja es war mein Großvater
der deinem die Peitsche gab

scheuchte ihn auf's
Feld hinaus hinaus

so rat ich dir dringend
dass du mir misstraust
mir misstraust


Bruder, du bist in der Stadt
um die Kinder zu erfreuen

Runden drehn im kleinen Zelt
für sie durch Staub trabend

trägst du sie auf
Schultern herum herum

du wirkst so
müde
so wie du schaust
wie du schnaubst


2019-07-01

Erinnerung an ein Re-rendezvous

 
Erinnerung an ein Rendezvous

Es ist Sonntagmorgen im August 1976. Moment, moment, es ist noch nicht wirklich Morgen, es ist halb sechs. Es ist noch früh. Seifenlauge hängt in der Luft. Die Straßen von Paris sind frisch geduscht. Vögel zwitschern. Der Filmemacher Claude Lelouch startet seinen Wagen, ein Mercedes Benz 450 SEL, an dessen Stoßstange er zuvor eine Eclair cam-flex 35mm Kamera montiert hat. Es ist noch früh, aber für die Figur im Film ist es spät. Sie wird erwartet. Und sie, die unsichtbare Figur, kann es kaum erwarten. Anzukommen, den Wagen zu verlassen und sichtbar zu werden. Und er, Lelouch, er hat es auch eilig. Er ist identisch mit der Figur. Das Spiel ist echt. Lelouch spielt ein echtes Spiel. Es muss schnell gehen. Bevor die anderen, bevor irgendjemand auf die Straße geht. Obwohl: Viel wird nicht gehen. Paris ist im Urlaub. Im August. Am Meer. Aber Lelouch hat nur zehn Minuten Zeit: Den Rest von der Rolle von seinem letzten Film.

Es geht los. Der Wagen schiesst aus dem Tunnel an der Périphérique, an der Mündung Porte Dauphine ist der Morgen nikotinblau.

Kautschukgrün ist die Avenue Foch, mit Kurs auf den Arc' de Triomphe. 140 kmh.

Ein Haifischsarg, der aus einem zugefrorenen Moorsee ragt. Aufgebockt auf Stoßzähnen aus Eis und den quadratischen Augen einer aztekischen Gottheit. Ein Platz für Außerirdische, der Place Charles de Gaulle. Wir passieren ihn mit 110.

Ganz aufgedreht, die Champs Elysées mit 160, rote Ampel und ein Bus wie eine Breitwand. runtergedrosselt auf 110. Es geht vorbei.
Obacht. Lelouche, gleich wirst du eingebuchtet, wenn du so weitermachst, hier an der Place de la Concorde, in einem Schuhkarton und Nagelbrett.
Aber der Motor röhrt laut, an der Place de la Opéra, natürlich!

Rot, rot, rot – Rue Pigalle und Place du Caroussel, hier kommt Lelouche!

Boulevard de Clichy und rein in die Rue Caulaincourt, Avenue Junot, zwei Tauben flattern dort hoch, der Blick rast entlang der Place Marcel Aymé, mit Vollgas über die Place du Tertre. Es quietschen die Bremsen beim Einschlag in die Kurve, und rein geht’s in die Rue Azais, noch im Licht der Laternen, vom ersten Morgenschimmer gebrochen.
Eine letzte Kurve und Steigung und raus kommt der Film am Place du Parvis du Sacré Coeur. Lelouche stoppt den Wagen für die letzte Einstellung: Eine junge Dame wartet an den Stufen der Place du Parvis du Sacré Coeur, jetzt schon ins Tageslicht getaucht.
Der Fahrer reisst die Tür auf, stürmische Umarmung, gerade noch rechtzeitig. Die Figur ist so echt wie der Fahrer echt in diesem Film: Es ist Gunilla Friden, die Lebensgefährtin von Claude Lelouch.C'était un rendez-vous, in knapp neun Minuten gefilmt.
Vierzig 1/2 Jahre später. Im Februar 2017 erschien ein Rerendezvous. Diesmal von einem Ford Mustang aus gefilmt, und einem bezahlten Profi am Steuer, der für dieselbe Strecke nur 1 1/2 Minuten benötigt. Allerdings wird geschummelt. Der Film ist nicht eine Fahrt. Man sieht deutlich die Schnitte in der Strecke. Das Ganze ist ein Ford Werbespot.

