2013-07-29

Confessional Box: "Der kaltblütige Samariter von Mariahilf"


Der kaltblütige Samariter von Mariahilf

Ein Hörtext von Pico Be

Produziert für Kammerspiele München / Urban Prayers

Sprecher: Laura Anastacia Ernstberger, Manuela Rzytki

Raumgestaltung & Video: Gabi Blum / Fotos: Anna McCarthy



Irgendwo auf halber Wegstrecke zwischen München und Berlin bekam ein junger Handlungsreisender einen Maßstab anverliehen, anhand dem es uns gegeben sein sollte, den Abstand zwischen diesen beiden Städten mit der Entfernung zwischen den Städten Jerusalem und Jericho in Relation zu bringen, und diese seine Handlungsreise in eine testamentarische Parabel zu verwandeln. Einen Maßstab, den wir an der Autobahnraststätte Frankenwald angelegt haben möchten, nicht irgendwo also, sondern genau auf halber Wegeslänge verortet.




Die große Rast auf einer Handlungsreise trägt sich gewiss so gut wie immer auf halbem Wege zu, da möchte diese Handlungsreise keine Ausnahme machen. Und nicht anders zu rasten hatte sich auch der namenlose Samariter entschieden, der uns heute noch nur als der „Barmherzige Samariter“ aus der Bibel im Gedächtnis weilt: Er, der wie alle seine samarischen Landsleute im Rufe gestanden haben soll, gütig, gewissenhaft und gläubig zu sein, hatte auf halber Wegeslänge zwischen Jerusalem und Jericho Gelegenheit gefunden, einem verwundeten und misshandelten Mann, den all die frommen und reichen Passanten zuvor keines Blickes gewürdigt hatten, Hilfe, Trost und Beistand zu spenden. Dieser Samariter hatte sich durch diese Tat als der großzügigste aller Reisenden erwiesen, hatte er doch seine Zeit und seine Geduld jenem armen Kerl geopfert. Und über diese großherzige Tat hinaus schleudert er uns nun bis heute seinen Maßstab entgegen, auf dass dieser an der zentraldeutschen Raststätte Frankenwald unserem noch namenlosen jungen Handlungsreisenden in dem Augenblick ins Gewissen schnellt, da Juris Blick auf ihn am Rastplatz fällt.

Doch wer zum Teufel ist Juri und wie kommt Juris Blick in den Bus?

Für eine historiographisch stimmige Passbildqualität unserer Städteparallelen kann nicht allein der Belichtungsmoment eintreten, in welchem wir das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter und die Begegnung zwischen Juri und dem Handlungsreisenden festhalten: Auf halber Wegstrecke aufgetischt, im Niemandsland zwischen Jerusalem und Jericho wie im Ausblick auf die nicht mehr zu sehende Mauer im Dreispurland der Brückenraststätte Frankenwald verankert, müssen wir schon bald die Handlungsebene berühren, um mit einer hübschen Summe wohlwollender Messwerte ausgestattet die Parabel vom kaltblütigen Samariter konstruieren zu dürfen.

Beobachten und sammeln wir zuvor noch mehr Messwerte rund um das Begegnungszentrum Frankenwald ein, so fällt auf, dass die Distanz zwischen Jerusalem und Jericho auf der Karte wesentlich geringer aussieht, als die zwischen München und Berlin, und auch diese objektive Unpässlichkeit mag man zugunsten dieser Parabelisierung nachsehen, wenn man die Unterschiede im jeweils subjektiven Fahrgefühl mit einkalkuliert. Da wäre das Fahrgefühl des Linienbusgestotters, in welchem sich der Münchener Handlungsreisende an einem Herbstmorgen recht bequem festgesessen hat, und das Fahrgefühl des Eselgetrödels, mit dem sich der biblische Samariter nicht ganz unbeschwert in die Historie eingeritten haben mag. Hinzu gesellt sich noch der Höhenunterschied, der einen direkten Vergleich eher favorisiert. Von Jerusalem, der Stadt, in der es dem Namen nach Frieden regnet, während sie gleichzeitig stets im Trockenen liegt, hinab nach Jericho, dem ältesten und am tiefsten gelegenen Ort der Welt, ist es eine richtige Abfahrt.
Von der Schnittstelle, an der „der Himmel die Erde küsst“, hinab zu der Stadt, die nach dem Gott Jarich benannt „Mond“ heisst, oder auch „Mann, der die Mauern niederreisst“ bedeutet, sofern man einem Kind den Namen Jericho gibt, liegen ähnlich viele Höhenmeter, wie im Falle einer Abfahrt von München nach Berlin. München, von Mönchen erbaut, von Bier gestillt, Ort des blauen Himmels und himmlischer Gleichgültigkeit, und dann Berlin, die Stadt im Sumpf. Denn nichts Anderes bedeutet Berlin in seinem slawischen und altpolabischen Ursprung – schlammiger Sumpf und Morast.




Wir müssen uns also diese Busfahrt vorstellen wie die Busfahrt in dem Film „Der Weg, der zum Himmel führt“ von Luis Buñuel, nur rückwärts betrachtet, als würden wir uns den Film rückwärts anschauen. Der Weg führt nach unten und zurück in der Zeit.
Der Bus hatte nervös die Sammelstellen abgeklappert, immer wieder auf Anschlüsse gewartet, während das Rein und Raus der Reisenden, beladen mehr wie Aufbrecher nach Übersee, ein wenig Arche Noah Gefühl aufkommen liess.
Hat Jemand in den 60er, 70er oder 80er Jahren, also den Dekaden der innerdeutschen Mauer, da Frankenwald exakt auf dieser Mauerlinie lag, je so eine „Wallfahrt“ unternommen?

