2019-03-30

Das genaue Chaos – Vermessen von den Göttern der Verwesung

Ich sitze in einem Hotelzimmer und tippe Buchstaben in mein Schreibgerät, Das kleine Chaos im Kopf. Das Schreibgerät ist ein langsam fahrender Acer Extensa 5620, vor meiner Zeit benutzt von den Fingern von Michael Fengler. So hatte Èla gesagt, als ich es am Tag vor meiner Abreise nach Graz in ihrer Küche dankbar entgegengenommen hatte. Èla macht was in Grünwald beim Film, und sie sagte diese Worte: Benutzt von den Fingern von Michael Fengler. Fengler, der Fellini, Fassbinder und Lemke produziert, und in ihren Filmen manches Wort geschrieben und manchen Lauf gedreht hatte. Sichtbar wurde er als Mann vor der Kamera in Fassbinders erstem Kurzen, im Zweiten stand er dann hinter der Kamera, es waren die Jahre 1966 und '67: Der Stadtstreicher und Das kleine Chaos. Ein kleiner Durchdreher von drei erfolglosen Zeitungshausierern. Franz, vor dem Filmplakat von Raoul Walshs Maschinenpistolen (WHITE HEAT), »ich hab'n Buch geklaut, antiquarisch«, liest aus Henry de Montherlant, Die jungen Mädchen: »Rasch! Schreiben Sie mir nochmals Worte, die ich küssen könnte. Ich habe Ihren Brief an meine Brust gedrückt, bis es mir weh tat, und je weher es mir tat, desto wohliger wurde mir eben deswegen zumute.« Franz, die Finger zur Darstellung einer Knarre geformt: »Ich möchte endlich mal einen Krimi sehen, der gut ausgeht!« Franz, das Geld vom Wohnungsüberfall zählend, »Was machst'n DU mit deinem Anteil?« Sie kauft sich ein Kleid, er kauft sich irgendwas Vernuscheltes. Und du, Franz? Franz, sein Gesicht im schnellen Zoom: »Ich? Ich geh' ins Kino!«



Erstmal das Radio an. Radio Helsinki, 92,6 MHz. Das Radio musste extra mit, um es morgens oben im Zimmer laufen zu lassen. Kein Sterne-Hotel der Welt bietet »Zimmer mit Radio« an. Das Radio heißt Caliber HPG 3IIR und ist mini klein, und es gehört eigentlich nicht mir, aber das ist eine andere Geschichte. Wir sind nicht in Finnland, aber in Österreich, und Graz hat diesen wunderbar piratesquen Sender, auf dem zwischen neun und zehn Uhr morgens in einem Dreiergespräch die Diagonale analysiert wird: Marie Creutzers Eröffnungsfilm Der Boden unter den Füßen war gefühlt zu lang, und gedacht viel zu kurz. In der Karrierehölle der Unternehmensberaterin Lola ist nicht viel Platz, auch nicht für ihre suizidale Schwester Conny, die fliegt raus, so wie alles, was zuviel an Personal und an Kollegen ist. Mysteriöse Anrufe und Kurznachrichten deuten einen Horrorthriller an, überschreiten aber keine Linie und treten auf der Stelle. Ich gebe den Stimmen recht und dreh' wieder ab. Gestern Abend, in diesem Raumschiff namens Helmut-List-Halle, hatte meine innere Stimme während der Projektion notiert: Das Telefon taugt nicht als halluzinatorischer Spielraum, und der Psychohorror kommt mit dem Arbeitsfetisch nicht aus dem Themenpark raus. Die Festivalleiter aber sind gute Politiker. »Sehr verehrte Damen und Herren, Nationalismus ist Gift für die Gesellschaft!« Peter Schernhubers lang nachhallendem Eröffnungssatz und Sebastian Höglingers Beschwörung der Werte Humanität, Egalität, Geschwisterlichkeit und Solidarität wurde gleich flammenden Schwertern auch von meinen Händen applaudiert. Gemeinsam erhob man noch die Genauigkeit zur Parole, und Birgit Minichmayr weinte vor zweitausend Anwesenden, weil sie von allen geliebt wird. Damit hatte die zeitbewusst staatsmenschliche Eröffnung ihren Höhepunkt erreicht. Der Taxifahrer drehte auf dem Weg ins Wiesler eine Sendung über psychische Erkrankungen übertrieben laut auf und tauchte die Lastenstraße, den Bahnhofgürtel, den Lendkai und den Grieskai in eine urkomisch-melancholische Groteske. Ein Schwall posttraumatischer Belastungsstörungen schwappte beim Ausstieg aus dem Wagen, und ich hoffte auf baldige Erfüllung der von Schernhuber verkündeten Verheißung »Filme führen in Länder, die es gar nicht gibt.« Eine phantastische Vision, die von einer national begrenzten Jahresschau, wie es die des österreichischen Filmschaffens nun einmal ist, wahrlich schwer einlösbar, was umso mutiger ist und der Festivalkuratoren Willen und Lust zur Transgression und Transformation deutlich macht.



Auf dem Nachttisch liegt ein Flyer, den mir Luc auf der Eröffnung zugesteckt hatte, um von Deutschlands erstem queeren Kurzfilmfestival zu künden. Es heißt StyxX und findet statt vom 28. bis 31. März in München. »Na, das passt ja«, denke ich und mache mich auf den Weg zur Projektion von Styx, einer deutsch-österreichischen Produktion, die bislang in den Kinos an mir vorbeigelaufen war. Neun Jahre und auf hoher See soll daran gedreht worden sein. Das will ich sehen. Aber zuvor gehe ich noch in Welcome To Sodom, ich Ahnungsloser! Ein Blick in die Festivalfibel: Der Drehbuchautor zu dem Schrottplatzfilm trägt den Namen Schrotthofer, und der Regisseur von dem Meeresabenteuer heißt Fischer. Ganz klar: Hier walten Kräfte, die das Chaos ordnen! Beide Filme beginnen mit der orakelhaften Kontemplation von Tieren: Sodom mit den vorsichtigen Bewegungen des Chamäleons, Styx mit den Affen von Gibraltar. Die Kuratierung des Festivals ist so geglückt wie die gelungene Hängung einer Kunstausstellung! Und dann öffnet sich Welcome To Sodom, und gleicht mehr einem Tafelbild von Hieronymus Bosch, denn einem realen Abbild aus dieser Welt. Dabei gibt es ihn tatsächlich, den Ort Sodom. Wir haben ihn erschaffen. Mit jedem Schreibgerät, das wir wegschmeissen, helfen wir diesem Ort beim Wachsen. Es ist einer der giftigsten und fürchterlichsten Orte der Welt. Er heißt Abgobbloshie und ist ein Teil von Accra, Ghana, aber seine Bewohner nennen diesen Ort so: Sodom. Sie leben dort, auf dieser uferlosen Mülldeponie, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Dieser Film erschüttert mich komplett! Vom ersten Augenblick an tränen mir die Augen. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Und dann steche ich ins Blau von Styx, und sehe den besten Abenteuerfilm seit ... Susanne Wolff allein auf einer Segelyacht als Überheldin, sie ist eine Göttin – und sie zerbricht. Ich bin fassungslos, verliere den Boden unter den Füßen. Die Unterwelt ruft, aber die Götter enttäuschen. Die größere Ordnung ist kalt, es ist unser Wohlstand, der tötet. Die alte Magie ist nichts weiter als der Gestank der Verwesung! Raus aus dem Dunkel des Kinos, in die Sonne, ins Gegenlicht der Jakoministraße, den ganzen Weg runter bis zur Mur fliehend, Tränenbogen in den Augen. Auch wenn die Musik des deutschen Justin Bieber Kayef völlig uninspiriert und schlecht ist, ist mir ein Lied, in dem es irgendwie auch um Tränen im Sonnenschein geht, an dieser Stelle eine Randnotiz wert: Das Album mit dem Liedchen heißt CHAOS.


