2020-05-06

Meine Platte #13

Die Gefederten und die Geteerten 


Ok, ich tu's wieder! Aber zunächst einmal will ich ein paar Dinge klarstellen. Es ist ja schon ein paar Jahre her, da ich etwas zu dieser wunderbaren Kolumne beigesteuert habe. Dabei war mir das Schreiben für „Meine Platte“ nicht nur wichtig, vielmehr bedeutete es mir die Erfüllung meiner journalistischen Ambition! Ich erinnere mich noch, wie angetan ich als kleiner Knirps vor dreißig Jahren von der Entdeckung dieser Doppelseite war, diese sofort als relevant einstufte: Wer sich in diesem Mitmachzirkel zu Wort meldete, der bedurfte dazu augenscheinlich keines Hochschulabschlusses oder so, nein, hier dazu zu gehören bedurfte einer Legitimation auf anderem Wege, einem, der von konkreter Tat und direkter Aktion ausgehend über die Bühnen dieser Stadt führen mochte. Und das war der einzige Weg, der mich interessierte. Fünfzehn Jahre später war ich drin in der IN, schrieb dies und jenes. Und anderes. Ein Dutzendmal "Meine Platte". Dann sechs Jahre lang nichts. Warum?
Die Antwort könnte lauten: Weil die Welt eine Platte, und diese so uferlos ist. Aloha, Meer aus Musik! Selber schon das ein oder andere Tonträger–Boot mit der eigenen Musik besetzt (huch, die eigene Musik!) den Wellen und Wogen übergeben, und so manche Produktion von geliebten colegas betreut, fällt ein neuerliches Bekenntnis zu Meine Platte nicht so leicht. Welche ist sie denn nun, ene mene meine? Ihr seid so viele, eure Geschichten verschwimmen ... 

Und wenn ich mich in Rillen legte, die fern von meinem Fahrwasser laufen, so mag ich kaum von meiner Musik oder meiner Platte sprechen. Nicht dass mir die Musik so fern wäre, im Gegenteil, nah ist mir so vieles, warum also sollte ich es zu mein Eigen machen? Gleichzeitig bleibt das kindlich naive Festhalten an Meine Platte irgendwie sympathisch, kauzig. Insgesamt weniger unbehaglich, als wenn ich Euch jetzt meine Freundin, meine Frau oder meinen Mann vorstellte. Um nicht falsch verstanden zu werden – Freunde und Freundinnen sind lebensnotwendig, und dann und wann die Leidenschaft für die Eine zu betonen, auch. Aber muss die Betonung einer Leidenschaft und Schwärmerei unbedingt in die Artikulierung von Besitz umschlagen, die Behauptung des Mein Eigentum? Das ist der wunde Punkt. Das große Missverständnis. Der Jammer unserer Konsensgesellschaft. Darunter leidet auch unsere Beziehung zur Musik. Die wird mit einem Bleifuß durch die Kulturverwurstung getreten, auf dass sie sich wandle in Eigentum, auf dass Eigentum generiere Eigentum, auf dass uns allen das Hören vergehe. 

Wer glaubt, Platten seien sein Eigentum, unterliegt einer naiven Illusion. Gewiss, da ist das Material, das eine Exemplar. Das sich gut anfühlt, in der Hand und im Auge. Die Musik darauf aber ... bleibt ein unbändiges Tier, das viele zu zähmen und manche zu streicheln wagen. Viele Hände sind es, die das Fell von diesem Tier berühren, wie könnte es da von einem Paar Händen besessen sein? Wer Musik hört, tritt in Kontakt, steht in Verbindung. Mit denen, die da auch am Hören sind. Und mit denen, die da hinter der Musik stehen. Wie soll etwas, das von vielen an verschiedenen Orten gleichzeitig oder zeitversetzt gehört wird, dem Einzelnen gehören? Ähnlich absurd wäre in Zusammenhang mit einem Telefongespräch die Vorstellung, dass einer Person dieses Telefonat gehören könnte. Das Gehörte gehört dir nicht, mir nicht. Und wenn du zehn Exemplare derselben Platte kaufst, die Musik fliegt dir um die Ohren, macht sich auf und davon. Sie kreist nicht nur um deine Ohren, sie liebt viele Ohren! So ist das Wesen der Musik.
Nun gut, wie eingangs erklärt, liebe ich diese Kolumne, und ich erzähle Euch nun von einem Schwung Platten, von denen ich sagen möchte, sie gehören mir mehr als alle anderen. Und ich spreche hier jetzt nicht von meiner eigenen Musik. Ich spreche von den zwei Handvoll Platten ohne Hülle. Nackt und ungeschützt stecken sie irgendwo zwischen den anderen Scheiben. Dies ist die Geschichte dazu ... 