Dem Spot vorangestellt wird der Hinweis:

Während der Produktion dieses Films wurden alle Rechtsvorschriften und Geschwindigkeitsbegrenzungen eingehalten. Die Produktion wurde in Zusammenarbeit mit den französischen Behörden realisiert. Unter kontrollierten Bedingungen mit professionellem Fahrer gefilmt. Bitte nicht Nachmachen! Dieser Film wurde modifiziert, um eine erhöhte Geschwindikeit zu simulieren.

Claude Lelouch soll für den Spot sein Okay gegeben haben. Wahrscheinlich, weil im Kontrast dazu sein Rendezvous noch mehr als das wahrgenommen werden kann, als das, was es war: Ein illegaler Ausbruch aus der Verkehrssicherheit. Er hatte damals, 1976, lediglich die Worte vorausgeschickt:
Der Film, den Sie sehen, entstand ohne Tricks und ohne Zeitraffer.

Lelouches Rendezvous ist Cinema Verité. Ein Glücksspiel mit glücklichem Ende. Obwohl Lelouches einzige Absicherung, sein Freund, der Filmemacher Elie Choukrie, der an der Rue de Rivoli hinter dem Louvre mit einem Walkie Talkie die nicht einsehbare Verkehrskreuzung beobachtete, ausfiel: Die Walkie Talkies funktionierten nicht.

Eine Wendung gibt es aber beim Rerendezvous, eine Idee, die das Ende rettet:
An den Stufen des Place du Parvis du Sacré Coeur wartet... ein Mann auf das Date: Aus dem Wagen springt eine Frau. Es ist eine Fahrerin, die diesen fiktiven Rekord von 1 1/2 Minuten Raserei aufstellt.

Im selben Monat, Februar 2017, gibt es in Berlin einen Präzedenzfall: Das Gericht verurteilt zwei junge Männer, die sich ein Autorennen am Kudamm geliefert hatten, zu Mord mit lebenslangen Haftstrafen. Das Auto ist Mordwaffe. Außer, möchte man einschieben, ein betrunkener Verkehrsminister oder Polizist, steuert diese Mordwaffe. "Für mich war das ein stehendes Fahrzeug", verteidigte sich einer 1983 auf dem Weg nach oben. Ein Jahr Knast, der Ministerposten wartete – ein Rendezvous als Staatsminister.

Ich persönlich bin leidenschaftlicher Spaziergänger und kann mit rasenden Autos in der Stadt gar nichts anfangen. Auch mit Lelouches Rendezvous nicht so sehr, mit dem Abstand der Zeit allerdings schon mehr.

Berlin, Kreuzberg, im Juni 2007

Die Autorengruppe Sánchez Schechinger Schmidt zeigt "Rendezvous" von Claude Lelouch rund um den Oranienplatz. Der fahrende rote Bräunlich war eine Galerie, eine fahrende Galerie – auch schon ein Ford, ein Ford Consul, der Joe Masi, bürgerlich Maximilian Bräunlich, gehörte, und für Masi eine Möglichkeit bot, sich von seinem Auto zu verabschieden, indem er es zu einer Galerie umfunktionierte.
Der Film wird aus dem fahrenden Roten Bräunlich auf einen vor ihm her fahrenden Lastwagen projeziert, gleichzeitig aus dem Roten Bräunlich heraus abgefilmt und direkt im Anschluss auf dem Oranienplatz gezeigt. Die Rückwand des Lastwagens zu einer Leinwand umfunktioniert. Für die knapp neun Minuten Filmlänge benötigten Sánchez Schechinger Schmidt knapp neun Umdrehungen, rund um den Oranienplatz, den Oranienplatz zur Pariser Inennstadt umfunktionierend. Die Stadt Berlin transfigurierte damals, in diesem Shooting by driving, im Juni 2007, zur Stadt Paris.

Es gibt keine Dokumente dieser Tat. Alles, was davon bleibt, ist ein Flyer.