Die große Rast war nicht in Hof, wie bei dieser Linie sonst üblich. Wie schon erwähnt, pausierte der Bus in Frankenwald zu Rudolphstein. Frischluft, in der Mitte einmal gut gestreckt. Draußen glattes Licht, das sticht, da sieht den Münchener Handlungsreisenden ein mittelalter Mann, jener Mann, der vorhin ganz laut im Bus geschnarcht hatte, in einem karierten Hemd auf halbem Weg zur Brücke an.
Eigentlich hatte ihn das Geschnarche genervt gehabt. Er hatte sich während der Busfahrt auf seine Gedanken konzentrieren wollen, über die Gründe seiner Abreise nachdenken wollen, in Gedanken Abschied nehmen, wie man so sagt. Bei der Umformung von Abgründen in Abschiedsgedanken, da war ihm das Geschnarche schon lästig bei gewesen, aber irgendwann hatte er sich daran gewöhnt. Seinen Freunden gegenüber hatte er gesagt, er habe sich dazu entschlossen, München zu verlassen, weil er das tägliche Gedröhne der Glocken von Mariahilf nicht mehr ertragen habe. „Aus München haben mich die Glocken der Mariahilfkirche vertrieben“, pflegte er gesagt zu haben, obschon ihm bewusst war, dass es sich dabei nur um einen so dahin gesagten Witz handeln konnte, und den Freunden war dies auch bewusst. Der spitzrote Glockenturm von Mariahilf hatte für ihn immer etwas Raketenhaftes gehabt, genau wie bei der Heilig Kreuzkirche in Giesing und bei St.Johann Baptist oben am Johannisplatz in Haidhausen, weswegen er Carlita jedesmal zur Namensfindung ihrer direkt dort am Platz gelegenen Bar gratulierte, zumindest eben immer dann wenn er die „Rakete“ betrat.



Was die Freunde nicht ahnen sollten, war die Begebenheit, dass mit der Ankündigung des Gemeindepfarrers, den Raketenturm von Mariahilf mit Europas zweitgrößtem Carillon aufzurüsten, ein tief sitzendes Schuldgefühl im Gewissen des Handlungsreisenden Platz genommen hatte, und von dort nicht mehr aufstehen wollte, weshalb ihm keine andere Wahl blieb, als eines Tages selber aufzustehen und fortzugehen. Ein Carillon mit sechzig Glöckchen sei dabei, gegossen, gezimmert und nach München gerollt zu werden. Daran dachte er im Bus nach Berlin, an die Zeitungsmeldung im Merkur, in der dies zu lesen gewesen war, darüberhinaus wie stolz der Pfarrer und der Mesner über ihr Projekt waren, und dass der Gottesvater sich selbst als „glockenverrückt“ bezeichnete. Und als just im Moment der Lektüre das schallendste Bimbam über den Platz rollte, welches hervorzurufen die Turmglocken auch ohne der Verstärkung durch ein neues Carillon in der Lage waren, da wünschte der junge Mann der gesamten Pfarrei den Tod, angefangen mit dem Mesner über den Pfarrer bis hin zu den Chorknaben schickte er seinen Fluch. Diese Erinnerung begleitete ihn in seinem Innersten, als Juri ihn über den Rastplatz hinweg ansah und „Hallo, Entschuldigung“ sagte, ohne die momentan ablaufenden Erinnerungen des Handlungsreisenden zu ahnen.

Als im Juni diesen Jahres der Mesner in den Freitod sprang, vom hohen Backsteinturm auf den gepflasterten Freiplatz vor Mariahilf hinab, da ahnte unser Handlungsreisender, dass es besser wäre fortzugehen. Er hatte den Sprung nicht gesehen, die Meldung vom zerplatzten Mesner, der ohne erkennbaren Grund in die Tiefe gesprungen, war abermals vom Merkur überbracht worden, aber schuldig fühlte er sich doch, so schuldig wie der Knabe in Buñuels „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“ eines Verbrechens für schuldig befunden wird. Des Verbrechens, kraft böser Gedanken seinen Mitbürgern Tod und Unglück zu bescheren. Oft hatte er sich in den Tagen nach diesem Fluchmord mit Gott unterhalten, in den Tagen vor seiner Abreise hatte er mehr Gespräche mit Gott als mit seinen Mitmenschen geführt. Gott sagte ihm am Ende nur noch, er wolle ihn in München und schon gar in der Au nicht mehr sehen, er solle gehen.
Berlin sei ein gottverlassener Ort, das wäre eine Option, dort würden sie sich nicht begegnen müssen. Dort würden sich die Menschen nicht mit Gott unterhalten, sondern miteinander. Ein gottverlassener Ort. Ein Zufluchtsort für Gedankenverbrecher, eine Stadt wie ein Gedankenkiller, das schien ihm ein passendes Exil.



So war es also gekommen, dass er, der Handlungsreisende sich an diesem Vormittag in den Bus nach Berlin eingefunden hatte, nicht ahnend, dass sich dort am Tiergarten die Kirche mit Deutschlands allergrößtem Carillon befindet.
Da nahm ihm in diesem Augenblick zur Mittagsstunde Juri seine Schuld, sagte „Hallo, Entschuldigung“ und machte einen Samariter aus ihm.