Nach diesen Filmen bin ich ein anderer. Was wollte ich gleich wieder in diesem wohlständigen Hotelzimmer ... einen Menschen umarmen? Mich mit aufgeritzten Pulsadern in die beschauliche Badewanne legen? Beides wäre nach diesen Filmerfahrungen plausibel, aber aufbrechen und weitere Filme schauen? Warum, weshalb, wozu? Vor allem: Wie? Nach Sodom und Styx einen weiteren Film zu schauen, ist barbarisch. Zumindest direkt im Anschluss. Erstmal innehalten. Hinsetzen. Schreiben. Dabei habe ich noch gar keine Festivalpremiere geschweige denn Uraufführung gesehen, Sodom und Styx sind noch Reste, Überhangmandate der letzten Saison. Aber gut, ich habe nie behauptet, die Filmkritik als Profession zu betreiben. In diesem Moment scheint mir meine Einladung auf dieses Festival, in dieses Hotelzimmer, ein einzig großes Missverständnis. Aber der von Schernhuber und Höglinger formulierte Anspruch gleich zu Beginn ihrer Amtszeit vor fünf Jahren rettet mich: »Die Diagonale erhebt keinen Anspruch auf vollständige Abbildung des gesamten heimischen Filmschaffens, sie bietet ein kuratiertes Programm ...«. Und ich erhebe keinen Anspruch auf vollständige Abbildung der gesamten Diagonale, setze mich an den Acer und schicke auf Facebook eine Meldung raus: 

»Nach Graz ins Kino musste ich reisen, um ein Gefühl zu bekommen für die Ohnmacht, die kennt, wer Leben und Tod in Händen hielt. Und inmitten eines Rettungsversuchs die Seite der Lebenden als kalt und abweisend erfuhr. Die totale Abgründigkeit, in einen Film gefasst und an eine Leinwand projeziert, hat sie mich heftig erwischt. Um in Zukunft mit wissenden Augen zu begegnen, wem sich in Gefahr und größter Not allein der Fährmann der Unterwelt als Gefährte anbot.« 
Mag pathetisch klingen, für mich ganz real.

Draußen ist Vollmond, ich sitze weiter im Wiesler, das Radio läuft und der Acer macht ähnlich kurze Sprünge wie der VW-Käfer auf der Schleißheimerstraße, damals in der Eröffnungsszene zu Das kleine Chaos: Das Trio steigt in den Käfer, nur um ihn ein paar Meter weiter hinter einem anderen Käfer wieder abzustellen. So springt und hakt der Acer. Was beileibe nicht so schmissig wie jene Eröffnungsszene ist, aber will ich jetzt ernsthaft auf die grüne Schreibmaschine umsteigen, die hier auf dem Sekretär neben dem Bett in nostalgischer Nutzlosigkeit ein gutes Bild abgeben soll? Ich weiß, der Acer ist reif für Sodom. Schon bald wird er dort landen, und der Feuermann wird ihn und alle Fingerspuren von mir und Fengler dort verbrennen. Aber die grüne Schreibmaschine ist so blöd wie der Anti-Feminismus in der Sprache von de Montherlant (Le Chaos et la nuit, 1963), oder die misogynen Gesten von Fassbinder ... und der Text muss fahren, auch wenn die Maschine hakt. Es ist der von Fengler verfingerte Acer, der die Richtung vorgibt. Dabei ist es nicht so, dass ich Michael Fengler verehre. Nein, seine Maschine kam zu mir, und ich muss mir einen Reim darauf bilden. In Mein schönes Leben als Junkie von Muriel Scheu lese ich folgende Anekdote zu den Vorbereitungen des Lemke-Streifens Arabische Nächte

»Am späten Montagvormittag nahm Michael Fengler, ohne eine Miene zu verziehen, die Drehgenehmigung für Tunis und Umgebung entgegen. Wie ich sie erkämpft hatte, interessierte nicht. Fengler bezog auch keine Stellung zu meinem Vorwurf, er habe mich nicht nur unter falschen Voraussetzungen (bei der deutschen Botschaft in Tunis hatten sie die Albatros-Filmproduktion in so schlechter Erinnerung, dass mir die Zusammenarbeit verweigert wurde, weil Fengler und Lemke alles versaut hatten. Natürlich hatten die zwei mir das verschwiegen), sondern auch ohne genügend Verrechnungsgeld nach Tunesien fliegen lassen.«

Mit dieser ganz anderen Geschichte haben wir uns nun wirklich weit entfernt von der Diagonale. Und sind schon wieder drin: Um 22:30 Uhr läuft im Schubert Querelle, Fassbinders unsterblicher Matrosenkitsch. Co-Produzent: Michael Fengler. 