Und die Autorengruppe Sánchez Schechinger Schmidt, die sich in der Erinnerung noch weiter, noch immer um den Platz dreht:

Und so drehen wir konstante Kreise um den Oranienburger Platz in Berlin, diesmal in der Abenddämmerung, doch immer wieder mit Blick auf jene Morgenfahrt durch Paris. Vorbei am Boulevard Périphérique, an der Avenue Foch und an der Place Charles de Gaulle, und wir kreiseln um den Oranienburger Platz zum wiederholten Mal. Die Champs Elysées und Place de la Concorde, der Motor röhrt laut an der Place de la Opéra, und laut dröhnt die Wiederholung bei der Umrundung vom Platz in Berlin.
Rue Pigalle und Place du Caroussel, wir drehen uns langsam, der Film fährt sehr schnell. Bd de Clichy und rein in die Rue Caulaincourt, die Projektion, die läuft fort und wir fahren hinterher, konstant und nicht sehr schnell um den Oranienburger Platz zum achten und neunten Mal. Av Junot, zwei Tauben flattern dort hoch, der Blick rast entlang der Place Marcel Aymé, mit Vollgas über die Place du Tertre, und wir sind im zweiten Gang und in der zwölften Runde am Platz in Berlin. Es quietschen die Bremsen beim Einschlag in die Kurve, und rein geht’s in die Rue Azais, noch im Licht der Laternen, vom ersten Morgenschimmer gebrochen. Bei uns ists jetzt stockfinster, nur der Projektor scheint munter, an der Rückwand vom Sprinter von Robbes und Wientjes, und wir hinterher, nur hellgrün über den Dächern die Leuchtschrift vom Möbel Olfe, so brausen wir durch die Straßen von Paris am Montmarte, am Oranienburger Platz in Kreuzberg, Berlin. Eine letzte Kurve und Steigung und raus kommen wir am Place du Parvis du Sacré Coeur, wir halten den Wagen in der Mitte vom Oranienburger Platz an, sehen noch die letzte Einstellung, eine junge Dame wartet an den Stufen an der Place du Parvis du Sacré Coeur, jetzt schon ins Tageslicht getaucht, der Fahrer reisst die Tür auf, stürmische Umarmung, gerade noch rechtzeitig, kam er zu diesem Rendeszvous, und wir schalten aus den Projektor, auf der Verkehrsinsel in Berlin.


Am selben Abend, unweit vom Oranienplatz Berlin, bzw Oranienplatz Paris, hatte ich persönlich kein Rendezvous, aber der Abend ging weiter. im Schrittempo fanden wir uns ein im Trödler, einer Bierkneipe in der Dresdener Straße, gleich beim Möbel Olfe. Dort saß unsereins mit Birol Ünel, dem Birol Ünel aus Gegen die Wand, an einer Bierbank und was Ünel aus den Tagen der Dreharbeiten zu Der Passagier erzählte, und wie Der Passagier zu The Passenger von Antonioni transfiguriert, undsoweiter, undsoweiter ...


















2019-03-30

Das genaue Chaos – Vermessen von den Göttern der Verwesung

Ich sitze in einem Hotelzimmer und tippe Buchstaben in mein Schreibgerät, Das kleine Chaos im Kopf. Das Schreibgerät ist ein langsam fahrender Acer Extensa 5620, vor meiner Zeit benutzt von den Fingern von Michael Fengler. So hatte Èla gesagt, als ich es am Tag vor meiner Abreise nach Graz in ihrer Küche dankbar entgegengenommen hatte. Èla macht was in Grünwald beim Film, und sie sagte diese Worte: Benutzt von den Fingern von Michael Fengler. Fengler, der Fellini, Fassbinder und Lemke produziert, und in ihren Filmen manches Wort geschrieben und manchen Lauf gedreht hatte. Sichtbar wurde er als Mann vor der Kamera in Fassbinders erstem Kurzen, im Zweiten stand er dann hinter der Kamera, es waren die Jahre 1966 und '67: Der Stadtstreicher und Das kleine Chaos. Ein kleiner Durchdreher von drei erfolglosen Zeitungshausierern. Franz, vor dem Filmplakat von Raoul Walshs Maschinenpistolen (WHITE HEAT), »ich hab'n Buch geklaut, antiquarisch«, liest aus Henry de Montherlant, Die jungen Mädchen: »Rasch! Schreiben Sie mir nochmals Worte, die ich küssen könnte. Ich habe Ihren Brief an meine Brust gedrückt, bis es mir weh tat, und je weher es mir tat, desto wohliger wurde mir eben deswegen zumute.« Franz, die Finger zur Darstellung einer Knarre geformt: »Ich möchte endlich mal einen Krimi sehen, der gut ausgeht!« Franz, das Geld vom Wohnungsüberfall zählend, »Was machst'n DU mit deinem Anteil?« Sie kauft sich ein Kleid, er kauft sich irgendwas Vernuscheltes. Und du, Franz? Franz, sein Gesicht im schnellen Zoom: »Ich? Ich geh' ins Kino!«