Den Anlass gab eine Einladung der McCarthys nach Glasgow, zu einer Gruppenausstellung auf einem still gelegten Fabrikgelände. Wiederbelebt unter dem Namen Glue Factory sollte
dort die junge Kunst erblühen, und in Gesellschaft einiger untereinander verbandelter Münchner Künstler versprach das Ganze ein bombiges Happening zu werden. Nur wusste ich zunächst nicht so recht mir einen Reim auf meine Rolle dort zu machen, denn Künstler war und bin ich nicht, zumindest kein auf dem Kunstmarkt aktiver. Aber ich bekam Lust auf eine Aktion. Eine Handlung, die mir eine real durchlebte Tat bedeutete. Es war an der Zeit, ein Opfer zu bringen! Ich packte ein paar Platten von Ikonen, deren Portraits mich lange genug von ihren Plattencovers angeglotzt hatten, sie waren nun fällig. Portraitcovers fand ich schon immer fragwürdig, eine marktschreierisch plumpe Anmache, die auch bei mir so oft gewirkt hatte. Es mussten die Covers von Idolen sein, die mir besonders wichtig waren, und natürlich durften es keine kopierten Bilder sein, vielmehr galt es, die Originalhüllen zu zerstören, sonst wäre es kein Opfer gewesen. So besorgte ich schwarzen Leim und weiße Federn und flog damit nach Schottland. In der Glue Factory angekommen, klebte ich die Hüllen zu einem Quadrat angeordnet an die Wand hinter der Bühne, spielte auf dieser im Anschluss gemeinsam mit meinen Freunden Nick, Sarah und Seb ein paar Lieder – wir nannten uns für den Anlass The Featherall Stars – während Gabi Blum die Aufgabe bewältigte, die Popstars an der Wand mit "Teer" und Federn zu bekleistern. Der ganzen Sache gab ich den Titel "The System of Doctor Tarr and Professor Feather", einer Erzählung von Edgar Allan Poe entlehnt. Auf die einzelnen Platten einzugehen macht nun wenig Sinn, ging es doch um dies: Abschied von den Idolen. Das Loslassen, die Zerstörung. Den Augenblick und das Live–Leben feiern. Ich glaube, dass mir die übrig gebliebenen nackten Platten seitdem wirklich gehören, auch wenn mir nur manche davon noch wichtig sind. "Lust For Life" von Iggy Pop, mit den Zeilen "everything was made for you and me. Cause it just belongs to you and me. All of it is yours and mine. So let's ride and ride and ride and ride." Daran habe ich mich immer noch nicht satt gehört. Die Musik so betongrau gefährlich, ungebremst, mutig, unzerstörbar. Definitiv in den Top Ten meiner Lieblingsplatten. Unzerstörbar!
Die Feier nach diesem kleinen Spektakel in der Glue Factory war sehr lustig, fröhlich und wüst, und am nächsten Morgen lasen wir in der Zeitung, dass in der Nacht auf Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen war, und der ganze Flugverkehr über Nordeuropa ausgesetzt wurde, was mir zwei außerplanmäßig vergnügliche Wochen in Glasgow bescherte.
Von Zeit zu Zeit ist es wichtig, Opfer zu bringen. 

(zuerst veröffentlicht in IN München / März 2019) 



Texte zu Musik: MONKEY BUSINESS

 Anstelle einer handelsüblichen Albuminfo ...

Amerikanische Flottenaktivitäten rund um die japanische Bucht im Westend München

Es dämmert, und das nicht zu knapp! Nebelhörner dröhnen von Schiffen in der Ferne, angelockt von einer Kurbelwelle nah am Ohr, die dämmert auf und simmert ab als stoisch fortlaufender Generalbassmotor, als Bluesriff ohne Akkordprogression, fern also vom schematischen Wesen des Blues ... Und doch, mit Einsetzen eines zauberformelhaften Singsang-Portamento, in luftverspiegelter Nähe zu einem tribalistischen, malischen Desertblues. Die Schiffshörner und die Kurbelwelle senden Codes – es ist immerfort derselbe Code: Zwielicht Zwielicht, es dämmert und taut, es wummert und raut! Hier wird mit inszenatorischen Mitteln eine Kulisse gebaut.

Schon wandeln sich die Nebel- zu Alpenhörnern, deren Walzer auf einer Stufe verharrt, da bricht mit geisterhaftem Glissando das erste Licht in der Brandung, und aus fernen Kreuzern und Sternenzerstörern werden Buddelschiffe, als Modelle eingemacht. Jeder Flaschenhals gibt die Verlängerung eines Tankerrohrs, jede Saite ein haarfeines Tau, das die Takelage hochzurrt, all das in Miniatur. Es folgt Propellerbrummen, Bedrohung aus der Luft, mit Zisch und Krach reissen die Stimmbänder im Sturz, noch beben sie nach, schon ebben sie ab, die pazifischen Detonationen.