Mit Querelle habe ich mich schon so ausgiebig beschäftigt, da muss ich nun nicht mehr hin, und der Grund für das Laufen ist freilich ein ganz anderer, hat vielmehr mit Hanno Pöschl zu tun, dem sich die Diagonale mit einer Retrospektive widmet. Aber gerade wenn es darum geht, genau zu sein, hat das Eine mit dem Anderen zu tun. Über verquere Umwege, die alle einem sich mir langsam erschließenden Maulwurfskanal folgen, scheine ich allmählich reinzukommen in die Diagonale. So ließe sich mühelos über Burkhard Driest, der als das deutsche Pendant zum Wiener Schauspieler und Gastronom Pöschl durchgehen könnte, und in Querelle nicht nur spielte, sondern auch am Drehbuch saß, eine Linie ziehen zu einem anderen alten Schmuckstück, das die Diagonale zeigt: Hans-Jürgen Syberbergs Meilenstein Romy – Portrait eines Gesichts aus dem Jahre 1967 (idiotischer Titel für diesen zauberhaft montierten Monolog aus Selbstzweifeln und schonungsloser Offenheit), denn Romy Schneiders Reaktion auf Burkhard Driests Erinnerungen an seine Jugend als Bankräuber, preisgegeben in der TV–Talkshow Je später der Abend anno '74, (»Sie gefallen mir ... Sie gefallen mir sehr!«), bleibt legendär. Und freilich ist das wieder die falsche Referenz, die richtige Referenz ist 3 Tage in Quiberon von Emily Atef. Der Nachbau von Schneiders letztem Interview, anno '81 in einem Spa in Quiberon, sehr groß dargestellt von Marie Bäumer, und hier begegnen wir auch Birgit Minichmayr wieder, aber es wird auch so herum rund: Das bretonische Quiberon ist gar nicht so weit weg von Querelles' Brest!

Wahrhaftig das Portrait eines monologisierenden Gesichts ist natürlich Paul Poets My Talk With Florence, das hier mit einem Kino-Konzert von Alec Empire wiedergesehen wird, und auch das ist ein Film, der jeden absolut kaputt hinterlässt, die Verdauung weiterer Filmprojektionen im Anschluss unmöglich macht. Aber zumindest von all jenen, die nicht einsehen wollen, was Otto Muehl für ein Drecksack war, geschaut werden sollte.

In unmittelbarer Nachbarschaft finde ich das Special »Staging Femininity – Projektionen von Weiblichkeit im österreichischen Film« mit mehrheitlich von Künstlerinnen ausgewählten Programmen, die Einblicke in den unabhängigen, experimentellen feministischen Film Österreichs der 1970er- und 1980er Jahre eröffnen. Es gab ja nicht nur Valie Export – sie kommt hier in einem Trouble Feature zur Geltung. Namen wie Moucle Blackout, Maria Lassnig, Mara Mattuschka, Lisl Ponger oder Linda Christanell wünsche ich in Zukunft an anderer Stelle nochmal zu begegnen, und auch wenn das momentan noch eine Utopie sein mag, eines Tages losgelöst und befreit aus dem didaktisch schubladisierenden Korsett »Frauenfilm« oder »weiblicher Blick«. Der Tag wird kommen! Anja Plaschgs Einreichung Das Schreiben und das Schweigen von Carmen Tartarotti macht mich glücklich: Friederike Mayröcker mag nicht sprechen, sie schweigt. Aber wie!

Wieder im Wiesler, Fenglers Schreibmaschine kotzt mich an, blökt: Schreib, du Schrottkopf! Ich winde mich, wehre mich: Buchstabengesicht, halt dein altes Maul, ich wechsel gleich rüber zur grünen Maschine! Aber die fasst ja schon seit dreissig Jahren keiner mehr an. Damals, als man seine Texte noch mit der Bim in die Redaktion brachte. Natürlich schreibt keiner auf der grünen Maschine, ich auch nicht. Aber wie zum Teufel soll ich auf der Maschine mit dem Fengler–Fluch etwas zu den aktuellen Filmen schreiben? Es geht nicht. Andere werden darüber berichten ...

Über das Jelinek-Kunstwerk Die Kinder der Toten vom Nature Theater of Oklahoma. Über den preisgekrönten JOY von Sudabeh Mortezai, der eine Geschichte erzählt von den Nigerianerinnen, die in Wien in Prostitution geraten. Über The Remains – Nach der Odyssee von Nathalie Borgers, der so erschütternd aber doch weniger sehenswert an Styx anschließt. Oder im Anschluss an Welcome To Sodom über den sehenswerten Bewegungen eines nahen Bergs von Sebastian Brameshuber, mit dem nigerianischen Autoverschrotter Cliff und seiner einsamen Werkstatt inmitten der steirischen Alpen. Über Erde, den neuen vom immer sehenswerten Nikolaus Geyrhalter. Und natürlich über GEHÖRT, GESEHEN – Ein Radiofilm von Jakob Brossmann und David Paede, den Sender Ö1 von innen aufschneidend. 
 

Und am Ende, der Festivalsieger: Chaos, von Sara Fattahi. Drei syrische Frauen an drei Orten – Schweden, Wien, Damaskus – in einer Meditation über den Krieg, der nicht endet. Egal, wo man ist. Chaos ist ein visuell komplexer Film über die Unsichtbarkeit, ein Gespräch über die Stille.



Zwischen Das kleine Chaos und Chaos liegt ein halbes Jahrhundert. Das Weltkino hat sich gewandelt, die Blickwinkel haben sich geweitet. Aber der Krieg ist noch immer nicht aus der Welt.





Anmerkung:


Welcome To Sodom läuft zwischen dem 08. und 19. Mai auf dem DOK.fest München.
Styx ist in sechs Kategorien für den deutschen Filmpreis nominiert, und ist bereits auf DVD erhältlich.

Das kleine Chaos ist täglich auf youtube zu sehen, und Chaos von Sara Fattahi startet am 04. Oktober in den österreichischen Kinos, der Deutschlandstart steht noch aus.


2015-11-24

Facebooktexte – Freitag, der 13.