Erstmal das Radio an. Radio Helsinki, 92,6 MHz. Das Radio musste extra mit, um es morgens oben im Zimmer laufen zu lassen. Kein Sterne-Hotel der Welt bietet »Zimmer mit Radio« an. Das Radio heißt Caliber HPG 3IIR und ist mini klein, und es gehört eigentlich nicht mir, aber das ist eine andere Geschichte. Wir sind nicht in Finnland, aber in Österreich, und Graz hat diesen wunderbar piratesquen Sender, auf dem zwischen neun und zehn Uhr morgens in einem Dreiergespräch die Diagonale analysiert wird: Marie Creutzers Eröffnungsfilm Der Boden unter den Füßen war gefühlt zu lang, und gedacht viel zu kurz. In der Karrierehölle der Unternehmensberaterin Lola ist nicht viel Platz, auch nicht für ihre suizidale Schwester Conny, die fliegt raus, so wie alles, was zuviel an Personal und an Kollegen ist. Mysteriöse Anrufe und Kurznachrichten deuten einen Horrorthriller an, überschreiten aber keine Linie und treten auf der Stelle. Ich gebe den Stimmen recht und dreh' wieder ab. Gestern Abend, in diesem Raumschiff namens Helmut-List-Halle, hatte meine innere Stimme während der Projektion notiert: Das Telefon taugt nicht als halluzinatorischer Spielraum, und der Psychohorror kommt mit dem Arbeitsfetisch nicht aus dem Themenpark raus. Die Festivalleiter aber sind gute Politiker. »Sehr verehrte Damen und Herren, Nationalismus ist Gift für die Gesellschaft!« Peter Schernhubers lang nachhallendem Eröffnungssatz und Sebastian Höglingers Beschwörung der Werte Humanität, Egalität, Geschwisterlichkeit und Solidarität wurde gleich flammenden Schwertern auch von meinen Händen applaudiert. Gemeinsam erhob man noch die Genauigkeit zur Parole, und Birgit Minichmayr weinte vor zweitausend Anwesenden, weil sie von allen geliebt wird. Damit hatte die zeitbewusst staatsmenschliche Eröffnung ihren Höhepunkt erreicht. Der Taxifahrer drehte auf dem Weg ins Wiesler eine Sendung über psychische Erkrankungen übertrieben laut auf und tauchte die Lastenstraße, den Bahnhofgürtel, den Lendkai und den Grieskai in eine urkomisch-melancholische Groteske. Ein Schwall posttraumatischer Belastungsstörungen schwappte beim Ausstieg aus dem Wagen, und ich hoffte auf baldige Erfüllung der von Schernhuber verkündeten Verheißung »Filme führen in Länder, die es gar nicht gibt.« Eine phantastische Vision, die von einer national begrenzten Jahresschau, wie es die des österreichischen Filmschaffens nun einmal ist, wahrlich schwer einlösbar, was umso mutiger ist und der Festivalkuratoren Willen und Lust zur Transgression und Transformation deutlich macht.