Juri war einen Moment eher noch dieser lästige Schnarcher gewesen, der mit der gesamten Reisegesellschaft seine trüben Ausdünstungen geteilt hatte, und als der Handlungsreisende dieses „Hallo, Entschuldigung“ an sich adressiert spürte, war sein erster Gedanke zunächst „verflucht, ich hab kein Geld zu verschenken“ gewesen. Juri sah aus wie ein Gespenst, aschfahl, grau und zerfurcht, sicher älter als er war. Ein desolater Anblick, ein verzweifelter Ausdruck. Er schwitzte ziemlich. „Bitte“, sagte er, und reichte ihm die Hand, „ich heisse Juri. Ich brauche Hilfe.“ Dann deutete er mit seiner Hand auf seinen Bauch, auf die Stelle, an der sich seine Leber befand. „Ich habe ein... Problem“. Eine Geste, die der Handlungsreisende verstand, Juri hatte in ihm den Samariter erkannt. „Was ist los?“ fragte der Samariter. Juri hob leicht das Kinn, blickte kurz auf seinen Bauch, presste seine Lippen zusammen und schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin Alkoholiker. Ich brauche... Alkohol. Sonst sterbe ich. Verstehst du das?“ Der Samariter nickte. „Ich muss diese Fahrt noch durchstehen. Bis nach Litauen. Heute. Ich habe kein Geld mehr.“ „Was brauchst du?“ Juri schüttelte den Kopf, „einen Schnaps, kannst du mir das besorgen? Ich wäre dir ...dankbar. Ich gebe dir meine Adresse.“ Der Samariter schüttelte den Kopf, „Wodka?“ „Ja, das wäre gut. Ich weiß nicht, wie ich danken soll.“ Sie gingen hinüber zu dem Brückenrestaurant, und Juri schilderte auf dem Weg sein Unglück. Seine Frau hatte ihn verlassen. Aus irgendeinem Grund, der damit zusammenhing, war er ohne einer einzigen Münze in der Tasche losgereist. „Es ist mir egal“, sagte der Samariter, „wie du zu deinem Unglück gekommen bist ist mir egal. Du brauchst Hilfe, und ich helfe dir.“ So gingen sie schweigend die Stufen zum Gusticus hinauf. Ein Self Service, ein Burger King und ein Souvenirshop. Dort fand sich die Ware. Juris Augen wurden lebhafter, „vielleicht doch ein Chantré“, „nein, nein. Wir haben gesagt Wodka. Ist doch auch besser,“ sagte der Samariter. Er bedeutete der Dame hinter der Theke, ein Fläschchen Zarewitsch aus dem Regal zu greifen. Juri nickte. Während dem Kassieren glitten die Blicke des Samariters über das Angebot an Mitbringseln. Da fanden sich Fläschchen mit einer grünen Flüssigkeit, auf deren Etikett „Affenkotze“ stand. Auf anderen Schnäpschen stand „Rhein-Spritzer“, mit dem Buchstaben „h“ in Klammern gesetzt, als Wortwitz. Das waren Fläschchen, die wie Spermazellen geformt aussehen sollten. Daneben gab es unidentifizierbare Souvenirs, auf denen stand „Mit Liebe geschenkt“ und „Für Dich“. Erst beim Treppenabstieg überreichte der Samariter Juri den Wodka. Schweigsam gingen sie vorbei an einem Turm aus Kästen der regionalen Brauerei Mönchshof. Auf dem Etikett war ein Kapuzinermönch abgedruckt.

Wieder im Bus nach Berlin. Juri schnarchte und schwitzte wieder. Die Gedanken an das Carillon kamen wieder. Ein Werbeschild am Autobahnrand sagte auf Höhe der Schlosskirche Eisenberg: „Ich halte dich.“ Und darunter „www.gott.de“, der link zur Homepage von Gott.
Da beschloss der Samariter, einmal in Berlin angekommen, die Beichte abzulegen.




Einmal in Berlin, traf man sich im Kreis um den Münchener Samariter in einer Altberliner Kneipe. Man studierte verschiedene Sorten Bier, allesamt Erzeugnisse aus bayerischen Klosterbrauereien. Das Weißenoher Glockenhelle und der Irrseer Urtrunk mündeten in Erlebnisberichte aus der weiten Welt. Paulus, Schauspieler und Ex-Türsteher vom Münchener Atomic Café erzählte von seiner einwöchigen Klausur bei den Benediktinern der Abtei Andechs, als Vorbereitung auf seine nächste Rolle. Die Brüder seien sehr in Ordnung gewesen. Allabendlich habe er ein Tragerl Bier und einen Krug Wein in seiner Kammer vorgefunden. Einmal habe ihm sogar ein Bruder des Nachts Nachschub bringen wollen. Ganz verdutzt sei er gewesen, als er schlaftrunken auf das Klopfzeichen hin dem beseelten Mönch durch den Türspion ins pausbackige und rauschebärtige Antlitz geblickt habe. Sofort habe er sich in seiner Rolle als Türsteher wiedergefunden, habe „heute nicht“ geschnaubt, woraufhin ihm der fremde Bruder Absolution für all seine schlimmen Erlebnisse und Streitereien vergangener Nächte an der Clubtür erteilt habe. Der Aufenthalt habe insgesamt eine sehr reinigende Wirkung entfaltet.

