2020-08-15

Texte zu Musik: Ascolta

 
Ich lausche Ascolta und antworte mit Sprache, notiere Worte. Ich sollte das nicht tun, zumindest nicht in dieser Sprache, und erst recht nicht auf diesem Schreibgerät, einem Apple MacBook mit kaputtem Bildschirm. Um die getippten Worte überhaupt sehen zu können ist daran ein klobiger Monitor der Firma LG angeschlossen, aber das ist nicht der Grund, warum ich das nicht tun sollte. Mit einem einwandfrei funktionierenden Gerät, ganz frisch aus der Fabrik, wäre es dasselbe: Das Problem der Kohärenz zwischen dem, was die Arbeit an Worten mittels einem seriell gefertigten Betriebssystem leisten kann, und dem, was die hier zu hörenden Musiker tun. Weder nehmen sie präfabrizierte Instrumente zur Hand, noch folgt ihr Musizieren einer tradierten Spielweise – ihr Instrumentarium (Gerät) und ihre Notenschlüssel (Sprache) sind selbstgemacht. Mit Ausnahme der Geige von Hariolf Schlichtig natürlich, also öffnet sich vielleicht hier eine Tür zu meinem Tun: Die Sprache gibt die zweite Geige.

Nein. Die Sprache ist weit weg. Der Raum, der zwischen der Sprache und Fuchs' und Babels Stromstößen, Klopfzeichen und Pusteblumen liegt, ist auf keiner Karte markiert. Aber auch der Raum zwischen ihr und Schlichtigs Streichen: Mal blitzt dort ein Zitat auf, und will doch nicht genannt sein. Deswegen sucht Zoro mich heim, damit ich Worte finde. Das intuitive Spiel mit Worten zu illustrieren, sitzen Zoro Babel und ich uns im Raum meiner Dachwohnung gegenüber. Wortlos aber war der Anfang, damals, als ich ganz sprachlos und zuallererst die Beobachtung war: Das zufällige Erlebnis von Zoros Spiel in der Maria-Bar, einem Keller der ehemaligen Funkkaserne an der Domagkstraße München, mit Metallscheiben und Scharnieren, ein Stockkampf mit dem Material. Zweiundzwanzig Jahre liegen dazwischen. Und nun teilt Zoro seine Spielkarten aus und erinnert sich und mich an die Hammerschläge, die seinem Vater Paul Fuchs den Anfang einer selbst geschmiedeten Musik bedeuteten.

Meine Ohren glaubten den Specht im Wald zu hören, doch war es ein Morse-Telegraf. Das Blöken von Büffeln, doch war es das Brodeln des Vulkans. Und Vulcanus war es, den sie beim Fertigen der Blitz- und Donnerpfeile für Jupiter hörten, doch glaubten sie den Eisenerzbergbau der Etrusker zu vernehmen. Dann waren es Möwen, die kamen, um vor einem Mord in einem Stummfilm zu warnen, doch am Himmel waren Propellerflugzeuge aus einem Weltkrieg, sie nannten sich Mosquitos. Die Vorführung des Faradaysche Käfig im Deutschen Museum hörten sie, doch hätte es auch die Arbeit der Rangierer eines großen Güterbahnhofs sein können. Eine Windmühle, die klang wie ein Zementmischer, doch war es eine Holzhand. Und zwischenzeitlich klang das Spiel der Musiker nach Fußball, mit anderen Vorzeichen, mit einem unwuchtigen Ball, womöglich mit runden Kanten ... die es ja gar nicht geben kann. Oder etwa doch? Lauf, lauf! Ein Pass, ein Lauf, ein Sturm, ein Schuss, ein Abpfiff, eine Belehrung, eine Diskussion, aber immer: Weiter!

Im Ohr vollzieht sich eine permanente Geburt: Ein neues Wesen kommt auf die Welt, und doch ist es nicht neu, das neue Kind ist bereits "fertig". Entstanden lange Zeit zuvor, beim Geschlechtsakt. Aber nein, noch eher, viel eher ... selbst ein schnell gesagtes Wort hat eine Vorgeschichte, auch wenn das Bewusstsein dafür weg ist: Über die Lippen kommt es mit dem Anlauf ganzer Wort-Generationen, und seien es auch Contra-Parole, Ablenkung und Gewölk – kein Wort kommt aus dem Nichts, aber auch kein Klang ... ja wo kommt er her, was war davor? Es ist der Wille zur Schöpfung selbst, der sich hier in jedem Schlag und jedem Rütteln hörbar manifestiert, und doch der Logik eines Domino perpetuo obliegt. So folgt das Spiel von Babel, Fuchs und Schlichtig einer spontanen Gebung und Legung, wie auch einer jahrzehntelangen Vorbereitung, Fertigung und Erfahrung.

Da fällt der Blick auf das Material: Holzhand und Kabelungen, Fuchshorn und Fuchstuba, Stierballastsaite und Bronzetrommeln, Gummistiefel auf Sprungfedern und Spiralen aus Rohrstangen (Gärtner und Gärtnertraum), Holzblockwagen und Schiefergranitplatten, Trommeln und Donnerbleche, Oszillatoren und Motoren, Kontaktmikrofone und ein Speichermodul. Sie alle verdichten sich zu einem Spielfeld, verwandeln das Haus in den Colline Metallifere der südlichen Toskana in ein Klangstudio, das selbst ein Instrument, und ich denke an den "Klanggarten" der Hörspielredaktion im Rundfunk, mit Sandkasten, Kies und anderen Elementen zur Simulation von Geräuschen.
Zuletzt das Bild der drei Männer, die im Raum einer Galerie stehend ihr Spiel treiben. Es ist das letzte Bild, das mir in den Sinn kommt, und obwohl es den Aufzeichnungen entspricht, erscheint es mir beim Hören wie eine Fälschung. Ein frei erfundenes, ausgedachtes Bild. 


Linernotes zu Ascolta von Paul Fuchs, Hariolf Schlichtig und Zoro Babel 
CD bei Echokammer
EK 087


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