Auf dem Nachttisch liegt ein Flyer, den mir Luc auf der Eröffnung zugesteckt hatte, um von Deutschlands erstem queeren Kurzfilmfestival zu künden. Es heißt StyxX und findet statt vom 28. bis 31. März in München. »Na, das passt ja«, denke ich und mache mich auf den Weg zur Projektion von Styx, einer deutsch-österreichischen Produktion, die bislang in den Kinos an mir vorbeigelaufen war. Neun Jahre und auf hoher See soll daran gedreht worden sein. Das will ich sehen. Aber zuvor gehe ich noch in Welcome To Sodom, ich Ahnungsloser! Ein Blick in die Festivalfibel: Der Drehbuchautor zu dem Schrottplatzfilm trägt den Namen Schrotthofer, und der Regisseur von dem Meeresabenteuer heißt Fischer. Ganz klar: Hier walten Kräfte, die das Chaos ordnen! Beide Filme beginnen mit der orakelhaften Kontemplation von Tieren: Sodom mit den vorsichtigen Bewegungen des Chamäleons, Styx mit den Affen von Gibraltar. Die Kuratierung des Festivals ist so geglückt wie die gelungene Hängung einer Kunstausstellung! Und dann öffnet sich Welcome To Sodom, und gleicht mehr einem Tafelbild von Hieronymus Bosch, denn einem realen Abbild aus dieser Welt. Dabei gibt es ihn tatsächlich, den Ort Sodom. Wir haben ihn erschaffen. Mit jedem Schreibgerät, das wir wegschmeissen, helfen wir diesem Ort beim Wachsen. Es ist einer der giftigsten und fürchterlichsten Orte der Welt. Er heißt Abgobbloshie und ist ein Teil von Accra, Ghana, aber seine Bewohner nennen diesen Ort so: Sodom. Sie leben dort, auf dieser uferlosen Mülldeponie, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Dieser Film erschüttert mich komplett! Vom ersten Augenblick an tränen mir die Augen. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Und dann steche ich ins Blau von Styx, und sehe den besten Abenteuerfilm seit ... Susanne Wolff allein auf einer Segelyacht als Überheldin, sie ist eine Göttin – und sie zerbricht. Ich bin fassungslos, verliere den Boden unter den Füßen. Die Unterwelt ruft, aber die Götter enttäuschen. Die größere Ordnung ist kalt, es ist unser Wohlstand, der tötet. Die alte Magie ist nichts weiter als der Gestank der Verwesung! Raus aus dem Dunkel des Kinos, in die Sonne, ins Gegenlicht der Jakoministraße, den ganzen Weg runter bis zur Mur fliehend, Tränenbogen in den Augen. Auch wenn die Musik des deutschen Justin Bieber Kayef völlig uninspiriert und schlecht ist, ist mir ein Lied, in dem es irgendwie auch um Tränen im Sonnenschein geht, an dieser Stelle eine Randnotiz wert: Das Album mit dem Liedchen heißt CHAOS.


Nach diesen Filmen bin ich ein anderer. Was wollte ich gleich wieder in diesem wohlständigen Hotelzimmer ... einen Menschen umarmen? Mich mit aufgeritzten Pulsadern in die beschauliche Badewanne legen? Beides wäre nach diesen Filmerfahrungen plausibel, aber aufbrechen und weitere Filme schauen? Warum, weshalb, wozu? Vor allem: Wie? Nach Sodom und Styx einen weiteren Film zu schauen, ist barbarisch. Zumindest direkt im Anschluss. Erstmal innehalten. Hinsetzen. Schreiben. Dabei habe ich noch gar keine Festivalpremiere geschweige denn Uraufführung gesehen, Sodom und Styx sind noch Reste, Überhangmandate der letzten Saison. Aber gut, ich habe nie behauptet, die Filmkritik als Profession zu betreiben. In diesem Moment scheint mir meine Einladung auf dieses Festival, in dieses Hotelzimmer, ein einzig großes Missverständnis. Aber der von Schernhuber und Höglinger formulierte Anspruch gleich zu Beginn ihrer Amtszeit vor fünf Jahren rettet mich: »Die Diagonale erhebt keinen Anspruch auf vollständige Abbildung des gesamten heimischen Filmschaffens, sie bietet ein kuratiertes Programm ...«. Und ich erhebe keinen Anspruch auf vollständige Abbildung der gesamten Diagonale, setze mich an den Acer und schicke auf Facebook eine Meldung raus: 

»Nach Graz ins Kino musste ich reisen, um ein Gefühl zu bekommen für die Ohnmacht, die kennt, wer Leben und Tod in Händen hielt. Und inmitten eines Rettungsversuchs die Seite der Lebenden als kalt und abweisend erfuhr. Die totale Abgründigkeit, in einen Film gefasst und an eine Leinwand projeziert, hat sie mich heftig erwischt. Um in Zukunft mit wissenden Augen zu begegnen, wem sich in Gefahr und größter Not allein der Fährmann der Unterwelt als Gefährte anbot.« 
Mag pathetisch klingen, für mich ganz real.