Diese Episode ermunterte die Runde zu einem halben Andechser Doppelbock. Ohne das dies bereut worden wäre. Es folgte eines berühmten Autors Schilderung einer durchwachten Nacht am Mailänder Bahnhof. Der berühmte Autor habe sich in Erwartung des ersten Morgenzugs dort eine Bank geteilt mit einem bärigen Burschen, der ihm aus seiner skandinavischen Heimat erzählt habe. Die beiden hätten schon beinahe Freundschaft geschlossen, Familienfotos, Bilder von Frau und Töchterchen, diese kleinen Bildchen, die hinter klarsichtigem Plastikschutz in Portemonnaies drinstecken, seien vor seinen Augen aufgeklappt worden, als der Mann auf die Frage, was denn sein Ziel in den kommenden Tagen sei, „well, shooting muslims right between the eyes“ zur Antwort gegeben habe. „Down there, in Bosnia, you see?“ und seine Reisetasche habe die Größe und Umrisse eines Gewehrs in der Vorstellung des Autors zugelassen. „That's my gun.“ Gegrinst habe dieser trunkene Bär. Damals, in den frühen Neunziger Jahren. Es war Krieg im Balkan. Und er, der Banknachbar, habe sich als Söldner zu erkennen gegeben. Als Söldner in göttlicher Mission. „I hate those goddamn muslims so much“ habe er geflucht und ausgespuckt. Dabei eine kleine Taschenbibel hervorholend, und zwei Finger darauflegend habe er gesagt: „For God, my country, my wife.“ Noch nie habe der bekannte Autor eine so kurze Freundschaft gepflegt. Schnell habe er den größeren Wartesaal aufgesucht. Die Geschichte nahm dann aber doch noch ein amüsantes Ende, als der im Wartesaal zwischen anderen Zugreisenden eingenickte Autor vom Geplärre und Geschnaube des christlichen Söldners draussen am Bahnsteig aufgewacht sei, da die Bahnhofspolizei diesen hinaus komplimentiert habe. Er habe sicher gesehen, dass es diese Arabs gewesen seien, die ihm seinen Koffer gestohlen hätten. Jaulende Flüche, die sich entfernend in der Nacht verloren.
Der Samariter verabschiedete sich aus der fröhlichen Runde. Ein paar Türen weiter weckte jedoch der Name einer Bar seine Neugier. Ohne weiter innezuhalten kehrte er ins „O Tannenbaum“ ein. Das Neuköllner „O Tannenbaum“ ist nun kein Ort für Ruhe und Besinnung, doch der Samariter ging festen Schrittes an den Tresen, fest entschlossen hier an Ort und Stelle bei dem Wirt seine Beichte abzulegen. Dem Münchener Samariter schien der Mann hinter der Bar mit den vielen Biermarken hinter sich der ideale Beichtvater zu sein. „Bist du der Wirt?“ fragte er ihn direkt. „Nee, ich helfe heute nur aus.“ „Aushilfe?“ „Ja. Wieso?“ „Aushilfe ist auch gut.“ „Was willst du?“ Da will der Samariter ansetzen, um ihm von seinem Gedankenverbrechen zu berichten, doch der Barjunge winkt ab und reisst den Pegel vom DJ rauf, so dass kein Wort mehr zu verstehen bleibt. So laut wie die Trompeten von Jericho an die Stadtmauern gedröhnt haben mögen, schallte es aus den Membranen und an sein Trommelfell. Eine Beichte und ein ungestörtes Komplizentum waren nun möglich.



2013-03-05

Meine Platte: Joe Strummer in der Wüste


Notturno Indiano – Joe Strummer in der Wüste

Nähert man sich dem Cabo de Gata, Geisterland am Mittelmeer, auf der Buslinie von Nordosten kommend, passiert man unweigerlich das Brückendorf Lorca. Vielleicht ist es kurz vor Mitternacht, man kippt im Flutlicht der Bar einen cortado, freut sich auf den Sonnenaufgang, der wenige Autostunden weiter an den Stränden von La Isleta, Los Escullos und San José wartet, wundert sich, dass einem kein indio eine Tijuana Bible andrehen will, erinnert sich wieder, dass man nicht in Mexiko, sondern auf dem Weg nach Almería ist, und Lorca hat einen gut in den nächsten Tag gebracht. Lorca markiert in jeder Hinsicht eine Grenze. Hinter Lorca beginnt gesäumt von halb umgeknickten Agaven, Kaktusfeigen und erschöpften Goldminen der Westen.

Die grenzenlose Dürre an Angeboten lässt den Reisenden Ziele vorfinden, die leicht und ohne Umschweife zu erreichen sind. Meine Ziele waren klar gesteckt: Ich wollte die Fotografin Jeanne Chevalier treffen, von der ich wusste, dass sie hier mitten im Nichts lebte, und ich wollte Joe Strummer sehen, von dem ich wusste, dass die Möglichkeit bestand, ihn hier zu treffen. Was ich genau von diesen Begegnungen erwartete, war mir nicht klar, aber es waren klare Ziele und das genügte.

Jeanne rief ich von der einzigen Telefonzelle, die es in San José gab, aus an und fragte sie nach ihrem Workshop. Sie sagte, der habe noch Zeit, aber ich solle bei ihr zu Mittag essen und am nächsten Tag bot sie mir an auf ihrer Baustelle zu arbeiten. Nach Feierabend lernte ich während den Tischgesprächen viel über das Wesen der Kunst. Oft war ihr Kollege und Nachbar Oscar Molina zu Gast, der mir erklärte, um gute Fotos zu schiessen sei es wichtiger, sich durch Zeit und Raum zu bewegen, denn das Bild durch den Sucher zu wählen. Man solle nicht mit selektivem Blick wählen, man müsse in den Augenblick hineingehen und dann aus der Hüfte schiessen.

In der Abenddämmerung klapperte ich dann die wenigen Bars der Gegend ab, auf der Suche nach Joe. Nicht durch den Sucher schauen. Ohne selektivem Blick auf der Bildfläche erscheinen, in Bewegung bleiben...
Joe Strummer war nicht über Lorca, den Ort, an den Cabo de Gata gekommen. Lorca, García Lorca, der Dichter, war für ihn das erste Ziel seiner Suche gewesen. Paloma Romero, die später als Palmolive bei The Slits und den Raincoats spielte, hatte dem von Haus aus multikulturell orientierten, als John Graham Mellor in Ankara geborenen Hausbesetzer in den Tagen seiner Zeit mit der Pubrockband The 101ers spanische Verse von Lorca ins Ohr gesetzt.