 
Freitag, der 13.
Die ganze Woche über hatte eine nervöse Spannung in der Luft gelegen. Am Montag hätten Rio und ich beim morgendlichen Rollen durch Obergiesing in einer schmalen Seitenstraße hinterm Café Schaumamoi einem vermummten Sturmpolizisten beinahe den Weg abgeschnitten. Wie in einer Actionfilmszene schwang sich der Mann dann geschwind auf den Beifahrersitz eines dunkelblauen BMW, der aus der gegenüberliegenden Hofeinfahrt gebraust kam. Ehe er weg war fiel mir seine ebenfalls blaue Waffe ins Auge. So seltsam unsexy für eine Pistole, dachte ich. Und: So eine hässliche Waffe ist keine 0/8/15 Ausgeh-Pistole, sondern eine, die heute noch eine Bestimmung haben musste. Die Hässlichkeit sagte: Das hier ist ein Arbeitsgerät! Im Hof selber standen drei ebenfalls Vermummte in grünen Sicherheitswesten in einem nervösen Halbkreis, und der Blick, den ich dort hineinwarf gefiel ihnen gar nicht, so verboten wurde dieser erwidert. Ich empfand in diesem Moment den Kinderwagen als mein wichtigstes Kleidungsstück und ging den Rest der Straße betriebsam meiner fürsorglichen Rolle nach und versuchte auf das Gesehene zu pfeifen.
Am Dienstag stahl dann der Innenminister der Kanzlerin die Schau und war mit seinen Ideen auf Platz Eins der Zeitungsmeldungen. Am Mittwoch bekam ich eine E-Mail mit dem Wortlaut "Sei auf der Hut! Soeben bin ich aus einem Alptraum erwacht, in dem Du nicht besonders gut wegkamst." Den Absender kannte ich nicht, das machte die Woche noch spannender. Am Donnerstag lernte Rio seine Tanten und Cousinen kennen und es war ein strahlend schöner Tag. Beim Sonnenbaden im Biergarten am Chinesischen Turm wurden dann alle Opfer von einer Vogelschiss Luftpost. Am Freitag kannte meine Nervosität keine Grenzen mehr, was an dem Anruf lag, den ich noch am Donnerstag von Sus Sutherland erhalten hatte. "Wanna do some spoken word at my Corleone thing tomorrow?" Das Corleone hat nun nichts mit der Mafia zu tun, es ist nur eine Bar, in die die Leute aus dem Schlachthofviertel gehen um sich ausserhalb ihres Viertels zu treffen. Niemand auf der Welt hätte mich spontan und unvorbereitet zu einem gesprochenen Wort dorthin bestellen können ausser vielleicht Sus. Das liegt nicht nur an dem blaugelben Bild, das er mir von seiner letzten Ausstellung dort geschenkt hatte, und das ich jetzt hier, während ich diese Zeilen tippe, an der Wand hängen seh. Ich mag Sus einfach wirklich sehr. Also sagte ich zu und war den ganzen Freitag Vormittag damit beschäftigt ein Programm zusammenzustellen. Mittags um Zwölf mailte ich Sus den Infotext "Gabi Prinzip spricht: Neudeutsche Fight Songs" und machte mich nach dem Mittagessen daran, "Everybody Was Kung-Fu Fighting" ins Deutsche zu übersetzen:



"Alle waren am Kung-Fu-kämpfen

Diese Tritte waren schnell wie der Blitz
 

Tatsächlich war es ein kleines Bisschen beängstigend
 

Doch sie kämpften mit erfahrenen Bewegungen"

Das hatte irgendwie Schmiss. Als Backing Track fand ich dazu die Filmmusikplatte zu Birdman passend, nervöses Getrommel, sonst nichts. Beat Poetry! Ausserdem hat der Schlagzeuger denselben Familiennamen wie ich. Den Rest vom Nachmittag war ich mit spannungsgeladenem Spazierengehen beschäftigt. Zwischendrin traf ich Daniel Murena und Matthias Startklar in einem Reisebistro der Deutschen Bahn und wir heckten einen Plan für ein geheimes Rockkonzert für die Zeit zwischen Weihnachten und Sylvester aus. Ihr erfahrt noch davon! Mir blieb kaum Zeit Abend zu Essen, da spannte sich vor einer nasskalten Nacht der Abend im Corleone wie ein warmes Laternenlicht auf. Ich freute mich, mit Flo Stielow neben Sus einen weiteren Künstler, den ich sehr mag, noch vor der Tür anzutreffen. Flo hatte beim Das Weiße Pferd Konzert Anfang des Jahres im Milla dieses großartige Foto geschossen, just in dem Moment abgedrückt, da ich eine Spielkarte ins Publikum werfe. Das trainierte Reaktionsvermögen des Sportfotografen! Drinnen traf ich glücklicherweise gleich auf Émilie Gendron, die für mein Handicap, die neuen Texte nicht auswendig zu können, eine Lösung parat hatte: Sus wünschte sich, dass ich die Texte als Opening Ceremony auf dem Bartresen stehend in die Menge schmetterte, und Émilie würde die Textblätter vor mir stehend über ihren Kopf halten, und so taten wir es. Émilie beherrscht nämlich mittlerweile die deutsche Sprache richtig gut, das wissen nur die Wenigsten, aber sie folgte meinen spoken words und las parallel von meinen Lippen und den Zeilen ohne dass wir es vorher geübt hätten und blätterte ganz wunderbar. Leo Vom Dach war zwischenzeitlich hinter seiner DJ Burg aufgetaucht und sprang mir bei der Aussteuerung vom Mikro zur Seite. Auf der Bar im Corleone zu stehen und "Sieh den Dschungel, Dschungel voraus! Zieh los mit deiner Gang ja, mach dich zum Affen durch die ganze Stadt" zu plärren war alles in allem jedenfalls ein sehr erhebender Moment und Sus war glücklich. Bei "Rock'n'Roll Haltestelle" dachten alle, ich hätte den Text speziell auf Flo Stielow's tolle Videos zugeschnitten: immer wenn das Wort "Sternwarte" fiel, gab es an der Wand Flo's NASA Weltallbilder zu sehen. Für den Fall, dass mich der Tresen nach dem Kung-Fu Stück noch länger tragen wollte, hatte ich noch einen weiteren Fight Song vorbereitet, eine Übersetzung von einem spanischen Songtext von Kiko Veneno, der ging so:

"Hättest du nicht den Wecker nach mir geworfen
hätte ich nicht die Nachttischlampe nach dir geworfen

Hättest du mich nicht mit dem Hausschuh getroffen
hätte dich nicht unser Portraitbild getroffen

Hättest du mich nicht mit der Kommode erschlagen
hätte ich dich nicht unter dem Kleiderschrank begraben

Wärst du nicht so ein Amerikaner
wär ich nicht so ein Russe"


