2019-07-01

Erinnerung an ein Re-rendezvous

 
Erinnerung an ein Rendezvous

Es ist Sonntagmorgen im August 1976. Moment, moment, es ist noch nicht wirklich Morgen, es ist halb sechs. Es ist noch früh. Seifenlauge hängt in der Luft. Die Straßen von Paris sind frisch geduscht. Vögel zwitschern. Der Filmemacher Claude Lelouch startet seinen Wagen, ein Mercedes Benz 450 SEL, an dessen Stoßstange er zuvor eine Eclair cam-flex 35mm Kamera montiert hat. Es ist noch früh, aber für die Figur im Film ist es spät. Sie wird erwartet. Und sie, die unsichtbare Figur, kann es kaum erwarten. Anzukommen, den Wagen zu verlassen und sichtbar zu werden. Und er, Lelouch, er hat es auch eilig. Er ist identisch mit der Figur. Das Spiel ist echt. Lelouch spielt ein echtes Spiel. Es muss schnell gehen. Bevor die anderen, bevor irgendjemand auf die Straße geht. Obwohl: Viel wird nicht gehen. Paris ist im Urlaub. Im August. Am Meer. Aber Lelouch hat nur zehn Minuten Zeit: Den Rest von der Rolle von seinem letzten Film.

Es geht los. Der Wagen schiesst aus dem Tunnel an der Périphérique, an der Mündung Porte Dauphine ist der Morgen nikotinblau.

Kautschukgrün ist die Avenue Foch, mit Kurs auf den Arc' de Triomphe. 140 kmh.

Ein Haifischsarg, der aus einem zugefrorenen Moorsee ragt. Aufgebockt auf Stoßzähnen aus Eis und den quadratischen Augen einer aztekischen Gottheit. Ein Platz für Außerirdische, der Place Charles de Gaulle. Wir passieren ihn mit 110.

Ganz aufgedreht, die Champs Elysées mit 160, rote Ampel und ein Bus wie eine Breitwand. runtergedrosselt auf 110. Es geht vorbei.
Obacht. Lelouche, gleich wirst du eingebuchtet, wenn du so weitermachst, hier an der Place de la Concorde, in einem Schuhkarton und Nagelbrett.
Aber der Motor röhrt laut, an der Place de la Opéra, natürlich!

Rot, rot, rot – Rue Pigalle und Place du Caroussel, hier kommt Lelouche!

Boulevard de Clichy und rein in die Rue Caulaincourt, Avenue Junot, zwei Tauben flattern dort hoch, der Blick rast entlang der Place Marcel Aymé, mit Vollgas über die Place du Tertre. Es quietschen die Bremsen beim Einschlag in die Kurve, und rein geht’s in die Rue Azais, noch im Licht der Laternen, vom ersten Morgenschimmer gebrochen.
Eine letzte Kurve und Steigung und raus kommt der Film am Place du Parvis du Sacré Coeur. Lelouche stoppt den Wagen für die letzte Einstellung: Eine junge Dame wartet an den Stufen der Place du Parvis du Sacré Coeur, jetzt schon ins Tageslicht getaucht.
Der Fahrer reisst die Tür auf, stürmische Umarmung, gerade noch rechtzeitig. Die Figur ist so echt wie der Fahrer echt in diesem Film: Es ist Gunilla Friden, die Lebensgefährtin von Claude Lelouch.C'était un rendez-vous, in knapp neun Minuten gefilmt.
Vierzig 1/2 Jahre später. Im Februar 2017 erschien ein Rerendezvous. Diesmal von einem Ford Mustang aus gefilmt, und einem bezahlten Profi am Steuer, der für dieselbe Strecke nur 1 1/2 Minuten benötigt. Allerdings wird geschummelt. Der Film ist nicht eine Fahrt. Man sieht deutlich die Schnitte in der Strecke. Das Ganze ist ein Ford Werbespot.

Dem Spot vorangestellt wird der Hinweis:

Während der Produktion dieses Films wurden alle Rechtsvorschriften und Geschwindigkeitsbegrenzungen eingehalten. Die Produktion wurde in Zusammenarbeit mit den französischen Behörden realisiert. Unter kontrollierten Bedingungen mit professionellem Fahrer gefilmt. Bitte nicht Nachmachen! Dieser Film wurde modifiziert, um eine erhöhte Geschwindikeit zu simulieren.

Claude Lelouch soll für den Spot sein Okay gegeben haben. Wahrscheinlich, weil im Kontrast dazu sein Rendezvous noch mehr als das wahrgenommen werden kann, als das, was es war: Ein illegaler Ausbruch aus der Verkehrssicherheit. Er hatte damals, 1976, lediglich die Worte vorausgeschickt:
Der Film, den Sie sehen, entstand ohne Tricks und ohne Zeitraffer.

Lelouches Rendezvous ist Cinema Verité. Ein Glücksspiel mit glücklichem Ende. Obwohl Lelouches einzige Absicherung, sein Freund, der Filmemacher Elie Choukrie, der an der Rue de Rivoli hinter dem Louvre mit einem Walkie Talkie die nicht einsehbare Verkehrskreuzung beobachtete, ausfiel: Die Walkie Talkies funktionierten nicht.

Eine Wendung gibt es aber beim Rerendezvous, eine Idee, die das Ende rettet:
An den Stufen des Place du Parvis du Sacré Coeur wartet... ein Mann auf das Date: Aus dem Wagen springt eine Frau. Es ist eine Fahrerin, die diesen fiktiven Rekord von 1 1/2 Minuten Raserei aufstellt.