Joe war von Nordwesten runter gekommen, über Granada. Dorthin war er 1984 geflohen, nachdem er im selben Jahr einen artistischen Fehler begangen hatte, der hier keine Erwähnung verdient. 1982 war noch das letzte großartige Album von The Clash erschienen - Combat Rock, für mich die nachhaltigste und spannendste LP dieser Gruppe, mit tropicalisch üppigen Soundtexturen, dem schnarrenden Gegrummel von Allen Ginsberg, der Zeichensprache des Graffittikünstlers Futura 2000 und diesem coolen Coverfoto, das die Band auf einer eingleisigen Bahnlinie in Thailand zeigt. Ursprünglich hätte die Platte als Doppel-LP mit dem Titel Rat Patrol From Fort Bragg erscheinen sollen, aber dann besann man sich, dass etwas Eleganz und Schlichtheit nach der vollgepackten Wundertüte Sandinista doch angemessener sein sollten. Eine lyrische Eleganz, die ich hinter Songtiteln wie Straight To Hell, Death Is A Star oder eben dem Albumtitel gar nicht erwartet hatte.

In Death Is A Star erzählt Joe etwas von einem Verbrechen, das irgendwo in den spanish mountains stattgefunden und später im Kino zu sehen gewesen sein muss. Nachdem er zwei Jahre später eingesehen hatte, dass The Clash ohne Mick Jones und nicht zuletzt ohne dem Schlagzeuger Topper Headon keinen Sinn stifteten, zog es ihn eben in diese Berge, nach Granada.

Eine Legende sagt, Joe habe dort eines Abends bei seinem Kumpel Jesús Arias an die Tür geklopft und geraunt: "Komm, lass uns Spaten und Schaufeln holen und den Leichnam von García Lorca ausgraben." Zu verschiedenen Gelegenheiten soll Joe gerne gesagt haben: "Quiero tener una ferretería en Andalucía – ich will eine Eisenwarenhandlung in Andalusien haben."

Anekdoten begannen sich auf meiner Suche quer durch den Cabo de Gata zu verdichten. Und letztendlich war ich hier aus dem Bus gestiegen um mir diese Sachen anzuhören. Joe Strummer hingegen war hier für immer aus dem Business ausgestiegen. Er hatte vorher eine der einflussreichsten Rockbands aller Zeiten gehabt, hatte sich wie ein Berserker über die Bühnen bewegt, als wollte er einen Augenblick mit mehr Leben füllen als das Auge einer Kamera mitschneiden kann, als wollte er die Zeit zerschneiden.

Und dann liebte er den weiten andalusischen Himmel, landete eines Nachmittags mit einem Pick-up ohne Nummernschild vor der Ranch Pez Rojo in San José, mit dem Schriftzug La vida no vale nada - das Leben ist nichts wert über der Frontscheibe. Das Leben hat keinen Preis. So schilderte es der Fischer Ángel.

In Rodalquilar saß ich Javi in seiner Bar, die in einer ehemaligen Garage eingerichtet war, gegenüber. Beziehungsweise saß er vor der Glotze, während ich ihn als einziger Gast im Raum mit Fragen löcherte. "Aber was willst du denn mit dem?" Javi schüttelt den Kopf und lacht. "Wenn Joe kommt, dann bleibt er meist die ganze Nacht. Wir rauchen Joints und ziehen uns Lines. Aber wann er kommt, kann man nicht so genau sagen. Er kommt, wann er Lust hat."

Joe tauchte am Rande von Almería auch in einem versoffenen Trashmovie von Alex Cox an der Seite von Grace Jones, Courtney Love und den Pogues auf. In eben jenem Italo-Western-Setting, wo auch Fassbinder '71 seinen Whity in den Sand gesetzt hatte.

Ein Wirt aus Los Escullos erzählte, Joe sei eine Zeitlang ohne Führerschein in der Gegend unterwegs gewesen. Für den Fall dass die Guardia Civil ihn anhielt, hatte er immer ein tape von Manolo  – Que viva España – Escobar zur Hand.
Mittlerweile war es mir auch möglich, mich mit einem Auto durch den parque zu bewegen. Auf den Streifzügen begleitete mich dabei oft ein tape, dessen Musik wunderbar die Stimmung der Landschaft wiedergab: Earthquake Weather - kein phänomenales Album, aber von der ambitionierten Backingband mal abgesehen eine Sammlung ganz wunderbarer Songs. Mal tropisch schwül und sumpfig, mal weit und plain und mit Fahrtwind - vielleicht die einzig gute Soloscheibe von Joe Strummer. Ein Album, von dem seinerzeit, '89, kaum Notiz genommen wurde.

Eines Nachts dann im Pez Rojo, dieser großzügigen Ranch, mit Billiardtischen und mehreren Bars, saß ich unter dem Sternenhimmel im corral. Der Barman hatte gesagt: "Heute ist er da.""Meinst du wirklich?""Ja, heute kommt er. Seguro." Ein paar Cuba Libres später war die Zeit schon weit nach Mitternacht vorgerückt und ich wollte langsam aufbrechen, da spielte der DJ Should I Stay Or Should I Go - Joe Strummer is in the house! Es war natürlich der falsche Song, so wie wenn Yesterday gespielt worden wäre um John Lennon willkommen zu heissen. Aber tatsächlich, da war er also. Er saß einfach draussen an einem Tisch, mit Frau und Töchtern. Was wollte ich noch von ihm? Ich wusste es nicht. Hinzugehen hätte keinen Sinn ergeben, wozu? Ich kam mir vor, als wäre ich am Ende von Notturno Indiano, vom Indischen Nachtstück, einer Novelle von Antonio Tabucchi, angelangt. Am Ende einer Suche, da nichts passiert. Weil der andere nicht darauf wartet, gefunden zu werden, und man ihn in seiner Ruhe nicht stören möchte.