Aber wir liessen es gut sein und die sehr aufmerksame Bardame spendierte mir einen Munich Mule mit extra viel Gin. Gleich danach bekam ich einen Gin Tonic mit auch extra viel Gin – (hey Sus, den könntest du mir eigentlich noch rückwirkend spendieren!) – und Leo liess die Rillen sprechen während die fröhlich launigen Leute in die schrillsten Lichtgewebe getaucht wurden. Émilie war weitergezogen, die Grexits im Import Export aufzuschnappen, dafür kam BELP ins DJ Eck gestellt, mit professoraler Wachsamkeit überprüfend, ob der gute Leo auch regelmäßig die Schamoni Musik Produktion "Skläsh" durch den Verstärker reichte. BELP und ich, wir waren uns schon länger nicht begegnet, da freute ich mich auch hier über ein gesprochenes Wort. Leo spielte die Doors – "Break On Through To The Other Side" – da kam Angela Aux zur Tür rein, bleich wie der Tag, sah mich und überbrachte die Nachricht: "Ich glaub ich pack das hier jetzt nicht." Er war ganz verstört. "Paris macht mich fertig." Ich verstand nicht und dachte zuerst ihm war Paris aus dem Aloa Input Tourplan gestrichen worden. "Ja hast du's nicht gehört? In Paris gab's mehrere Anschläge. Auf einem Metal Konzert soll's hundert Tote gegeben haben. Man weiss noch nichts Genaues." Es war so laut, dass ich nur "Heavy Metal Konzert" verstand und diese grässliche Nachricht so an Leo und BELP weitergab. Wir rätselten ein bisschen, was für ein Metal Konzert das gewesen sein könnte, Leo und ich waren uns einig, dass es in unseren Leben eine Zeit vor und eine Zeit nach 09/11 gibt, und ich begab mich erneut nervös aber zumindest betrunken auf den Nachhauseweg.
Die Besucher der "Eagles Of Death Metal" waren wie Schlachthasen exekutiert worden. Es war kurz vor drei Uhr, am Morgen des 14. November, als ich die Meldung las, Paul Pötsch für seinen guten Kommentar ein Like gab, und den Rest der Nacht ratlos wie gelähmt in der Küche saß. Wir werden lernen müssen, uns an die Nacht zu gewöhnen.


2015-10-05

Songtext: BORDERLINE

 
BORDERLINE

Immer wenn ich draussen bin
will ich schnell wieder rein
dö dö dö
drinnen erinner ich mich
's war gut raus zu sein

Immer wenn ich drinnen bin
will ich schnell wieder raus
dö dö dö
draussen erinner ich mich
's war gut drin zu sein

Wenn die Welt verschlossen ist
dann brech ich eben ein
dö dö dö
wenn ich eingeschlossen werde
brech ich eben aus

Wenn ich nicht zum Spielen komm
dann steck ich wo tief drin
dö dö dö
wenn ich mal wo nicht rauskomm
dann hau mich bitte raus

Steht ein Zaun vor deinem Haus
dann komm ich nicht gut drauf
dö dö dö
steht auf die verboten drauf
dann geh ich mit dir aus

Wenn ich mich wo reinverlauf
dann schnell ich wieder raus
dö dö dö
wenn ich wieder draussen bin
dann bin ich wieder rein

Immer wenn ich draussen bin
will ich schnell wieder rein
dö dö dö
drinnen erinner ich mich
's war gut raus zu sein

I WALK THE BORDERLINE
BORDER BORDER BORDERLINE

I TAKE IT ALL
I TAKE IT ALL
OVER THE LINE



2014-12-03

Songtexte: Autojunge


Alle nennen ihn:
Autojunge

sein Gang ist immer

voller Schwung

er ist nie

laut, er ist nur jung

er schlendert gern

allein herum


Er hat nur Zeit und geht herum
 
Und er sieht sie

die Jungs vom Hof

wie sie fahr'n

als Gang umher

sie sind so

junge Jungs wie er

nur viel lauter

und sie sind mehr


Und er muss gar nichts verstehn


Sie wär'n gern frei 
wie er und er 
wär auch gern mal
einer von ihnen
und geht einfach 
nur so umher
wie Autojungen 
geh'n herum


Und dafür braucht es keinen Grund 


Und so dreht er
seine Runden

und das ist 
ja auch gesund
nur was riechen

nur was seh'n

Wäschedampf in

Sonnenalleen



Da ist ein Motor in ihm drin und brummt



Er ist so läufig

wie eine Hündin

läuft durch München

Wien, Berlin

er braucht kein Auto

hat noch Füße

sag Klaus Lemke

schöne Grüße



Asphalt lässt die Schuhe düsen



Draussen ist er

ganz beiläufig

langsam geht er

durch die Straßen

er ist so da wie

die die da sind

hat sein'n Gang und

du, du siehst ihn



Da ist ein Motor in ihm drin und brummt



„Autojunge“

sagen die Leute

Leute wollen ihn

anhalten

und er steigt

nie ein, nirgends

er hat viel Zeit

er ist nicht dumm



Er hat nur Zeit, mit der geht er gut um



Obwohl er hier

der Walking King ist

denkt er an

ein fernes Land

das allen ander'n

unbekannt ist

abends schaut er

in Fenster rein



Und er steigt nie

in ein Auto

er hat ein Auto

in seinem Kopf


2014-09-23

Die Raketenkönigin lädt nach – Niki de Saint Phalle und der Potlatsch von Offenbach am Main.


Keine 3000 Meter Luftlinie trennen in Paris den Grand Palais vom Strawinski-Brunnen am Centre Pompidou. Zu weit, um mit einer Gewehrsalve eine Schusslinie zu ziehen. Selbst mit einer MK 40 kommt man, vom Grand Palais aus geschossen, allenfalls bis zur Place de la Concorde, bis zum Obelisk. Mit Spezialaufsatz und einer maximalen Reichweite von 2500 Metern vielleicht noch bis zum Louvre, aber dann ist Schluss. Selbst wenn man noch weiter schiessen könnte, müsste man dort, im Louvre, erst etliche Bilder durchschiessen und bis dahin noch zig Hauswände durchbohrt haben, so wie Gordon Matta-Clark einst ein Haus in der Rue Beaubourg mit Blick auf das Centre Pompidou aufgeschnitten hatte. Dort, ins Centre Pompidou, müsste man schlussendlich als Kugel eindringen, um auf der anderen Seite herauspreschend schließlich in den Strawinski-Brunnen platschen zu können. Kurzum, es wäre zu schön, liesse sich von der großen Niki de Saint Phalle Ausstellung, zu besuchen bis zum zweiten Februar 2015 im Grand Palais, eine direkte Fluglinie zum seit 1983 von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle maschinisierten und nananisierten Brunnen spannen. Doch wo die Physik versagt, vermag die Kraft der Poesie zu walten, und auch wenn das Schiessen mit Blei im Sinne von Niki gewesen wäre, so wollen wir nun Raum und Zeit durchquerend lieber parallele Linien mit Worten skizzieren, um zu verbinden, was der Geist auf Umwegen vermag.