Draußen ist Vollmond, ich sitze weiter im Wiesler, das Radio läuft und der Acer macht ähnlich kurze Sprünge wie der VW-Käfer auf der Schleißheimerstraße, damals in der Eröffnungsszene zu Das kleine Chaos: Das Trio steigt in den Käfer, nur um ihn ein paar Meter weiter hinter einem anderen Käfer wieder abzustellen. So springt und hakt der Acer. Was beileibe nicht so schmissig wie jene Eröffnungsszene ist, aber will ich jetzt ernsthaft auf die grüne Schreibmaschine umsteigen, die hier auf dem Sekretär neben dem Bett in nostalgischer Nutzlosigkeit ein gutes Bild abgeben soll? Ich weiß, der Acer ist reif für Sodom. Schon bald wird er dort landen, und der Feuermann wird ihn und alle Fingerspuren von mir und Fengler dort verbrennen. Aber die grüne Schreibmaschine ist so blöd wie der Anti-Feminismus in der Sprache von de Montherlant (Le Chaos et la nuit, 1963), oder die misogynen Gesten von Fassbinder ... und der Text muss fahren, auch wenn die Maschine hakt. Es ist der von Fengler verfingerte Acer, der die Richtung vorgibt. Dabei ist es nicht so, dass ich Michael Fengler verehre. Nein, seine Maschine kam zu mir, und ich muss mir einen Reim darauf bilden. In Mein schönes Leben als Junkie von Muriel Scheu lese ich folgende Anekdote zu den Vorbereitungen des Lemke-Streifens Arabische Nächte

»Am späten Montagvormittag nahm Michael Fengler, ohne eine Miene zu verziehen, die Drehgenehmigung für Tunis und Umgebung entgegen. Wie ich sie erkämpft hatte, interessierte nicht. Fengler bezog auch keine Stellung zu meinem Vorwurf, er habe mich nicht nur unter falschen Voraussetzungen (bei der deutschen Botschaft in Tunis hatten sie die Albatros-Filmproduktion in so schlechter Erinnerung, dass mir die Zusammenarbeit verweigert wurde, weil Fengler und Lemke alles versaut hatten. Natürlich hatten die zwei mir das verschwiegen), sondern auch ohne genügend Verrechnungsgeld nach Tunesien fliegen lassen.«

Mit dieser ganz anderen Geschichte haben wir uns nun wirklich weit entfernt von der Diagonale. Und sind schon wieder drin: Um 22:30 Uhr läuft im Schubert Querelle, Fassbinders unsterblicher Matrosenkitsch. Co-Produzent: Michael Fengler. 

Mit Querelle habe ich mich schon so ausgiebig beschäftigt, da muss ich nun nicht mehr hin, und der Grund für das Laufen ist freilich ein ganz anderer, hat vielmehr mit Hanno Pöschl zu tun, dem sich die Diagonale mit einer Retrospektive widmet. Aber gerade wenn es darum geht, genau zu sein, hat das Eine mit dem Anderen zu tun. Über verquere Umwege, die alle einem sich mir langsam erschließenden Maulwurfskanal folgen, scheine ich allmählich reinzukommen in die Diagonale. So ließe sich mühelos über Burkhard Driest, der als das deutsche Pendant zum Wiener Schauspieler und Gastronom Pöschl durchgehen könnte, und in Querelle nicht nur spielte, sondern auch am Drehbuch saß, eine Linie ziehen zu einem anderen alten Schmuckstück, das die Diagonale zeigt: Hans-Jürgen Syberbergs Meilenstein Romy – Portrait eines Gesichts aus dem Jahre 1967 (idiotischer Titel für diesen zauberhaft montierten Monolog aus Selbstzweifeln und schonungsloser Offenheit), denn Romy Schneiders Reaktion auf Burkhard Driests Erinnerungen an seine Jugend als Bankräuber, preisgegeben in der TV–Talkshow Je später der Abend anno '74, (»Sie gefallen mir ... Sie gefallen mir sehr!«), bleibt legendär. Und freilich ist das wieder die falsche Referenz, die richtige Referenz ist 3 Tage in Quiberon von Emily Atef. Der Nachbau von Schneiders letztem Interview, anno '81 in einem Spa in Quiberon, sehr groß dargestellt von Marie Bäumer, und hier begegnen wir auch Birgit Minichmayr wieder, aber es wird auch so herum rund: Das bretonische Quiberon ist gar nicht so weit weg von Querelles' Brest!