Joe Strummer feierte in jener Nacht seinen 44sten Geburtstag und wäre am 21. August 2012 60 Jahre alt geworden. Der „Pez Rojo“ (Roter Fisch) heisst mittlerweile „Pez Azul“ (Blauer Fisch), und die Kleinstadt Lorca wurde im Mai letzten Jahres von einem massiven Erdbeben erschüttert. 

    Foto von Jeanne Chevalier



2013-03-04

The Blacklist: Margit Czenki

Pacífico Boy singt MARGIT CZENKI



Die Schuhe von den Kindern
mit den Spitzen in einer Linie
man wusste, dass das Knäste sind
Internat und Schwestern
Heim gegen Heim
Schwabing und Haidhausen
das ist meine Zeit
die will ich nicht absitzen
die will ich leben
ich, Margit Czenki

Jeden Tag die Welt 
neu erfinden, und ein 
zweites Mal Erwachen 
einen Schritt weiter 
und nichts ist normal
Rolf Heißler und die RAF
Tupamaros ums Eck
Kommune und Komplizinnen
auf Herrenrädern fährt
Margit Czenki


Trommelrevolver
auf dem Tresen 
für die Bewegung
und fürs Heim
im April '71 
die Hypo Bank zu viert 
fünfzigtausend Mark 
am Frankfurter Ring 
Swingpfennig und Deutschmark
ein Film von Margit Czenki

Heim gegen Heim
Trommelrevolver
Kinderladen nachladen 
für die Bewegung
raus aus der Kirche
raus aus den Knästen
man wird versuchen
dich zu zerbrechen
dich umzuerziehen
Margit Czenki









Margit Czenki, Mutter von der "Goldenen Zitrone" Carol Ted Gaier, überfiel 1971 mit einem Trommelrevolver eine  Hypo-Bank in München. Antiautoritäre Kinderladengründerin. Später Filmemacherin. Hier im Bild ein Still aus ihrem Film "Komplizinnen".

Fluchtpunkt San Francisco (Auszug)

Der Flghfuaen von Ciudad Real httae enie gnaz unwrklchiie Stmmniug ghbeat. Der Twoer httae spieglverglaset und schwraz poliert in der Snnoe ggelänzt, und das gnzae Areal httae in sneier Fnktnluioaität den Endrciuk vrmttleiet, hier könne blad abghbeoen wrdeen. Aber es war nmniead zum Abhbeen da, acuh kein Prsneoal, weit und breit kein Mnsceh. Ncah bndteeeem Fotoschssieen und bei eniem Glas Mndlmlcaeih httae Iván gfrgeat: „Hsat du Lsut, Ski fhraen zu gheen?“ „Ah, vrstheee. Du mnseit, ob wir glceih wteier fhraen, ncah Tordesillas.“ Sie httaen auf Iváns Rsrteieoue ncoh den Complejo de Aventuras Meseta Ski bei Trdslloeias assthueen. Enie Wntrsprtnlgieoaae mit eniem Sklfiit an eniem Hügel, auf dem nmlieas Schnee lag. Enie Schnpsdaiee, mit der scih wndrbuear httae Gled vrbrnneeen lssaen. "Das gnzae Jhar das Abnteeuer lbeen", ztrtiiee Iván den Slgoan, mit dem das Bauprjkoet bwrbeoen wrdoen war. Andreas strcktee scih und gähnte. „Ehrlcih gsgeat, hätte ich Lsut auf ein bsschien Chocolate. Und dnan mal kruz Lfut hloen. Tordesillas knan ja ncoh wrtaen. Was mnseit du?“ „Na, du bsit der Chef. Und wnen der Chef das gnzae Jhar das Abnteeuer erlbeen wlil, dnan sag ich nchit nein.“
Enbrciuh der Dnklhueeit, Schntit.

„You've got two hndas. Use them!“, hört Iván wen lchaen, als er mit zwei Cbua Lbrie und zwei Fläschchen Cloa von der Bar zurück zu Andreas kmmot. In sneier Abwsnheeeit hat scih ihm ggeenüber, hier in enier Stznschiie im Penta, ein brbblgaeier Klfrnaioier mit Schrmimütze brtgmcheieat. Er wdrhlieeot immer wdieer sein „You've got two hndas. Use them!“ Und lchat und prstoet zu, und wdeer Andreas ncoh Iván snid scih schier, ob sneie Empfhlneug irgndtweeas mit dem Mädchen zu tun hbaen slltoe, das nbeen ihm hckot. Das Mädchen rdeet nur Englscih, ist aber endtieuig Spnraiein, una morena, und Andreas fndiet, sie shiet aus wie enie Bnkaräubrein ncah Frbneieaed. Vllchieeit weil sie ihn an die Ángela aus Deprisa, deprisa ernnriet. An die Bnkaräubrein von Crlaos Saura. Ich bin ein Enbrchieer, und sie enie Bnkaräubrein, dnket Andreas, als dsiee acuh schon mit Frgaen hrmbllreuaet. „How are you?“ „Soy español, ich bin Spnaier, so wie du,“ feuert Iván zurück, aber sie gbit den Bdeien wteier englscih Untrrcheit, „Fnie and you? You msut say: Fnie and you?“ Ángela wlil Iván offnschtlceiih nchit als chico de pueblo erknneen, als spnschaien Drfjngouen, und mchat enien Raumfhraer aus ihm. „You gyus are hvnaig good tmie in Mdraid?“ „Oh yeah. We jsut drppoed our car and lost our job, and now we're hvnaig a good tmie“, sprngit Andreas ein. Iván lhnet scih zurück und ist engbrchieoen, innrlceih, wlil raus aus dsieer Bar, raus aus dsieem Raum, in dem ein klfrnschaioier Pschaa pflnzat und Ángelas del Barrio bschttneaed in Tqleuia Snrsuie ertränkt. „Oh, what knid of job?“ „Ftshtnooooig job.“ Der Dckie mit der Mütze ertleit Tppis: „If you go to Clfrnaioia, vsiit Plam Sprngis, you’ll fnid the httsoet grlis there“, und er mchat ein Gscheit wie ein Sndwcaih, sthet auf und wcklaet dvaon, zu den Tlttoieen. Aus den Bxoen kmmot enie Quinqui Rumba, vllchieeit enie von den Chunguitos. 
Iván bgeut scih wdieer ncah vrnoe, blckit Ángela in die Aguen, und sgat lngsaam: „Aus wlcheem Drof kmmsot du?“ „Aus gar kneiem Drof. Ich bin hier aus eniem Brraio, kpraiet? Aus eniem Drof kmmsot du vllchieeit.“ „Bien. Und was splsiet du mit dem Dckien hier für ein Spiel?“ In dem Mmnoet fällt bdeier Blckie auf den Atschuolüssel, den der Mnan nbeen sneiem Mbltlfoieeon auf dem Tscih lgieen glsseaen hat. „Ich spliee Atuo, spliet ihr mit?“, Ángela hbet mit bltzndieem Blcik den Schlüssel auf Agnuehöhe und lässt ihn vor Andreas und Iván pndleen. Iván und Andreas blckien scih an, dnan wdieer das Mädchen, lchaen synchron und Iván sgat: „Vmnaoos.