Denn wo mögen sie sein, die Geister der einst so Ruhelosen? Und heissen sie auch dort, wo sie nun schwanken mögen, immer noch so, wie zu Lebzeiten im Irdischen, als sie zum Beispiel hiessen „Jean Tinguely“ oder „Niki de Saint Phalle“? Nun, Geister sind so frei wie die Gedanken frei sind, und während für die Einen momentan die große Geisterstunde mit Niki und Jean im Grand Palais schlagen mag, der gebündelte Geist auf der, just zur Eröffnung, von Konrad Hirsch restaurierten DVD Edition von Peter Schamonis sinnlich langlebigem Niki de Saint Phalle Film dort im Museumsshop erhältlich, ziehen für Hank Schmidt in der Beek, seines Zeichens Art Director von Schamoni Musik, die Geister ihre Kreise in einer himmlischen Schenke, in welcher die Gestalt der Architektur des Centre Pompidou von der feucht fröhlichen Betriebsamkeit eines Frankfurter Apfelweinlokals durchspült wird. Konkret sieht das so aus, dass die bunten Metallrohre, wie wir sie aus dem Pompidou kennen, dort oben dazu dienen, Nachschub an Ebbelwoi, Handkäs, grüner Soße, Schäufelchefleisch, Rippche und Tataren zu garantieren und diese immerfort hinauf zu schiessen. Nachzuhören ist diese Phantasie in „Babylon Must Phalle“, einem Reggae der Formation „Lunsentrio“, der in Vinyl graviert zu finden bislang nur auf der Compilation LP „Rock'n'Roll People Vol. 2“ sein dürfte, oder in Druckschrift nachzulesen ist in „Die ewige Apfelweinschenke Pompidou“, erschienen in den Anthologien „Gedichte für Typen wie mich“ und „Gedichte für Girls wie dich“, die der Berliner Verlag Heckler und Koch herausgegeben hat. Dort heisst es:



Und es liegt vor den Rohren der himmlischen Schenke
Die Strawinski-Gass' und der Klapper-Platz:
Hier tauschen Verschiedene irdische Schwänke,
Hier halten Verschiedene munteren Schwatz,



und weiter:



Wo Gemütlichkeit ewig und meisterlich,
Wo niemals jemals der Ebbelwoi all':
Da nehmen für immer mich zwischen sich
Frau Rauscher und Niki de Saint Phalle.



Halt, Stopp! Wer zum Himmel ist Frau Rauscher? Nun, da fangen die parallelen Linien an, interessante Rohrfüllung und Geisteszährung zu erhalten. Lauschen wir den Rohren!
Gleich wird die Rede sein von fliegenden Marmeladen und klirrendem Geschirr. Es wird die Rede sein von Tischbeinen, die, einmal vom Tisch gerissen, gleich Baseballschlägern in den Händen von Hank oder von Gaius liegend, durch den engen Raum sausende Flugteller in der Luft zerscheppern. Es wird die Rede sein von der Offenbacher Küchenzerstörung in der Neujahrsnacht 2002, aufgeführt von jungen Leuten in einer kleinen Mietwohnung in Offenbach am Main. Unter den Protagonisten sehen wir neben Hank und dem eben genannten Sebastian „Gaius“ Kellig, die heute zwei Drittel der bereits erwähnten Pop-Formation „Lunsentrio“ bilden, und als selbige momentan auf das Erscheinen der von Schamoni Musik publizierten Single „Ein Typ wie ich – ein Girl wie du“ warten, neben weiteren Geistesverwandten den Hamburger Galerist Niklas Schechinger sowie den Autor dieser Zeilen. Wir sehen einen Wasserkocher die Glasscheibe des geschlossenen Küchenfensters durchbrechen, Glühbirnen zerspringen und Scherben, die am nächsten Morgen viel Arbeit bringen werden. Wir hören sie Toben und Schreien, und eine Platte von Stunde X rotieren. „Grafengold“, der Zuckerrübensirup, und Aachener Pflümli kleben an der Wand, das Poster mit den verschiedenen Modellen von Lambretta Rollern längst von selbiger gerissen und in Fetzen, und so wüten alle eine ganze Weile. Bald wird die Rede von Frau Rauscher sein, dann, wenn sie zu früher Stunde an der Türe läutet, und sie den noch schlaftrunkenen Niklas durch die Sprechanlage fragt:

„Herrgottnochmal, was war bei Ihnen los Heutnacht?“

„Ja, Frau Rauscher. Wir hatten ein paar alte Freunde da. Da ist uns ein Schrank umgefallen.“

„Ein Schrank umgefalle? Drei Stund lang ein Schrank umgefalle?“

„Mhm, ja, das hat etwas gedauert. Tut uns leid.“

Frau Rauscher, die Vermieterin dieser wie der späteren „Ja!Wohnung“, würde wie viele andere Menschen sich später an dieses Datum nurmehr als den Tag erinnern, da der Euro eingeführt wurde.

Aber was ist der Moment in der Geschichte, weswegen Frau Rauscher mit Niki de Saint Phalle in eine Songzeile rücken sollte? Nun, dazu ist es nicht unwichtig zu erfahren, wie der Abend seinen Lauf genommen hatte: Eben noch war man entspannt und eher lustlos bis gelangweilt auf Klapp- und Klapperstühlen in der Küche gehangen, da sehen wir Niklas Schechinger in Wallung geratend einen dieser Stühle ergreifen und in Stücke hauen, worauf ein anderer sofort aufspringt um die verbliebenen Einzelteile durchs Fenster auf die Straße zu werfen. Niklas Schechinger war Mieter und Gastgeber. Das ist ein wichtiges Detail für das, was folgte. Der Gastgeber ergriff also die Initiative und erteilte der Zerstörung seines Besitzes freien Lauf. Ein kollektiv erlebter Rausch am Opfern von privatem Besitz und Eigentum. Der Trennung vom eigenen Eigentum. Der im Moment der Zerstörung sich neu definierenden Gemeinschaft.

Die Offenbacher Küchenzerstörung war phänomenologisch betrachtet ein Potlatsch. Genau wie bei einem Potlatch, den Ritualtreffen nordamerikanischer Eskimo Indianer, ging es in diesem Augenblick darum, die Gruppendynamik von der negativen Energie träger Materie zu lösen und durch das akzelerative Bewegen starrer Objekte einen energetischen Mehrwert zu erlangen. Bei gleichzeitigem Loslassen der sich in Beschleunigung befindlichen Objekte sollte der Effekt der Zerstörung derselbigen nebenbei den Rausch potenzieren. Ein Potlatsch bedeutet auch: Größe durch die Zerstörung des eigenen Besitzes zu beweisen und mit der Entledigung desselbigen zu wachsen. Möglicherweise handelte es sich um die Vernichtung von als Luxus empfundenem Überfluss. Oder man war Zeuge eines erbrachten Opfers, dem Beweis immaterieller und innerer Stärke, der einem Synonym für Unzerstörbarkeit gleichkommt. Entscheidend ist, dass es sich um den eigenen und nicht um die Zerstörung von fremdem Besitz handelte. Bei solch einem Tanz, bei dem man seinen Besitz wegwirft, wie solcherlei Potlatschs auch genannt wurden, soll es bei ein paar Gelegenheiten auch zu Gewaltexzessen und übergriffigen Zerstörungen gekommen sein, etwa als ein Häuptling im Rausch befand, seine Größe erst in der Vernichtung eigenen Lebensraumes wie der Verwüstung von Häusern bis hin zur Tötung von Sklaven unter Beweis gestellt haben zu wollen.
Eine tatsächliche ökonomische Bedeutung hatten Zerstörungsrituale während der jährlich stattfindenden Potlatsch-Treffen für die Kwakiutl, Tlingit, Inuit und andere Stämme in pre monetären Zeiten. Mit der Einführung des Geldes und des abstrakten Wertes war man in der Lage, Überfluss und Macht durch Ausgaben für Luxus oder, in unseren Zeiten, für Kunst, zu signalisieren. Der Offenbacher Potlatsch datiert ja auch auf eine pre monetäre Zeit – auf die Nacht vor der Euro Einführung. 
 