Im selben Monat, Februar 2017, gibt es in Berlin einen Präzedenzfall: Das Gericht verurteilt zwei junge Männer, die sich ein Autorennen am Kudamm geliefert hatten, zu Mord mit lebenslangen Haftstrafen. Das Auto ist Mordwaffe. Außer, möchte man einschieben, ein betrunkener Verkehrsminister oder Polizist, steuert diese Mordwaffe. "Für mich war das ein stehendes Fahrzeug", verteidigte sich einer 1983 auf dem Weg nach oben. Ein Jahr Knast, der Ministerposten wartete – ein Rendezvous als Staatsminister.

Ich persönlich bin leidenschaftlicher Spaziergänger und kann mit rasenden Autos in der Stadt gar nichts anfangen. Auch mit Lelouches Rendezvous nicht so sehr, mit dem Abstand der Zeit allerdings schon mehr.

Berlin, Kreuzberg, im Juni 2007

Die Autorengruppe Sánchez Schechinger Schmidt zeigt "Rendezvous" von Claude Lelouch rund um den Oranienplatz. Der fahrende rote Bräunlich war eine Galerie, eine fahrende Galerie – auch schon ein Ford, ein Ford Consul, der Joe Masi, bürgerlich Maximilian Bräunlich, gehörte, und für Masi eine Möglichkeit bot, sich von seinem Auto zu verabschieden, indem er es zu einer Galerie umfunktionierte.
Der Film wird aus dem fahrenden Roten Bräunlich auf einen vor ihm her fahrenden Lastwagen projeziert, gleichzeitig aus dem Roten Bräunlich heraus abgefilmt und direkt im Anschluss auf dem Oranienplatz gezeigt. Die Rückwand des Lastwagens zu einer Leinwand umfunktioniert. Für die knapp neun Minuten Filmlänge benötigten Sánchez Schechinger Schmidt knapp neun Umdrehungen, rund um den Oranienplatz, den Oranienplatz zur Pariser Inennstadt umfunktionierend. Die Stadt Berlin transfigurierte damals, in diesem Shooting by driving, im Juni 2007, zur Stadt Paris.

Es gibt keine Dokumente dieser Tat. Alles, was davon bleibt, ist ein Flyer.


Und die Autorengruppe Sánchez Schechinger Schmidt, die sich in der Erinnerung noch weiter, noch immer um den Platz dreht:

Und so drehen wir konstante Kreise um den Oranienburger Platz in Berlin, diesmal in der Abenddämmerung, doch immer wieder mit Blick auf jene Morgenfahrt durch Paris. Vorbei am Boulevard Périphérique, an der Avenue Foch und an der Place Charles de Gaulle, und wir kreiseln um den Oranienburger Platz zum wiederholten Mal. Die Champs Elysées und Place de la Concorde, der Motor röhrt laut an der Place de la Opéra, und laut dröhnt die Wiederholung bei der Umrundung vom Platz in Berlin.
Rue Pigalle und Place du Caroussel, wir drehen uns langsam, der Film fährt sehr schnell. Bd de Clichy und rein in die Rue Caulaincourt, die Projektion, die läuft fort und wir fahren hinterher, konstant und nicht sehr schnell um den Oranienburger Platz zum achten und neunten Mal. Av Junot, zwei Tauben flattern dort hoch, der Blick rast entlang der Place Marcel Aymé, mit Vollgas über die Place du Tertre, und wir sind im zweiten Gang und in der zwölften Runde am Platz in Berlin. Es quietschen die Bremsen beim Einschlag in die Kurve, und rein geht’s in die Rue Azais, noch im Licht der Laternen, vom ersten Morgenschimmer gebrochen. Bei uns ists jetzt stockfinster, nur der Projektor scheint munter, an der Rückwand vom Sprinter von Robbes und Wientjes, und wir hinterher, nur hellgrün über den Dächern die Leuchtschrift vom Möbel Olfe, so brausen wir durch die Straßen von Paris am Montmarte, am Oranienburger Platz in Kreuzberg, Berlin. Eine letzte Kurve und Steigung und raus kommen wir am Place du Parvis du Sacré Coeur, wir halten den Wagen in der Mitte vom Oranienburger Platz an, sehen noch die letzte Einstellung, eine junge Dame wartet an den Stufen an der Place du Parvis du Sacré Coeur, jetzt schon ins Tageslicht getaucht, der Fahrer reisst die Tür auf, stürmische Umarmung, gerade noch rechtzeitig, kam er zu diesem Rendeszvous, und wir schalten aus den Projektor, auf der Verkehrsinsel in Berlin.


Am selben Abend, unweit vom Oranienplatz Berlin, bzw Oranienplatz Paris, hatte ich persönlich kein Rendezvous, aber der Abend ging weiter. im Schrittempo fanden wir uns ein im Trödler, einer Bierkneipe in der Dresdener Straße, gleich beim Möbel Olfe. Dort saß unsereins mit Birol Ünel, dem Birol Ünel aus Gegen die Wand, an einer Bierbank und was Ünel aus den Tagen der Dreharbeiten zu Der Passagier erzählte, und wie Der Passagier zu The Passenger von Antonioni transfiguriert, undsoweiter, undsoweiter ...


















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