Die Stadt Sasebo wurde im Jahr 1902 als Marinestützpunkt gegründet. Japans kaiserliche Kolonialbehauptung war zur Jahrhundertwende immens, und fortan bis zur Niederlage gegen die Amerikaner Mitte des 20. Jahrhunderts ungebremst; Im Juni 1945 wurde Sasebo durch einen amerikanischen Angriff zu 48% zerstört, um gleich darauf zu Diensten der amerikanischen Navy wieder flott gemacht zu werden. Heute ist Sasebo Partnerstadt von Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico und Heimat von Japans besten Hamburgern. Albuquerque mit ihren unaufgeklärten Mordserien und Sasebo mit ihren hochgeschossigen Burgern – bleierne, düstere Twilightzones.

Das dämmernde Zwielicht lässt sich ganz einfach als Effekt herbeiführen – indem man die Augen zusammenkneift. Gangster und Yakuza machen das gern, in Filmen, um ihre Gegner und auch ihre Zuschauer stets in der Dämmerung zu sehen. Und dabei selber cool auszusehen! Die Songs von Sasebo haben die schleichende Körperbewegung von so einem Gangster mit zusammengekniffenen Augen und tragen Titel wie Cobra, Gagac, Gogo und Coja, die allesamt wie Synonyme für das Wort Cool klingen. Carl Tokujiro Mirwald ist dieser böse Oberboss, der Große Räuber Tokujiro, der absolut zu Fürchten ist. Und gleichzeitig ist es natürlich urkomisch, wenn der Chef in dem Stück Unsari verkündet: »So ein Leben habe ich satt, von morgens bis abends nur gehorchen zu müssen.«

Von einer komischen Theatralik beseelt ist ganz generell das Gebaren von Tokujiros Gegenspieler Toshio Kusaba, etwa wenn der sich in dem Stück Gagac in Tokujiros Geliebte verwandelt, und dabei den Angehimmelten bittet, "sie" zu töten, falls dieser "ihre" Liebe nicht erwidert. Und in Nechan kommt es zwischen Beiden zu einem traditionellen Geisha-Spiel, wo der Verlierer von "Stein, Schere, Papier" oder "fli, fla, flu" sich ausziehen muss. Die draußen lauernde Bande klingt derweil so, wie die Mützenjungs in den Illustrationen von Walter Trier zu Emil und die Detektive aussehen, hinter Litfaßsäulen hervorspähend, nur dass sie keine Detektive, sondern selber Ganoven sind. Einmal von dem Boss mit seiner Trillerpfeife aus ihren Ecken zusammengepfiffen, ziehen alle in einem umwerfend lausbübischen Chor die Straße runter, mit dem alleinigen Ziel, der "schönen Schwester" den Hof zu machen.

Die denkt in Gogo, gesungen von Tinka Kuhlmann, darüber nach, wie sich der Vogel zum Singen bringen ließe. Gogo ist eines der höfischen Lieder aus der Feder von Gitarrist Yutaka Minegishi, die allesamt wie ein Gegengewicht zu den verwegenen Stücken von Gitarrist Ivica Vukelic wirken, die wiederum eher aus amerikanischen Traditionen entsprungen sind, aus schwarzen Underclass– Traditionen wohlgemerkt, den echten Volksmusiken eben. Alles auf dieser Platte hat zwei Gesichter. Und jedes dieser zwei Gesichter hat wiederum zwei Gesichter ... Auf den Namen Monkey Business war die Yacht getauft, die dem US-amerikanischen Demokrat Gary Hart zum Verhängnis wurde, als er diese zur Ausübung und Stillung seines außerehelichen Paarungsdrangs während seiner Präsidentschaftskandidatur im Jahre 1987 betrat. Und Monkey Business ist auch der Originaltitel der Slapstick-Klamotte Die Marx Brothers auf hoher See, in deren Verlauf die Brüder als blinde Passagiere an Bord eines Ozeandampfers zwischen die Fronten zweier rivalisierender Gangsterbosse geraten. Am Ende gelingt sie ihnen natürlich, die Einreise nach Amerika, dank ihrer gewitzten Tricksereien.

Die Gruppe Sasebo treibt schon seit etlichen Jahren ihr hinterlistiges Spiel mit kulturellen Klischees. Nach zwei Vinylveröffentlichungen im Mittelformat beim Label Echokammer bringt nun das Label Gutfeeling ihr erstes Großformat auf die Welt. Aufgenommen, abgemischt und überwacht wurde dieser spitzbübische Musikzirkus von Zoro Babel und Manu Rzytki. Kommen Sie nur rein, und hören Sie selbst, hören Sie!

SASEBO
MONKEY BUSINESS (Gutfeeling / VÖ 01.06.2020)