Den Begriff des Potlatsch hatten Pariser Punks in den frühen 1950er Jahren von Georges Bataille aufgegriffen und als Strategie für die Gegenkultur wiederentdeckt. Lange vor Punk also, aber wie uns Roberto Ohrt schon erklärt hat, waren Leute wie Jean-Michel Mension von den Lettristen die damaligen Punks von Paris. Junge zerstörungswillige Jungs, die mit den alten Daddys nichts mehr zu tun haben wollten, gaben ein Magazin heraus, das sie „Potlatch“ tauften und welches insofern einem Opfer gleich kam, dass sie die Exemplare teils als Geste der Herausforderung an Repräsentanten der Macht adressierten, teils mit einer Geste der Verschwendung auf die Straße schleuderten, irgendwo auf die Straßen von Paris warfen. Obschon diese Leute nichts mit der Welt der Kunst, wie sie uns heute bekannt ist, gemein hatten, als einer hermetisch mit den Bedürfnissen des Marktgeschehens verknüpften elitären Luxustoilette also, so ist es kaum verwunderlich, dass der Potlatsch der Lettristen eigentlich nur in Künstlerkreisen bekannt ist und als Legende weiter erzählt wird. Denn es bleibt doch die Aufgabe der Kunst, den Potlatsch zumindest als Illusion in Aussicht zu stellen, wenn auch die Häuptlinge und Mächtigen in ihrer Allgemeinheit sich nur an dieser Illusion bedienen wollen, ohne deren Sinnlichkeit je zu ergreifen. Von der tieferen Bedeutung der Verschwendung haben die Kunstkäufer mit ihrem Investorblick eigentlich keine Ahnung. Rendite ist alles was sie wollen. Ein paar Galeristen halten dagegen. Wer bei Niklas Schechinger Fine Arts zu Hamburg St. Pauli kauft, kann zum Beispiel damit überrascht werden, bis in alle Ewigkeiten auf den Erhalt einer Rechnung warten zu müssen. Man sollte wissen, dass sich die Diplomarbeit, mit der sich der Galerist einst aus Offenbach verabschiedete, den Titel „Kunst der Zerstörung“ trug.

Niki de Saint Phalle zelebrierte und beherrschte den Potlatsch wie kaum ein Indianerhäuptling vor ihr. Sie war zweifellos ein Häuptling der Kunst, mit Lust am rauschhaften Zerstören der eigenen Werke. In einem Pariser Vorort geboren und aufgewachsen in New York, hatte sie genug amerikanischen Esprit geladen, um sich zur Frau der Tat zu erklären und den französischen Jungs und Daddys eins vor den Philosophenlatz zu knallen. Sie schoss sich einfach frei von allen Vorbildern und Vorahnen, ab Mitte der 1950er Jahre mit ihren Schiessbildern, Bilder, die sie im selben Akt erschuf wie sie sie exekutierte. Bilder schiessen, bumm bumm bumm, Material vernichten, Geld verbrennen und gleichzeitig Geld verdienen – so funktioniert nebenbei bemerkt auch Hollywood. Beschichtetes Celluloid belichten und verbrennen, je größer die Materialschlacht umso größer der Erfolg. Die Kunst erlaubt jegliche Transgression. Niki de Saint Phalle wählte die Kunst, da sie ihre amerikanischen Mechanismen mit ihrem französischen Blick so gut durchschaute und zu ihrer großen Freude die Maschinerie für sich zum Laufen brachte. Deswegen passten Jean Tinguelys dysfunktionale Maschinen so gut zu ihr. In die Wüste von Nevada gehen und den eigenen Atombombentest inszenieren. Maschinen aus Schrott bauen und mit Sprengkörpern in die Luft jagen. Ob Potlatsch oder Imitation von einem Potlatsch, egal. Niki de Saint Phalle hatte genug Sprengkraft für alle, sie ist die Raketenkönigin.

Im Jahr der Offenbacher Küchenzerstörung trat der Autor dieser Zeilen mit der Formation „Murena & Joe Masi“ und der „Raketenkönigin“ in Erscheinung – ein aggressives Electropunkstück, das die drei durch diverse Gallerien und eines Abends auch durch den Münchener Kunstverein peitschen liessen:


Die Raketenkönigin
Baut eine Muschimaschine
Die Raketenkönigin


Sie hat eine Maschine
die Maschine fängt das Feuer
Sie baut eine Maschine
und sie baut auch Ungeheuer


Die Raketenkönigin baut eine Muschimaschine
Baut eine Muschimaschine die Raketenkönigin?

Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle
Präsentieren das Gewehr
Jean baut eine Maschine
Die sich selber zerstört
Niki schiesst auf ihre Maschine
mit einer anderen Maschine


Ma-ma-ma Muschimaschine
Ma-ma-ma Muschimaschine


„Wer ist das Monster, Du oder ich?“ titelt da ganz treffend Peter Schamonis Niki Film aus dem Jahr 1995. Genau darum geht es. Bevor wir uns ewig fragen, ob zuerst die Henne oder das Ei auf der Welt waren, lohnt es sich vielleicht, den Gang durch die Vagina einer Nana zu riskieren und anzuerkennen, dass mindestens ebenso viele KünstlerInnen durch Nikis Geist hindurch gegangen sind, wie sie durch andere hindurchgegangen sein mag, und dass in dieser wechselseitigen Durchdringung sich das Perpetuum Mobile der Welt offenbahrt.