Wahrhaftig das Portrait eines monologisierenden Gesichts ist natürlich Paul Poets My Talk With Florence, das hier mit einem Kino-Konzert von Alec Empire wiedergesehen wird, und auch das ist ein Film, der jeden absolut kaputt hinterlässt, die Verdauung weiterer Filmprojektionen im Anschluss unmöglich macht. Aber zumindest von all jenen, die nicht einsehen wollen, was Otto Muehl für ein Drecksack war, geschaut werden sollte.

In unmittelbarer Nachbarschaft finde ich das Special »Staging Femininity – Projektionen von Weiblichkeit im österreichischen Film« mit mehrheitlich von Künstlerinnen ausgewählten Programmen, die Einblicke in den unabhängigen, experimentellen feministischen Film Österreichs der 1970er- und 1980er Jahre eröffnen. Es gab ja nicht nur Valie Export – sie kommt hier in einem Trouble Feature zur Geltung. Namen wie Moucle Blackout, Maria Lassnig, Mara Mattuschka, Lisl Ponger oder Linda Christanell wünsche ich in Zukunft an anderer Stelle nochmal zu begegnen, und auch wenn das momentan noch eine Utopie sein mag, eines Tages losgelöst und befreit aus dem didaktisch schubladisierenden Korsett »Frauenfilm« oder »weiblicher Blick«. Der Tag wird kommen! Anja Plaschgs Einreichung Das Schreiben und das Schweigen von Carmen Tartarotti macht mich glücklich: Friederike Mayröcker mag nicht sprechen, sie schweigt. Aber wie!

Wieder im Wiesler, Fenglers Schreibmaschine kotzt mich an, blökt: Schreib, du Schrottkopf! Ich winde mich, wehre mich: Buchstabengesicht, halt dein altes Maul, ich wechsel gleich rüber zur grünen Maschine! Aber die fasst ja schon seit dreissig Jahren keiner mehr an. Damals, als man seine Texte noch mit der Bim in die Redaktion brachte. Natürlich schreibt keiner auf der grünen Maschine, ich auch nicht. Aber wie zum Teufel soll ich auf der Maschine mit dem Fengler–Fluch etwas zu den aktuellen Filmen schreiben? Es geht nicht. Andere werden darüber berichten ...

Über das Jelinek-Kunstwerk Die Kinder der Toten vom Nature Theater of Oklahoma. Über den preisgekrönten JOY von Sudabeh Mortezai, der eine Geschichte erzählt von den Nigerianerinnen, die in Wien in Prostitution geraten. Über The Remains – Nach der Odyssee von Nathalie Borgers, der so erschütternd aber doch weniger sehenswert an Styx anschließt. Oder im Anschluss an Welcome To Sodom über den sehenswerten Bewegungen eines nahen Bergs von Sebastian Brameshuber, mit dem nigerianischen Autoverschrotter Cliff und seiner einsamen Werkstatt inmitten der steirischen Alpen. Über Erde, den neuen vom immer sehenswerten Nikolaus Geyrhalter. Und natürlich über GEHÖRT, GESEHEN – Ein Radiofilm von Jakob Brossmann und David Paede, den Sender Ö1 von innen aufschneidend. 
 

Und am Ende, der Festivalsieger: Chaos, von Sara Fattahi. Drei syrische Frauen an drei Orten – Schweden, Wien, Damaskus – in einer Meditation über den Krieg, der nicht endet. Egal, wo man ist. Chaos ist ein visuell komplexer Film über die Unsichtbarkeit, ein Gespräch über die Stille.



Zwischen Das kleine Chaos und Chaos liegt ein halbes Jahrhundert. Das Weltkino hat sich gewandelt, die Blickwinkel haben sich geweitet. Aber der Krieg ist noch immer nicht aus der Welt.





Anmerkung:


Welcome To Sodom läuft zwischen dem 08. und 19. Mai auf dem DOK.fest München.
Styx ist in sechs Kategorien für den deutschen Filmpreis nominiert, und ist bereits auf DVD erhältlich.

Das kleine Chaos ist täglich auf youtube zu sehen, und Chaos von Sara Fattahi startet am 04. Oktober in den österreichischen Kinos, der Deutschlandstart steht noch aus.