Rckrtuaig sprngien die drei auf, schnppaen ncah drssauen, rnneen an der Lfut über den Ghsteeig, lchaen. „Ist es weit?“ „Nein, glceih da.“ Die Türschrnieug von dem Chrysler klckat, das Mädchen sgat „ich fhar“, Andreas ist der Bstzeiier und Iván ist der Rückstzier. Es ghet los. „Wie hsseit du?“ Sie bgieen zwmeial um die Ecke. „Ich hsseie Ssnnuaah“. Alle tschauen Blckie aus. Sie snid afgrgueet und glücklcih. „You've got two hndas. Use them! Hhhaaa“, imtriiet Iván den Dckien. „Yes. That's what we do, gyus“. „Whoin fhraen wir?“ frgat Andreas. „Wraum fhraen wir nchit erstmal zu mir. Ich hbae ein nttees Apprtmnaeet im Brraio de San Frncscaio“. „San Frncscaio? Wo ist das?“ „Bei Carabanchel, über die Avndeia de Amércia drüber. Nchit weit von hier, ein paar Amplen.“ „Vmnaoos“. „Vmnaoos“. 


(Auszug aus einer Kurzgeschichte, die im Mai 2013 bei Redelsteiner Dahimène Edition, Wien, erscheint, und daher hier nur verklausuliert abgedruckt wird. Dennoch lesbar.) 

2013-03-03

Ein wütender Tag



Der wütende Mann stand heute wütend auf und kochte wütend seine drei Lieblingsgerichte, aß wütend seine Spaghetti Bolognese, aß wütend seine Lasagne, aß schließlich wütend ein American Breakfast. Danach sah er sich wütend den Trololo Mann in der Schleife an, und im Anschluss sah er sich wütend drei Filme von Guy Maddin, drei Filme von Jaques Tati und danach noch drei von Helge Schneider an, allesamt sehr wütend, und während im Hintergrund weitere Filme wüteten, las er die neuesten Ausgaben der Daily Mary und wurde dabei sehr wütend und hörte deswegen wütend seine drei Lieblingsschallplatten der Beach Boys (Friends, Sunflower und Smiley Smile), und redete danach eine wütende Weile lang mit Jonathan Richman in einem wütenden Gespräch, das sich ausschließlich um die Ästhetik von Neonreklameschildern drehte, ging danach raus ins Freie und fütterte ein paar wütende Vögel ganz wütend mit Kürbiskernen und Pistazien und ging danach wütend rüber zu den Kindern vom kleinen Genossenschafts–Spielplatz und baute mit ihnen einen ziemlich wütenden Schneemann, dann ging er wieder rauf und spielte mit der Katze von der Nachbarin wütend Fangen und sang ihr wütendes Baby in den Schlaf und blieb selber dabei weiter wütend, ging wieder auf sein wütendes Zimmer und chattete sieben Stunden lang recht wütend mit Eszter Balint, der ungarischen Schauspielerin aus Stranger Than Paradise, ging dann kurz entschlossen runter und holte wütend eine Menge frisches Geld vom Bankomat, ging wütend einige Straßen entlang und besuchte Tobias Schamoni und hörte sich wütend Witze von ihm an und erzählte ihm dann auch drei wütende Witze, im ersten kam ein wütender Mann vor, der ganz wütend auf seinen Hausarzt war, im zweiten kam eine wütende Frau vor, die ganz wütend auf ihren Mann war und im dritten Witz trafen sich der wütende Hausarzt und die wütende Frau aus dem zweiten Witz und unterhielten sich über die anderen beiden Männer, die mittlerweile beide wütend waren, danach ging er wieder nach hause und traf im Flur die Nachbarin, der die Katze gehörte und tanzte mit ihr einen wütenden New Orleans Bounce, saß dann noch eine wütende Weile lang in seinem Sessel und blätterte ein wenig wütend in den Schriften der heiligen Teresa von Avila herum, aber las dann doch wütend noch zwei Bücher von Billy Childish, erinnerte sich dabei, dass er nachmittags wütend erst der Kellnerin vom Baaders, dann der wütenden Kellnerin vom Augustiner in der Fußgängerzone und zu guter Letzt noch der Wirtin vom Alten Kreuz ein richtig wütendes Trinkgeld gegeben hatte, und wie wütend er darüber geworden war, legte sich dann hin und dachte im Einschlafen an die komischen Jugendlichen, die vor Kurzem am Hauptbahnhof einem Koch begegnet waren, und ihn zwangen mitzukommen und ihm dann zuhause mit dem Bügeleisen das Gesicht verbrannt hatten, und wunderte sich, ob sie dabei wohl wütend gewesen waren, und ob der Koch es nun noch war, und dachte, er musste sicher wütend sein, schlief dann ein und schlief zehn Stunden lang wütend, wachte auf und musste über den Witz lachen, den ihm im Rausgehen jemand sehr wütend erzählt hatte, und der ihm nun wieder eingefallen war. Darin geht es um einen wütenden Mann, der ziemlich wütend ein paar Dinge an einem Tag erlebt, und alle Leute denken, er sei besonders wütend an diesem Tag, aber er ist nur ein bisschen wütend und nicht so wütend, wie die Leute glauben, dass er wütend ist, denn schließlich ist er der wütende Mann, und am Ende sind alle anderen viel wütender gewesen, auch wenn man es ihnen nicht so angesehen hat, aber der wütende Mann hat einfach nur einen ganz lustigen Tag gehabt.