In order to create – one must first destroy“. Wer das gesagt hat? Egal, egal. Es haben so viele soviel gesagt. Schauen wir uns Nikis fantastischen Garten an, den sie als Krönung ihrer Schöpfungen in der Toskana baute, so muss klar sein, dass ihre leidenschaftliche Lust an der Schöpfung in all ihrer Detailverliebtheit erst durch die zuvor jahrelang zelebrierte Zerstörung in all ihrer ausgelebten Ungebremstheit auf den Weg gebracht wurde. Ob ihr farbenprächtiger Tarotgarten nun an den Park Güell von Antoni Gaudí erinnert und Niki dort hindurchgegangen war, ist angesichts der Wirkung, die die Riesennanas auf die Besucher ausüben egal. 
Wenige Tage vor Niederschrift dieser Zeilen kam Peter „Upstart“ Wacha von dort, aus dem toskanischen Capalbio, mit funkelnden Augen zurück – der Münchener Musik Impressario, durch etliche Nanas dort hindurchgegangen, schwelgte in Saint Phallischen Momentaufnahmen und Eindrücken. Neuerdings arbeitet Upstarts Firma Disko B eng mit Schamoni Musik zusammen, der Klangwelt der Schamoni Film & Medien GmbH. 
 
1979 übrigens, zeitgleich wie Niki mit der Erschaffung des Tarotgarten begann, startete man in München mit den Dreharbeiten zur beliebten Kinderserie „Meister Eder und sein Pumuckl“ in einem leer stehenden Haus in der Widenmayerstr. 2. Dort stand also Eders Werkstatt, doch heute fehlt davon jede Spur. 1985 wurde das Haus abgerissen, um dem heute dort befindlichen Unternehmenssitz der „Versicherungskammer Bayern“ zu weichen. Soviel zur Relativität von „In order to create – one must first destroy“. 
 
Das fällt mir eigentlich nur deshalb ein, weil die Versicherungskammer dort im Haus über eine eigene Galerie verfügt, und ich mich erinnere, wie ich dort im Dezember 2005 beim Besuch der dort eingerichteten Niki de Saint Phalle Ausstellung zum ersten Mal auf Peter Schamoni stieß, der mich dort in einem Poster an der Wand hängend auf seinen „Wer ist das Monster, Du oder ich?“ Film aufmerksam machte. Der Grand Palais von Paris ist, für Nikis Geist zum Wandeln, mit seiner Stahl- und Glaskonstruktion nun zweifellos ein schönerer Ort als die Versicherungskammer Bayern. Aber vielleicht zieht sie es auch vor, dort oben im himmlischen Sarg der ewigen Apfelweinschenke Pompidou an der Seite von Peter Schamoni, Frau Rauscher und Jean Tinguely zu wandeln. Beides ist denkbar.

2014-07-18

Texte von Das Weiße Pferd / 2014: 1. STRASSENKÄMPFER / AKKORDARBEIT



Mir ist, als hörte ich sie überall marschieren und angreifen, oh Boy
der Sommer ist da, und das ist die richtige Zeit für Straßenkämpfe, oh Boy
aber was kann ein armer Kerl schon tun
außer von der Münchner Freiheit zu singen
denn hier, in dieser verschlafenen Stadt
ist einfach kein Platz für Straßenkämpfer

Nein

Hey! Ich finde, das ist die richtige Zeit für 'ne Palastrevolution
aber hier, wo ich lebe, schließt man gern Kompromisse
was kann also ein armer Kerl da schon tun
außer von der Münchner Freiheit zu singen
denn hier, in dieser friedlichen Stadt
ist einfach kein Platz für Straßenkämpfer

Nein

usw...

(frei nach "Street Fighting Man" – Jagger/Richards, 1968)
Musik: Das Weiße Pferd
Aufnahme & Mix: Albert Pöschl, Sommer 2014
Coverbild: Anna McCarthy

Outtake von dem Album "MÜNCHNER FREIHEIT / VÖ: 23.01.2015 bei SCHAMONI MUSIK / ECHOKAMMER / Sub Up Records / INDIGO


 
G - Geh
und hol dir den Gehalt
halt - vergiss nicht die Gewalt
die lauert in der Arbeit
A - A - Akkordarbeit
erinner dich daran, ran
an Taschengeld und Liebe
und manchmal auch Hiebe
Vater, Mutter, Chefsache
ist der neue Akkord da?
wo er hingehören soll?
wo er auch gehört wird?
Dreiklang mit nem Kreuz dran
ran an die Arbeit
A - A - Akkordarbeit
und dreh dich einmal rum, rum
um den Quintenzirkel 
und mach ein Kreuz davor, vor
vor der großen Pause
die dauert einen Takt lang
---------------------
Und ran an die Arbeit
A - A - Akkordarbeit
Noten sind verteilt
auf Megabite und Arbeit
es geht auch um Klangfarben
und um den guten Ton, Ton

Ein neuer Akkord geht um, um
ob der wohl wo reinpasst?
und dazugehört, hört?
wer nimmt den E - Akkord auf?
die, die Rekordtaste!
spür die Rekordtaste!
sie nimmt den Akkord auf
es geht um den Rekord-kord
und was tun wir dann?
 
Dann kommt ein Quintensprung
und alles wiederholt sich
und dann kommt schon die Wendung
da ist auch Herz und Terz drin
wir ziehen an einem Strang
und hängen auch kordial dran
drum heissts ja Akkordarbeit
A - A - Akkordarbeit
Die Noten klingen lang
sind harmonisch schön verteilt
im Vierteltakt verteilt
und warten in der Schlange
ja, ich steh in der Schlange
(der Mann ist in der Schlange)
der Schlangenlederhaut, haut
haut auf Trommelfelle
den Feierabend lang
frische Noten in der Hand
hast Banknoten in der Hand
und dann weisst du Bescheid
über A - A - Akkordarbeit
über B - B - B-Akkorde
und über C - C - C - Akkorde
 
Und das weisst du eh eh eh
(ja, das weiss ich: E - E - E)
was du kennst aus dem ef ef
(was ich kenn aus dem F - F)
und jetzt gimme gimme five
mann, wie ich auf all das pfeif
ob Sekunden oder Quinten
pfeif die Noten auch von hinten
in der Tasche noch ein Ass
As - As - Akkordarbeit
 
Wo kommt denn der Akkord her?
ganz unerhört und neu, neu
schick den zur Bearbeitung
der wird jetzt moduliert
dreh dich dann mit ihm im Kreis
mach ein kleines Kreuz davor
vor, Vorzeichen gehen vor
vor, Vorsicht, lange Pause
und jetzt mach mal einen Punkt.
 

(Musik & Text: Federico Sánchez,
interpretiert von KAMERAKINO
für das Theaterstück "Illegal",
uraufgeführt am 20.06.2008
an den Münchener Kammerspielen.

Veröffentlicht mit Das Weiße Pferd auf dem Album "Münchner Freiheit", 
23.01.2015 bei Schamoni Musik / Echokammer / Sub Up / INDIGO.)

SCRABBLEBILD: ANNA McCARTHY