2013-03-01

The Blacklist: Gisela Werler

Pacífico Boy sings GISELA WERLER


Mit blonder Perücke

und mit der Bitte

das Geld schön zu packen

Gisela Werler

ihr Peter und die Pistolen

gingen gerne Geld holen

nur neue Möbel

und einen Käfer

der war gebraucht

und sie war höflich

sie sagte bitte

sie sagte danke

und das Geld bitte

könnten mit ihrer Pranke

Sie einpacken bitte

Packens das Geld bitte

neunzehnmal ein

und so standen

am Ende geschlossen 

vor der Bahnschranke

in Bad Segeberg

sie und ihr Peter

so ganz verschossen

die Pistole vom Peter

die wollte nicht mehr

Sieben Jahre sitzen

sollte Gisela Werler

so saßen sie ein

sie und ihr Gefährte

der Peter vierzeihn

auf ewig in der Kapelle 

vom Gefängnis getraut

auf der Bank, der Mann, 

die Braut, da saßen sie lang

der Bankmann, die Bankbraut

Gisela, die erste 

im Lande, die erste Bankbraut

Gisela Werler war die banklady

sie war die first lady!


Münchener Hundstage 1971



I find, der is a netter Kerl



sagt Elke Schmitz


in der Prinzregentenstraße


auf der deutschen Bank


gabs Flirt und Bier


und Stimmung gabs im Schalterraum


dieser Mann ohne Beruf


der nicht hat schiessen wollen


mit ihm hab ich mich verstanden


der is a netter Kerl


Angst kam erst um Mitternacht


mit Ankunft der Polizei


bei ihm fühlte ich mich sicher


vor den Waffen der Polizei


beim Schusswechsel blieb ich bei ihm


in blauen Samthosen und durchsichtiger Bluse


sagt Elke Schmitz dies vor dem Richter


i find, der is a netter Kerl


das Geld hat er wollen, nicht schiessen


hat er wollen



22 Jahre Haft für Dimitri Todorov

 
was ist aus Elke Schmitz geworden?



("Am 4. August 1971 um 15.55 Uhr überfielen Dimitri Todorov und Hans Georg Rammelmayr eine Filiale der Deutschen Bank in der Prinzregentenstraße in München. Um ihrer Forderung nach einem Fluchtwagen Nachdruck zu verleihen, nahmen sie die 18 in der Bank anwesenden Personen als Geiseln, ein Novum in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Unter den Geiseln fand sich Elke Schmitz, die vor Gericht später ihre Sympathie für die Bankräuber bekundete. Die Stimmung in der Bank sei gut gewesen.

Nach Verhandlungen mit der Polizei wurden gegen 23 Uhr die geforderte Summe und ein Fluchtfahrzeug bereitgestellt. Zunächst verließ eine weibliche Geisel mit einem Bankangestellten die Bank und wurde in das Fluchtfahrzeug gesetzt, anschließend kehrte der Bankangestellte – der Kassierer – in die Bank zurück. Als Rammelmayr dann anschließend die Bank Richtung Fluchtfahrzeug verließ, wurde er in dem Moment, als er das Fluchtfahrzeug erreicht hatte, beschossen. Bei dem Schusswechsel wurde die Geisel von fünf Schüssen entweder aus der Waffe Rammelmayrs, der kurze Zeit später selbst seinen Verletzungen erlag, oder von der Polizei schwer verletzt. 

Todorov befand sich zu diesem Zeitpunkt noch mit den restlichen Geiseln in der Bank. Als die Polizei anschließend das Gebäude stürmte, feuerte er aus seinem Revolver auf einen Polizisten. Dieser ging in Deckung, so dass das Geschoss ihn nicht traf. Todorov wurde schließlich unter einem Schreibtisch dingfest gemacht, unter dem er sich versteckt hatte.

Die Tat fand eine besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, weil erstmals in der Geschichte des deutschen Fernsehens eine Geiselnahme einschließlich des Schusswechsels und der Erstürmung der Bank live übertragen wurden.

Von den Fenstern des gegenüber der Bank liegenden Edelrestaurants Feinkost Käfer aus beobachteten die Gäste, darunter Franz Josef Strauß und der damalige Innenstaatssekretär Erich Kiesl, die Szenerie. Franz Josef Strauß soll dabei sein eigenes Jagdgewehr zur Lösung des Falles angeboten haben, mit den Worten: „Diese Schweine knall ich persönlich ab.“ aus wikipedia zitiert.)